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Prominente auf Reisen
07/12/2015

Was Ioan Holender zu Tränen rührt

Der ehemalige Operndirektor, der bald seinen 80er feiert, zeigt die schönsten Plätze seiner Heimatstadt Timişoara in Rumänien.

von Maria Gurmann

Jetzt fahre ich nach Hause." Mit diesen Worten und einem ironischen Lächeln verabschiedet sich Ioan Holender, der kommenden Samstag seinen 80. Geburtstag feiern wird, immer von seiner Frau, wenn er von Wien Richtung Rumänien fährt. Gemeinsam mit Sohn Liviu (23) geht es nach Timişoara. Die nostalgische Suche nach der verlorenen Jugend, eine emotionale Zeitreise in die Geburtsstadt des Ex-Staatsoperndirektors beginnt mit der Zugfahrt nach Budapest. Es wird ein anstrengender, aber ebenso interessanter Wochenendtrip mit dem exklusivsten Reiseleiter, den man sich für diese Stadt nur wünschen kann.

Temeswar, Markt…

Ioan Holender, Liviu Holender, Philharmonie Temesw…

Ioan Holender, Liviu Holender, ÖBB, Bahnfahrt…

Ioan Holender, Temeswar, Philharmonie…

Nach der Zeitungslektüre im Zug, einem Schläfchen und der gesanglichen Vorbereitung für Livius Solo-Auftritt als Bariton in der Philharmonie von Timişoara, zählt Holender auf, welche Plätze wir besuchen werden. Mit dem Rad fahren wir zu den Orten, die er mit prägenden Erinnerungen verbindet. Das ist der mit Blumen prachtvoll geschmückte Korso, der die Kathedrale mit der Oper verbindet. Als "Stehplatzler", mit schwarzem Eden-Hut und Schal, kannte man ihn damals als Stammgast und Statist der Oper. Heute ist kein Weiterkommen auf dem "Piața Victoriei". Alte Freunde begrüßen "Holi", wie sie ihn nennen, herzlich, ein Plauscherl mit dem Operndirektor von Timişoara nimmt kein Ende.

Dann geht es weiter zum Rosengarten. "Immer wieder lande ich unbewusst in diesem besinnlichen Rosengarten. Gleich gegenüber vom Park waren die zwei Wohnungen, in denen ich aufgewachsen bin." Wütend macht ihn, dass fast alle Villen der Innenstadt, die gutbürgerlichen Familien, wie seine Großeltern es waren, gehörten, vom kommunistischen Regime enteignet und jetzt von Roma-Familien gekauft wurden. "Mitten in der Stadt besitzen zwei Clans das ganze Villenviertel, sie haben die Häuser verschandelt und verkitscht."

Die Überraschung

Wir halten bei dem Haus, in dem er bis zu seinem zehnten Lebensjahr mit seinen Eltern lebte. Ioan, Sohn eines Essig- und Marmeladenherstellers, öffnet die Gartentüre und zeigt uns den Vorgarten, in dem er als Kind so gerne spielte. Und dann passiert, was er sich schon lange gewünscht hat. Die neuen Besitzer, rumänische Roma, fragen, was wir hier suchen. Ganz sanft erzählt der große Opernkenner, der von Rumänien mit einer eigenen Briefmarke und der höchsten Auszeichnung des Landes geehrt wurde, von seiner Kindheit in diesem Haus. "Wollen Sie hinaufkommen?", fragt der neue Besitzer. Aufgewühlt und ergriffen geht Holender in den ersten Stock. "Das ist noch dieselbe Eingangstüre wie damals", sagt er und staunt über die pompöse Einrichtung aus Gold, Lack und Glitzer im Disney-Stil. "Hier hab’ ich vor 70 Jahren versucht, mit dem Finger ein Loch in die Wand zu bohren, um zu hören, was meine Eltern auf der anderen Seite sprechen", erzählt er lachend in seinem ehemaligen Kinderzimmer.

Das heilige Bankerl

Die emotionale Rundfahrt führt uns an den Fluss Bega, der durch die Stadt als Kanal fließt. Mit seiner geliebten Mutter saß er auf "unserer heiligen Bank", um das Leben zu besprechen. Die Sitzbank vor dem Zaun der Schule gibt es immer noch. "Nach der für mich so dramatischen Scheidung meiner Eltern bin ich dort immer bei der Mutter gesessen und habe geredet."

Als fünfjähriger jüdischer Bub noch wohlbehütetes Bürgerkind im Königreich Rumänien, spürte er mit sechs Jahren die Angst seines Vaters vor der Rumänisierung – wie die "Arisierung" in Rumänien genannt wurde. Zwar blieben sie von Deportationen verschont, doch sie mussten die Wohnung räumen.

Und dann kamen 1945 – Holender war gerade 10 – die Russen als die großen Befreier. Jetzt war es nicht mehr die jüdische, sondern die "ungesunde", weil bürgerliche, Abstammung, wegen der seine Familie diskriminiert wurde.

Unermüdlich tritt er in die Pedale. Den Domplatz, einer der schönsten Barockplätze Europas, der gerade renoviert wird, muss man genauso gesehen haben wie die Jugendstilbauten des Bezirks Fabrikstadt oder die große Synagoge, Marea Sinagoga, die vom Wiener Architekten Ignatz Schuhmann 1863 entworfen wurde. Holender zeigt den Besuchern eine multikulturelle, historische und doch moderne Stadt. Messen werden im Dom in Rumänisch, Deutsch und Ungarisch gelesen. Genauso gibt es ein rumänisches, ein deutsches und ein ungarisches Staatstheater.

Im Tennisclub C.F.R. Timişoara wird Holi, wie überall in Timişoara, freudigst vom Platzwart begrüßt. Als Student der Technischen Universität verdiente er sich hier sein Taschengeld als Tennislehrer.

