Reise 05.12.2011

"Richten Sie den Menschen unser Danke aus!"

© Bild: Lems

Florian Lems ist für die Caritas im Dürregebiet im Einsatz und bloggt aus Nordkenia.

Die Dorfbewohner warten bereits, als wir Shegel erreichen. Vor dem kleinen Geschäft sitzen Frauen und Kinder in der prallen Sonne, ihre bunten Kleider flattern im ewigen Wind der nordkenianischen Tiefebene. Die Frauen haben leere Säcke mit, jetzt warten sie, bis der Händler sein Geschäft öffnet: Heute beginnt in Shegel die Verteilung von Lebensmitteln der Caritas.

Die meisten Tiere sind schon gestorben

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© Bild: Lems

"Es ist schon über ein Monat her, dass etwas zu Essen in unser Dorf gebracht wurde", berichtet Robe Ibrae. Die 32-Jährige ist mit ihren Kindern gekommen, um ihre Ration abzuholen. "Damals bekamen einige Familien ein wenig Mais, das wir alle geteilt haben. Es ist aber längst aufgebraucht." Was die Mutter von fünf Kindern mir dann schildert, ist das Schicksal Tausender Familien in der Dürreregion: Die meisten ihrer Tiere seien gestorben, und dadurch sei die Lebensgrundlage der Familie weggefallen. Nur zehn ihrer ursprünglich 70 Schafe seien noch am Leben, und drei von sechs Kamelen. Bei meinem vorigen Besuch hier hatten die Menschen bereits berichtet, dass etwa Dreiviertel der Tiere in Shegel gestorben seien. Und die letzten abgemagerten Schafe, Kühe und Kamele, die den 115 Familien hier noch bleiben, können die Menschen nicht mehr mit Milch und Fleisch versorgen. "Bis jetzt waren es die Tiere die gestorben sind, als nächstes sind die Menschen an der Reihe", hatte ein Mann bei der Dorfversammlung gesagt.

Nahrungshilfe "auf Bestellung"

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© Bild: Lems

Inzwischen hat das Geschäft aufgesperrt. Ladenbesitzer Abdub Bidu zeigt uns die Lebensmittel, die er für die Menschen eingekauft hat: Die kleine Wellblechhütte ist bis zur Decke gefüllt mit Säcken und Schachteln. "Ich bin gestern mit den beiden anderen Händlern des Ortes in die Hauptstadt Marsabit gefahren, um die Ware zu besorgen. Es ist genug für alle da", sagt der 38-Jährige. Einzeln ruft Bidu die Frauen nun auf, die geduldig warten, bis sie an der Reihe sind. Als Robe Ibrae an der Reihe ist, geht sie hinein und wählt aus, was ihre Familie am dringendsten braucht, während Ladenbesitzer Bidu die Waren notiert.

Die Versorgung der hungernden Menschen mit Nahrung erfolgt nach einem ausgeklügelten System: "Wir bringen nicht einfach mit Lkws Lebensmittel in die Dörfer, das wäre zu aufwendig und viel teurer", berichtet Doti Roba, der für die Caritas-Partnerorganisation "Pacida" die Nahrungshilfe organisiert. Stattdessen bekommen die Menschen Gutscheine, die sie bei lokalen Händlern einlösen können. Das Tragische an der Hungersnot in Kenia ist nämlich, dass eigentlich genügend Nahrungsmittel im Land vorhanden sind - diese jedoch nicht zu den Menschen kommen.

Nahrung für 30.000 Menschen

"Durch die Gutscheine, die wir einmal pro Monate aushändigen, können die Menschen selbst bestimmen, was sie und ihre Familien am dringendsten brauchen", erklärt Katastrophenhelfer Roba. Zudem wird so die lokale Wirtschaft gestärkt: Die Händler, die vorher sorgfältig ausgewählt wurden, erhalten tauschen die erhaltenen Gutscheine bei der Caritas in Geld um - das somit in der Region bleibt. Insgesamt versorgt die Caritas Österreich mit Unterstützung von "Nachbar in Not" jetzt elf Gemeinden in Nordkenia Nahrungshilfe: Neun Monate lang bekommen 5.000 hungernde Familien (rund 30.000 Menschen) auf diese Weise regelmäßig Lebensmittel.

Inzwischen hat Robe Ibrae ihren "Einkauf" erledigt. Für den Caritas-Gutschein über 2.000 Kenyan Shillings, etwa 15 Euro, hat sie fünf Kilo Reis, zwei Kilo Maismehl, zwei Kilo Weizenmehl, 21 kleine Packungen Milch, Speiseöl, Nudeln, Salz und Tee bekommen. Genug, um ihre Kinder zu ernähren. Die Frau gibt Ladenbesitzer Bidu ihren Gutschein, mit einem Fingerabdruck bestätigt sie, die Lebensmittel erhalten zu haben. "Als erstes koche jetzt Reis für meine Kinder", sagt die 32-Jährige. Fröhlich verlässt sie das Geschäft. "Bitte richten Sie den Menschen in Österreich unseren Dank aus", sagt Robe noch, bevor sie mit ihren Kindern im Dorf verschwindet. "Ihre Unterstützung hilft uns wirklich. Ohne diese Lebensmittel würden wir nichts mehr machen können. Außer, zu beten."

Caritas-Spendenkonto: PSK 7.700 004, BLZ 60.000, Kennwort: Hungerhilfe
Nachbar in Not: PSK 91.091.200, BLZ 60.000, Kennwort: "Hunger in Ostafrika"

Erstellt am 05.12.2011