© Staatsbad Norderney/Janis Meyer

Reise
08/22/2019

Norderney: Sommerfrische mit norddeutschem Charme

Neben dem ältesten Bad an der Nordsee erschließen sich auf ausgedehnten Spaziergängen Fauna und Flora des Wattmeers.

von Ingrid Teufl

Vielleicht sind es Heimatgefühle, die einen hier im Norden Deutschlands ereilen, wenn man mitten im Wattmeer der Ostfrieseninsel Norderney plötzlich an Georg Danzer denken muss. Hier oben muss Danzers herrlicher Song „Hupf in Gatsch“ allerdings neu interpretiert werden. Im Gatsch hupft man hier nämlich tatsächlich herum. Aber entgegen der Song-Intention (Danzer singt davon, in Ruhe gelassen werden zu wollen) stellen sich die schönsten Kindheitserinnerungen dabei ein. Und man muss sich eingestehen: Schade, dass man das nicht öfter macht und sich einfach nur über spritzenden Schlamm freuen kann.

Wenn man schon mal ordentlich drin ist im Gatsch, den die Nordsee bei Ebbe zurücklässt, hat Danzer dann doch wieder recht. Man wird nämlich in Ruhe gelassen. Vor allem, weil Teilnehmer von Wattwanderungen im UNESCO-Weltnaturerbe ganz mit sich selbst beschäftigt sind. Mit dem Schauen zum Beispiel, was sich da in der brettlebenen Weite auf dem und im Boden tummelt. Vor allem ist man damit beschäftigt, nicht aus den Gummistiefeln zu kippen.

Das kann nämlich leicht passieren, wenn man nach einem Stopp wieder voranschreiten will. Der Schlick, wie besagter Gatsch hier genannt wird, sorgt unter den Sohlen für Unterdruck. Wer die Fersen heben will, gerät leicht aus dem Gleichgewicht und landet schlimmstenfalls in diesem Schlick. Spätestens bei der ersten Erfahrung mit dem wankenden Gleichgewicht hören Besucher auf ihre Guides, etwa auf Berit Finkennest vom „Wattenmeer Naturpark“. Sie lässt alle vor der Tour üben: Gewicht nach vorne und auf ein Bein verlagern, die Ferse des anderen Beins sanft nach außen drehen. Wie unbeholfenes Twist-Tanzen schaut das aus.

Die Gelegenheit zu üben, wie man seine Beine sturzfrei in Bewegung setzt, hat man dann die ganze Tour lang. Immer wieder bleibt Berit stehen und zeigt auf Algen, Wattwürmer, Austern oder Herzmuscheln. Sie erklärt, dass letztere – auch Venusmuscheln oder noch besser Vongole genannt – in Niedersachsen bis in die 1970er-Jahre gesammelt wurden. Und dass das unscheinbare Bündel Seetang, das da im Schlamm liegt, gefragter Lebensraum von kleinen Strandschnecken ist.

Thalasso für Gesundheit und Wellness

Schlamm von unten und am Körper – das ist durchaus das große Motto auf Norderney. Sich in Gummistiefeln gleich im Watt in den Schlamm zu schmeißen, ist allerdings nicht geplant. Dafür gibt es bessere Orte auf der Insel. Neben dem Erkunden von Fauna und Flora ist man hier besonders stolz auf die Thalassoanwendungen. Dafür ist die 14 Kilometer lange und bis zu 2,4 Kilometer breite Insel seit 1797 bekannt – übrigens die zweitgrößte der sieben Ostfriesischen Inseln. Norderney (von Norder neye Oord: des Nordens neue Insel) ist das älteste Nordseebad Deutschlands und verfügt über das größte Thalasso-Zentrum Europas.

Viel braucht es für die gesundheitsfördernden Thalasso-Anwendungen seit jeher nicht: Meerwasser, Algen und eben Schlick machen die Therapien aus. Neben der Linderung von Rheuma und Hauterkrankungen – Norderney gilt als Heilbad – dienen die Bäder, Packungen und Massagen auch dem Wohlbefinden. Dafür ist das von Grund auf renovierte und restaurierte „Badehaus“ der richtige Ort. Es strahlt jetzt wieder im Bauhaus-Stil von 1931, im Inneren ergeben moderne Elemente und prunkvolle Luster im Schwimmbad mit Thermalwasser interessante Kontraste.

Moderate Temperaturen im Hochsommer

Der alte Kurort besinnt sich seit einigen Jahren wieder auf seine Tradition – schon die Dichter Heinrich Heine und Theodor Fontane waren treue Besucher der Insel, ebenso wie der deutsche Adel. Das heutige Café Marienhöhe etwa wurde 1868 als Rückzugsort auf einer Düne für Königin Marie von Hannover gebaut. Heute kommen die Gäste nicht wegen der noblen Klientel. Die Nordsee bietet während sommerlicher Hitzewellen eine immer beliebtere Ferienalternative mit moderaten und auch im Sommer erfrischenden Temperaturen.