Populär und auch bekannt ist Holender in seinem Land auf jeden Fall. Er leitet das internationale Enescu-Musikfestival in Bukarest, das in Rumänien Millionen Zuschauer im Fernsehen verfolgen. Und er ist Ehrenpräsident des Vereins, dessen Ziel es ist, dass Timişoara die EU-Kriterien erfüllt, um Kulturhauptstadt Europas 2021 zu werden.

Der stolze Vater

Nach einem Mittagessen im Spitzenrestaurant Amphora Enoteca eilen wir zu den Proben in die Philharmonie. Ein Buch mit gesammelten Holender-Zitaten mit dem Titel "Von Wien nach Timişoara " wird am nächsten Tag feierlich präsentiert. Mit einem Philharmonischen Konzert, bei dem Bariton Liviu Holender als Solist zu Ehren seines Vaters berühmte Arien singen wird. Der 23-jährige, immer fröhliche, hilfsbereite und äußerst charmante Junior studiert neben Jus auch noch Gesang in Wien.

Nicht nur Ioan Garboni, der Direktor der Philharmonie, ist von Livius Talent begeistert, auch das Publikum verlangt von ihm etliche Zugaben. Und der sonst so kritische Papa hat auch nichts auszusetzen. Im Gegenteil: Ioan Holender ist vor Stolz zu Tränen gerührt.

Der Revoluzzer

Zum Schluss der Reise nach Timişoara legen wir noch einen Stopp in der Universität bei der Gedenktafel ein, die an den Studentenaufstand 1956 erinnert. "Wir waren die revolutionäre Bewegung." Doch sein heldenhaftes politisches Auftreten hatte Folgen und veränderte den Lauf seines Lebens: Er wurde exmatrikuliert und verlor seinen Job als Tennislehrer.

"Ich bin damals mit gebrochenem Herzen und weinend weg von Timişoara. Aber ich bin gegangen, um zu überleben, nicht um Karriere zu machen." Und nicht ahnend, dass er einmal der am längsten amtierende Staatsoperndirektor sein und auch Österreich als sein Zuhause sehen würde. "Jetzt sind meine lebenserhaltenden Wurzeln in Wien. Das sind meine Frau Angelika und meine drei Kinder." Geborgen fühlt er sich bei seiner Familie. Mit ihr wird er seinen 80. Geburtstag feiern und glücklich sein, dass er als Pensionist für seinen Nebenjob als ServusTV-Moderator seiner Sendung "Kultour mit Holender", für Tennismatches mit seinen Kickerfreunden oder, wie dieses Mal, für Radtouren durch Timişoara noch so fit ist.

Reise in die Vergangenheit

AnreiseMit dem Auto von Wien über Budapest und Szeged nach Temeswar ca. 5:20 Stunden.

Unterkunft Hotel Timişoara, gleich neben der Oper mit Blick auf den Korso = Siegesplatz. Zimmer ab 68 € p. Nacht. www.hoteltimisoara.ro

Restaurants Lloyd, ebenfalls auf dem Korso. Traditionelle rumänische Gerichte, obere Preisklasse, Service könnte besser sein. www.restaurantlloyd.ro
– Amphora Enoteca, Luxusrestaurant in den alten Stadtmauern mit Terrasse und schicker Bar. Hector Str. Nr. 4, www.enotecaamphora.ro

MuseenMuzeul de Artă im wunderschönen Barockpalast am Domplatz, die größte Sammlung des rumänischen Malers Corneliu Baba,www.muzeuldeartam.ro
– Das Museum der Revolution ist ein Muss, rufen Sie den Präsidenten Traian Orban an, er zeigt gerne den berührenden Film über die Revolution 1989. Tel. +40 726 109 970
www.memorialulrevolutiei.ro

Radverleih Liviu Samoilă verleiht nicht nur Räder, sondern macht auch auf Wunsch Rad-Stadttouren durch Temeswar, 5,50 €/ pro Stunde, inkl. Guide, Rad, Wasser, Früchte.
Tel. +40 723 636 736, eMail: liviu.samoila@gmail.com

Touren Ramona Lambing, die beste Stadtführerin und Reiseleiterin für Ausflüge (Weinstraße, Pilgerreisen, Banater Bergland), gebürtige Schwäbin mit Banater Wurzeln.
Tel. +40 743 737 212eMail: ramona.lambing@passage.ro

Auskunft www.rumaenien-info.at, www.timisoara-info.ro

1. Mein liebster Platz ist der Korso, nach 1989 auch Siegesplatz genannt. Dort war in meiner Jugend das Zentrum meines Lebens zwischen der Rumänisch-Orthodoxen Kathedrale und der Oper.

2. Einzigartig Timişoara ist europaweit die einzige Stadt mit Theatern, in denen in drei Sprachen gespielt wird: Rumänisch, Deutsch und Ungarisch.

3. Der schönste Park ist der Rosengarten mit Tausenden verschiedenen Rosensorten, unter den Pergolas sind Rastplätze. Auf der Freilichtbühne des Parks finden jährlich einige Festivals, unter anderen auch das Opern- und Operettenfestival, statt.

4. Frisches Obst und Gemüse kaufe ich jeden Tag in der Früh auf dem Heumarkt (Badea Cârtan).

5. Der schönste Platz ist der Domplatz. Leider zurzeit eine fürchterliche Baustelle. Wenn er fertig renoviert ist, werden die prachtvollen Barockbauten – der Dom, das Vikariat, die Serbisch-Orthodoxe Kirche und das Museums-Palais – wieder wunderbar von den Schanigärten der vielen Cafés zu bewundern sein.

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