Reise
15.10.2017

Dänemarks älteste Stadt

Was Ribe an Wichtigkeit verloren hat, das hat die Stadt an Gemütlichkeit und Charme gewonnen. In der Nähe gibt es Austern aus dem Wattenmeer.

"Rrribe" – mit Nachdruck in der Kehle kratzen die Einwohner den Namen von Dänemarks ältester Stadt hervor. Wenn man sie besucht, kommt man nicht auf die Idee, dass sie einmal die bedeutendste Stadt Dänemarks war. Was man aber leicht nachvollziehen kann, ist die zeitlose Neugier der Menschen: An gefühlt jedem dritten Fenster ist ein abgewinkelter Spiegel befestigt, mit dem man aus dem Küchensessel sehen kann, wer draußen vorbeispaziert. Vielleicht geht dieses Utensil auf die Zeit zurück, als der dänische Hochmittelalter-König Waldemar II. mit seiner beliebten Dagmar von Böhmen hier lebte. Die Zeit von Hochadel und Paraden ist zwar vorbei, doch die Spiegel sind geblieben.

Heute ist Ribe mit 8000 Einwohnern ein Provinzort – aber was für einer! Das Wort "hyggelig", was auf Deutsch anheimelnd-idyllisch bedeutet, muss hier entstanden sein. Die Fremdenführerin Anne nimmt ihre deutschsprachigen Gäste mit auf einen Rundgang durch die Kopfsteinpflastergassen mit Fachwerkhäusern in Orange und Gelb, über eine Holzbrücke zum Kunstmuseum und zum Hafen, wo nur mehr ein paar Jollen in der Brise schwingen. Dort werden die Häuser weiß und niedrig, Rosen umwachsen die kunstvoll geschnitzten Türen, und die schmalen Straßen haben bezeichnende Namen wie "Smalleslippe" oder, wenn mehr Platz ist, "Bredeslippe". Kaum vorstellbar, dass Bauern noch bis vor 50 Jahren Kühe durch diese Gassen scheuchten, die ihre Ställe in diese eng bebaute Wohngegend eingegliedert hatten.

Die ersten Christen

Auch aus religiöser Sicht hat Ribe, übrigens Partnerstadt mit Krems, eine Sonderstellung. Dort läutete der heilige Ansgar, "Apostel des Nordens", Dänemarks Christianisierung ein. Seine hölzerne Urkirche aus der Wikingerzeit muss in der Nähe des heutigen Domes zu Ribe gestanden haben. Nach der Reformation übernahm der dänische Reformator Hans Tausen ausgerechnet die monumentale Marienkirche als Prediger. Die ist ein eklektisches Prachtexemplar mit fünf Schiffen und romanischen neben gotischen Elementen.

Überraschend präsentiert sich der Chor mit sieben Mosaiken und blau-gelben Motiven in der Kuppel, die der Künstler Carl-Henning Pedersen in den 1980er-Jahren schuf. Verformte Gesichter, nicht identifizierbare Wesen mit Zwiebelkopf, willkürlich verlaufende Linien und ein reiches Farbspektrum erinnern eher an das Werk eines Volksschülers als an geistliche Andacht. Gleichzeitig zeigen sie, dass eine Kirche optisch nicht an Traditionen gebunden sein muss, und die ungewohnten Formen laden zum Entdecken statt zum routinierten Wiedererkennen bekannter Motive ein.

Leichter erkennen lassen sich die Dinge in Ribes Wikingercenter. Hier haben Geschichtsenthusiasten Gebäude aus verschiedenen Epochen des Frühmittelalters nachgebaut und leben zwischen und in ihnen nordische Geschichte. Sigrid ist barfüßig in die Rolle der Magierin geschlüpft und hat allerlei Geschichten von Opferzeremonien und Konflikten zwischen Heiden und Christen in ihrer Gürteltasche. Die bewegte spirituelle Geschichte der Region ist wieder präsent. Ruhiger lebt Wikinger Einar in den Tag. Er näht Ledertaschen im alten Stil, die vor allem unter den in Filz und Leinen gehüllten Damen beliebt sind. Der rudimentäre Handel innerhalb des Dorfes kommt ohne Währung aus, und Einar tauscht Leder- gegen Textilarbeit. Mit Königen, Wikingern und Geistlichen hat Ribe ein vielseitiges, aber leicht verdauliches Pensum an Geschichte zu bieten, bei dem man nicht das Gefühl hat, etwas zu verpassen. Erleichternd kommt hinzu, dass viele Deutsch sprechen: in Ribe Guides und Wikinger, auf der Urlaubsinsel Rømø sogar die Kellner.

