Reise
18.11.2017

Inselhüpfen in der Karibik

Herrlich: eine Kreuzfahrt von Barbados zu den grünen Trauminseln der Karibik, umspült von türkisblauem Meer. Unterwegs auf einem deutschen Schiff, das besser sein will als alle Mittelklasse-Kreuzfahrtliner der Welt, und mit einem österreichischen Koch, der Käsekrainer liebt. Karl Riffert war dabei.

Es ist einen Versuch wert. Man schließt die Augen und flüstert langsam: Bar-ba-dos. Und schon fühlt man Fernweh, denkt an wiegende Palmen, das Rauschen der Wellen am Strand, das tiefe Blau des Meeres. Erstaunlich eigentlich, denn die Karibik war nie eine Idylle. Es gab hier blutrünstige Piraten, elende Sklaverei, fürchterliche Stürme. Und doch ist dieses magische Reich mit 7000 Inseln zwischen Florida im Norden und Venezuela im Süden das, was man seufzend einen Sehnsuchtsort nennt.

Bunte Vögel, aufregende Natur

„Very well“, höre ich die Kellnerin am Nebentisch sagen. „One Chilled green pea and mint soup with lemon sour cream, one Shepherd’s pie and one Bajan flying fish cutter.“ Ich bin im noblen Country Club Restaurant in St. James auf Barbados, und dass die Insel fast 350 Jahre lang britisch war, erkennt man schon nach einem kurzen Blick auf die Speisekarte. Vom frittierten fliegenden Fisch mal abgesehen. Das Lebensgefühl mag karibisch sein, doch das Staatsoberhaupt auf Barbados ist trotz Unabhängigkeit nach wie vor die englische Königin und die Kinder tragen Schuluniform, als büffelten sie in Oxford.

Golfrasen vom Feinsten

Der Country Club liegt hoch auf einer Anhöhe, von wo man einen wunderbaren Blick auf einen der schönsten Golfplätze der Karibik hat und natürlich auf das türkisblaue Meer. Einst war Barbados bedeckt von dichtem tropischen Regenwald, dann folgten weitläufige Zuckerrohrplantagen, und jetzt erstreckt sich vor meiner Nase Kulturland, weitläufiger grüner Golf-Rasen vom Feinsten, garniert mit einem herrlichen Rum-Cocktail, der mir zuzurufen scheint: Come fly with me! Auf Barbados wird übrigens der älteste Rum der Welt produziert und das seit 1703. Er heißt Mount Gay und ist absolut hetero. Sein Namensgeber war ein gewisser Sir John Gay, ein langjähriger Verwalter der zur Rumbrennerei gehörenden Zuckerrohrplantage. Man sagt, je länger man Mount Gay genieße, umso schöner wird die Karibik.

Schwefelvulkan auf St. Lucia

Europäer lieben die Karibik, weil sie so schön angenehm warm ist. 26 Grad hat es hier rund ums Jahr, nicht zu heiß, nicht zu kalt, so hat man es gerne. Und für Kreuzfahrer auch nicht schlecht: Man kann hier schon in kurzer Zeit von einer Insel zur anderen gelangen und jede ist irgendwie ein bisschen anders.

Unterwegs wie ein reicher Russe

Wie Roman Abramowitsch mit seiner Superjacht werde auch ich von Barbados aus die Karibik durchpflügen. Es wird nach Guadeloupe gehen, nach St. Lucia, nach Grenada, nach Bonnaire und Santo Domingo in der Dominikanischen Republik und zum Naturparadies Dominica. Mein Schiff kann sich sehen lassen. Immerhin hat es 450 Millionen Euro gekostet. Gut, einen Unterschied zur Abramowitsch-Jacht gibt es. Ich muss mein nautisches Vergnügen teilen. Mit 2500 anderen Passagieren. Kann das gut gehen?

Regenwald-Dschungel auf Guadeloupe

Kreuzfahrten waren lange ein sündhaft teures Luxusvergnügen für Aristokraten und die Oberschicht. Erst in den 1970er-Jahren änderte sich das langsam und das elitäre Vergnügen verwandelte sich in einen Massenartikel mit neuen Vorzeichen: günstige Preise, gelockerte Bekleidungsvorschriften, immer größere Schiffe, stark befahrene „Rennstrecken“, häufig mediokres Essen und mitunter wenig erfahrenes Personal.