Mondäner Charme

Den mondänen Charme des Hauptorts spürt man allerdings noch heute. Am Kurplatz etwa, wo das als Kurhotel geplante, im klassizistischen Stil errichtete „Conversationshaus“ heute ein Ort der Begegnung für Bewohner und Einheimische ist. Café, Bibliothek und ein historischer Lesesaal machen das große, restaurierte Gebäude zum Inselmittelpunkt. Wie anno dazumal ist ein paar Schritte entfernt das kurz vor 1900 erbaute Kurtheater das kulturelle Zentrum der Insel. Kino, Theater- und Konzertaufführungen im prunkvoll ausgestatteten Gebäude sorgen für unterhaltsame Abwechslung.

Friesische Tapas

Geräucherter Lachs, gebackener Seehecht,  Heringssalat – an Fisch kommt man nicht vorbei. Sollte man auch nicht. Direkt an der Nordsee schmeckt er am besten.  Mit einer Auswahl an Mini-Häppchen kostet man sich durch. Zum Beispiel in der Marienhöhe mit Blick auf die im Meer versinkende Sonne. marienhoehe-norderney.de

Ostfriesentee:

Kräftiger Schwarztee aus Assam-Sorten ist hier das Nationalgetränk und der Genuss gleicht einer Zeremonie:  In die leere Tasse kommen große Stücke Kandiszucker („Kluntje“), dann der Tee. Zum Schluss folgt ein Schuss Obers,  per Teelöffel schwungvoll hineingekippt. Der Oberst steigt  als weiße „Wulkjes“ (Wölkchen) an die Oberfläche. Nicht umrühren! Der Tee schmeckt zuerst mollig, dann kräftig und zum Schluss erst süß.

Austern

Die Bestände der Europäischen Auster sind längst abgefischt. Durch  Neubesiedelungen trifft man bei Wattwanderungen heute wieder auf die Schalentiere. Allerdings auch auf die eingewanderte Pazifische Auster. In Restaurants werden Zuchttiere (Sylter Royal) serviert, zum Beispiel in der Austernbar. devries- norderney.de

Wetterfester Ostfriesennerz

Warme Kleidung und Regenschutz gehören bei einem Urlaub auf Norderney auch im Hochsommer in den Koffer, die Nordsee ist schließlich nicht die Adria. Aber damit rechnet hier jeder. Grantige Urlaubergesichter wird man auch an windigen Regentagen nicht sehen. Die gehören schließlich irgendwie dazu und wozu hätte man sonst Gummistiefel und Regenschutz eingepackt? Wobei man diesbezüglich auch in den örtlichen Läden fündig wird. Man ist durchaus geneigt, sich einen echten „Ostfriesennerz“ zuzulegen. So heißen die klassischerweise knallgelben, dicken Regenmäntel. Sie sind nicht nur bei Wattwanderungen zu empfehlen.

Zu Fuß oder per Fahrrad unterwegs

Man lernt wetterfeste Kleidung auf der Insel zu schätzen. Die Wege führen etwa zu Fuß durch feinen, weißen Sand oder querfeldein per Fahrrad.

Direkt am Strand, wo man stundenlang zu Windmühlen, Leuchttürmen oder großen Dünen marschieren kann, ist es meist recht windig und das Meer zeigt, was es im Duett mit dem Wind kann: Die Wellen erreichen je nach Windstärke beachtliche Höhe. Und eine Lautstärke, die Kommunikation nahezu unmöglich macht.

Braucht man aber gar nicht. Spätestens dann zeigt sich, warum Norderney schon früh als Luftkurort beliebt war: Durch die unruhige See zerstäubt das Meersalz in der Luft und gelangt als feinstes Aerosol in die Lungen. Eine Wohltat, nicht nur für Allergiker und Asthma-Geplagte.

Da denkt man wieder an Georg Danzer. Will gar nichts anderes, als in Ruhe gelassen werden. Einfach nur gehen und atmen. Und zwischendurch nur so in den Gatsch hupfen.

 

Anreise
Im Flugzeug nach Hamburg, weiter per Bahn oder Pkw bis Norddeich-Mole. Von dort erreicht man Norderney in einer Stunde per Fähre

Wohnen
Auf Norderney gibt es Quartiere für jeden Geschmack – vom Privatzimmer bis zum Top-Hotel. Besonders schön wohnt man mit Meerblick im „Haus am Meer“  der Familie Brune, die seit mehreren Generationen auf der Insel Hotels betreibt. Im Konzepthotel „Inselloft“.
wohnt man in lässigem Design, im „Hotel Seesteg“ in einer ehemaligen Lagerhalle in luxuriösen Zimmern.

Sehenswürdigkeiten
Wissenswertes erfährt man im  Watt Welten Besucherzentrum. Im „Fischerhaus Norderney“ erlebt man den Alltag der Fischer, die Sternwarte  gibt Einblicke in den Himmel über Norderney.

Auskunft
germany.travel
norderney.de