Austern im Wattenmeer

Über einen zehn Kilometer langen Damm erreichen wir die 584 Einwohner-Nordseeinsel Rømø. Hier wollen wir der Auster "Crassostrea gigas" auf die Spur kommen, die unweit des Ufers im Wattenmeer lebt. Es sind jedoch keine heimischen Muscheln, sondern japanische Austern, die man hier aussetzte, während in Ribe der Künstler Pedersen in sein Dom-Mosaik vertieft war. Das Wattenmeer mit seinen extremen Gezeiten gehört zum UNESCO-Weltnaturerbe. Die Flut bringt frisches Wasser, das die Austern vor Rømø besonders schnell wachsen lässt. Je mehr Gourmets sammeln, desto besser für das Ökosystem – also los!
Die Delikatesse ist zwar in rauen Mengen vorhanden, doch sie will sich unter Körpereinsatz verdient sein. Zur Ausrüstung gehören ein Kübel und eine stilechte Anglerhose mit integrierten Gummistiefeln. Plötzlich versinken beide Füße im nassen Sand. Beim Versuch, einen Schritt zu machen, verlässt nur der Fuß das Fußbett innerhalb des Gummistiefels. Auch wenn es nicht tiefer geht als bis zum Knöchel, muss man die Beine mit den Händen aus dem Sand ziehen. Sobald die Füße die steinige Austernbank erreicht und die Augen den Unterschied zwischen Stein und Muschel verstanden haben, füllt sich der Kübel schnell.

Mit einem Gewicht von 250 Gramm pro Muschel ist der Transport jedoch ein Kraftakt. Deshalb prüfen Profis jede Muschel. Die Genießer öffnen sie sofort und nehmen dazu einen Schluck aus der Champagnerflasche. Ob im Hotel oder im Watt – vorsichtiges Kauen bringt nicht nur den wahren Geschmack der Auster hervor, sondern in einem von 200 Fällen auch eine kleine Perle. Die ist zwar nicht besonders wertvoll, und doch fühlt man sich beim Fund wie ein kleiner König.

Info

Anreise Die meisten kommen mit dem Auto, die Fahrt ab Wien dauert 12 Stunden. Schneller geht der Flug nach Billund (um 200 Euro hin und retour).

Währung 1 € = ca.7,44 DKK

Essen & Trinken Restaurant Hotel Dagmar: Ribes erste Adresse ist nach der frommen Königin Dagmar benannt. In historischem Ambiente serviert der fröhliche Kellner Ben ein Menü mit Wild und Käse aus der Region. Spätabends singt dann ein Wachmann von Ribes dunklen Seiten. www.hoteldagmar.dk/de
– Holms Restaurant und Räucherei: Das Fischrestaurant im Hafen von Rømø führt ein Gericht mit dem unerklärlichen Namen „Sternschnuppe“, das aus Brot, Salat und zahlreichen Fischhappen besteht. www.holmsrogeri.dk/de

Unterkunft Ribe Byferie: In Jütland dominieren die Ferienhäuser. Die modernen Backsteingebäude reihen sich an einem Kanal aneinander. Um 30–50 Euro pro Person/Nacht. www.ribe-byferie.dk/de
Rømø Kommandørsgården: Im ehemaligen Gutshaus eines wohlhabenden Walfängers liegen heute gemütliche Zimmer mit Kochecken. Wer gerne reitet, wird im Isländercenter schnell Anschluss finden. Um 50–60 Euro N/F. www.romo.dk/de

Für Vogelbeobachter Im März, im September und im Oktober lassen sich Millionen Stare vor Ribe im Schilf nieder, um Energie für ihren anstrengenden Zug nach Süden bzw. zurück zu sammeln. „Schwarze Sonne“ heißt das Schauspiel, wenn die riesigen Schwärme vor dem Sonnenuntergang tanzen. Naturguides kennen den Platz
mit der besten Aussicht. www.vadehavscentret.dk/de

Austerntour z. B. Tour Austern für den Neujahrsabend, am 28. 12. ca. 2,5–3 Std. /175 DKK. sortsafari.dk

Auskünfte Allgemein: www.visitribe.de/de
– Das Erbe der Wikinger: www.ribevikingecenter.dk/de
Rømø: tonnisgaard.dk/deutsch