Reise
20.06.2017

Kreta: Nachhaltiger Genuss, der glücklich macht

Auf der größten Insel Griechenlands setzt man vermehrt auf biologischen Anbau und lokale Produkte – davon profitieren nicht nur die Urlauber, sondern auch die einheimischen Landwirte.

Der Weg zur Artischocke ist dornig – sehr dornig. Nur dem griechischen Farmer scheinen die unzähligen Stacheln in seinem Feld nichts auszumachen. "Come, come!", ruft er energisch und lockt die Besucher, unbeeindruckt von ihren schmerzverzerrten Mienen und gelegentlichen Aufschreien, noch weiter ins stachelige Dickicht. Zum Glück ist die nächste Artischocke schon in Sichtweite: Mit einem scharfen Messer trennen wir sie vom dicken Stiel und legen sie in einen kleinen Korb, ehe wir die Blätter abziehen und die knackige Frucht mit Öl und Salz verköstigen – ein echtes Erfolgserlebnis.

Auf der Agreco-Farm im Norden Kretas kann sich jeder einen Tag lang als Hobby-Farmer versuchen: Das 40 Hektar große Gut mit fantastischem Blick auf das kretische Meer, eigener Kapelle und uriger Taverne wurde 2002 vom Besitzer der Premium- und Luxushotelkette Grecotel gegründet, um Touristen die traditionelle und biologische Landwirtschaft Kretas näherzubringen. Neben den Artischocken wachsen Tomaten, Zucchini und duftende Kräuter, außerdem gibt es eine Olivenölpresse und eine uralte Getreidemühle. Das Brot – eine simple Mischung aus Mehl, Salz und Wasser – kommt direkt neben der Mühle in den Steinofen und ist noch warm und flaumig, als wir es in kretisches Olivenöl tunken. Alleine der Gedanke an "Low Carb" scheint hier ungefähr so fern wie die Antarktis.

Glücklicher Wein

Die größte und zugleich südlichste Insel Griechenlands ist heuer beliebter denn je: Der Reiseveranstalter TUI verzeichnete knapp 40 Prozent mehr Buchungen als im Vorjahr. Doch Kreta will sich auf dem Erfolg nicht ausruhen. "Unser Ziel ist es, Tourismus mit Nachhaltigkeit zu verknüpfen", erklärt Kostas Bouyouris von der Initiative Local Food Experts, die von der TUI Care Foundation unterstützt wird. Dazu zählt unter anderem, alte, einheimische Rebsorten zu erhalten, statt fremde Sorten wie Chardonnay oder Merlot zu importieren.

Die Umstellung auf nachhaltigen Weinanbau hat mehrere Vorteile: heimische Winzer werden unterstützt, zudem sind alte Sorten besser an das kretische Klima angepasst und wirken positiv auf die Natur, etwa die Qualität des Bodens. Dass Kreta eines der ältesten Weinanbaugebiete der Welt ist, wird im Dorf Vathypetro klar: Hier steht eine 3500 Jahre alte Weinpresse, die älteste Europas. Gleich daneben wächst nachhaltiger, "ur-kretischer" Wein. Die Insel ist insgesamt viel grüner als ihre Kykladen-Schwestern Mykonos und Santorin. Auch das weiß-blaue Farbmotiv findet man hier selten – die Bewohner lassen sich nicht so sehr vom Meer, sondern von den Bergen inspirieren. "Seht ihr, der Wein hier ist glücklich", schwärmt Kostas und zeigt auf die Reben. "Er fühlt sich wohl, wo er ist. Die Natur wurde gemacht, um glücklich zu sein."

Die Nachfrage nach lokalen Produkten steige auch bei den Urlaubern, sagt Kostas. Im Grecotel White Palace, einem Fünf-Stern-Hotel nahe Rethymnon, hat man auf den Wunsch bereits reagiert: 80 Prozent der Lebensmittel im Haus stammen direkt von der Insel. "Das Joghurt wurde eine halbe Stunde vom Hotel entfernt hergestellt", erzählt der Direktor während eines typisch griechischen Frühstücks auf der Terrasse, vom Hotelpersonal wegen des tollen Ausblicks auf das Meer auch "Instagram-Terrasse" genannt. Zwölf Stunden später werden wir wieder hier stehen und andächtig dabei zusehen, wie die glutrote Sonne im Wasser versinkt. "Der Sonnenuntergang ist mindestens so spektakulär wie auf Santorin, aber wesentlich günstiger zu haben", schmunzelt der Direktor.

Im Dorf Alagni hat man von Instagram vermutlich noch nicht viel gehört. Die Szenerie auf dem kleinen Dorfplatz an diesem Sonntagnachmittag erinnert an Reinhard Mey, der in seinem Lied "Drei Stühle" das authentische Griechenland besingt: Da ist kein Misstrauen, da ist kein Neid. Und da ist Frieden, da ist Zeit. Der Wirt, der mit den dicken Kaffeetassen klirrt. Nichts ist Berechnung, nichts bedacht, Alles aus Freundlichkeit gemacht. Das ist ein Ort, an dem dein Herz gesunden wird.

Die Besitzerin des einzigen Kaffeehauses im Ort serviert Café frappé, frisches Brot und köstliche, in Zuckersirup gekochte Rosinen. Doch Michaelis, dem energischen Viehzüchter, reicht das nicht: Wie von der Tarantel gestochen springt er auf, steigt auf sein Moped und rast davon, um keine fünf Minuten später mit einem Teller Bio-Ziegenkäse zurückzukehren – Fast Food auf Griechisch, sozusagen. Michaelis übergießt seinen Käse mit einer Olivenöl-Oregano-Mischung und ist sichtlich stolz, als er unsere begeisterten Gesichter bemerkt. Man schmeckt, dass der Landwirt penibel darauf achtet, was seine Ziegen fressen dürfen.

Apropos: Gegessen wird am Ende des Tages auch auf der Agreco-Farm. Nach der Ernte wartet in der Taverne ein Bio-Dinner mit allem, was die Felder hergeben. Mit dem Gemüse aus heimischen Supermärkten haben die Produkte nicht viel gemein; alleine die Zucchini zergeht auf der Zunge wie eine Avocado. Die Artischocken wurden mittlerweile zu einer Paste verarbeitet. Man muss gar nicht bis zum Raki warten, um festzustellen: Biologischer, nachhaltiger Anbau zahlt sich aus. Auch wenn der Weg dorthin dornig ist.

Info

Anreise Austrian Airlines und Niki fliegen ab Wien bis zu 6 Mal pro Woche nach Heraklion oder Chania. Die Flugzeit beträgt ca. 2,5 h.

Beste Reisezeit Saison für Wanderer und Mountainbiker ab März, Badetemperatur von Mai bis Oktober. Juli und August sind sehr heiß.

Essen und Trinken Das Bio-Abendessen auf der Agreco-Farm ist ein einmaliges Erlebnis. Den Sonnenuntergang um ca. 20:30 Uhr sollte man sich nicht entgehen lassen. Für Kinder gibt es eigene Farmer-Workshops. www.agreco.gr

– Im Restaurant Alana in der Altstadt von Rethymnon genießt man authentische Küche unter schattigen Maulbeerbäumen. www.alana-restaurant.gr

– Das Weingut Lyrarakis bei Heraklion ist auf alte, seltene Rebsorten spezialisiert. Infos zu Verkostungen unter www.lyrarakis.com

Übernachten Grecotel führt sieben hochwertige Hotels auf der Insel. Das White Palace ist auch für Familien empfehlenswert und punktet mit Küche und Service – neuerdings auch per WhatsApp. www.thewhitepalace.com

Angebot 1 Woche im 5* Grecotel White Palace inkl. Flug ab Wien z.B. am 14.10. im DZ mit HP ab 738 €/P. Buchung in allen guten Reisebüros und auf www.tui.at.

Auskunft Griechische Zentrale für Fremdenverkehr, ☎ 01/512 53170, www.visitgreece.gr

TUI Care Foundation: www.tuicarefoundation.com