Wie IKEA und H&M

Die moderne Kreuzfahrtindustrie funktioniert nach demselben Prinzip wie IKEA, H&M oder Tchibo: Billige Arbeitskräfte aus der Dritten Welt produzieren eine auf den europäischen oder amerikanischen Geschmack ausgerichtete Ware. Und so ist zum Beispiel auf einem „italienischen“ Kreuzfahrtschiff die Mannschaft größtenteils philippinisch. Weil die meisten Kreuzfahrtreedereien heute in amerikanischer Hand sind, sind auch Sitten und Design an Bord oft auf US-Gewohnheiten ausgerichtet: Trinkgeldzwang, Zwangsbeglückung durch Klimaanlagen, viel Rambazamba und vor allem immer gigantischere Schiffe mit 5000 und mehr Passagieren. Denn es gilt: Je größer das Schiff, umso profitabler.

Auf dem Schiff muss das Futter gut sein, sonst werden wir grantig

Dem deutschen und österreichischen Gast schmeckt das oft gar nicht. Viele mögen keine Riesenschiffe mit sozialem Wohnbau auf See und hundert Ausflugsbussen im Hafen. Wir wollen, anders als Amerikaner, am Pool unbedingt eine Liege. Sonst werden wir sauer. Wir wollen uns, anders als Amerikaner, beim Essen nicht anstellen und keine Schichttermine mit Ermahnungen, den Tisch bald frei zu machen. Und gut muss das Futter sein. Sonst werden wir richtig grantig.

Kein billiger Fusel

Weil das so ist, starteten 2005 der größte europäische Tourismusanbieter, die deutsche TUI, und die US-Reederei Royal Caribbean ein interessantes Experiment: Kreuzfahrtschiffe, die voll auf den deutschen Geschmack und auf eine anspruchsvolle Mittelschicht ausgerichtet sein sollten. Großzügige öffentliche Flächen, mehr Raumhöhe, Extras wie Nespresso-Maschine in jeder Kabine, Markenqualität statt billigem Fusel. „Mein Schiff“ wurde die Flotte getauft, die mittlerweile sechs Liner umfasst.

Weltweit größter Swimmingpool auf einem Schiff

Und so verlasse ich Barbados und steige in Bridgetown erwartungsvoll die Gangway der „Mein Schiff 5“ hinauf, um in einer sauberen, gut organisierten, schwimmenden deutschen Kleinstadt die Karibik zu entdecken, aber auch um einen Blick in den Bauch dieses inzwischen extrem erfolgreichen Kreuzfahrtwunders zu blicken.

Einer, der genau weiß, wie dieser 49.500 Tonnen schwere, schwimmende Hotelpalast mit 15 Etagen tickt, hat früher auf Berge und Kühe geblickt, als Hoteldirektor im Schweizer Wintersportort Arosa. Der Mannheimer Arno Majewski dirigiert an Bord der „Mein Schiff 5“ ein Multikulti-Mitarbeiterheer aus 45 Nationen mit militärischer Disziplin. Während die Gäste gerne mal über den Durst trinken, gilt für die Crew totales Alkoholverbot im Dienst. Wer dagegen verstößt, fliegt im nächsten Hafen.

Wasserbremse im Swimmingpool

1035 Mitarbeiter müssen dafür sorgen, dass es den diesmal 2400 Passagieren an Bord an nichts fehlt. 1267 Kabinen und 120 Suiten sind tiptop zu halten, 13 Restaurants und 14 Cafés sind zu betreuen, 2000 Liegen müssen serviciert werden und wenn es mal stürmisch wird, muss der längste Pool, den es weltweit auf einem Kreuzfahrtschiff gibt (25 Meter), mit einer Metallwand geteilt werden, um das Wasser zu bremsen. „Hier schläft die Zeit nicht“, sagt Majewski, „so ein Schiff ist wie eine Stadt, die rund um die Uhr funktionieren muss.“ Das ist nicht immer leicht, denn das Konsum- und Buchungsverhalten der Passagiere ist zuweilen wankelmütig. „Da kann es dann schnell zu einer Mozzarella-Krise kommen, weil Mozzarella mit Tomaten auf einer Reise weggeht wie die warmen Semmeln“, weiß Majewski.“ Wie auf den meisten Kreuzfahrt-Schiffen sind die teuersten Unterkünfte die begehrtesten. „Die Nachfrage nach Suiten ist enorm. Die sind oft in kürzester Zeit ausgebucht.“ Als besonders beliebt gelten die Himmel-und Meer-Suiten, zweistöckig, mit eigener Sonnenterrasse.

Lebensraum für die Wasserschildkröte

Tja, eigentlich müssten Kreuzfahrtschiffe ja gar nicht herumfahren. Man könnte ja einfach essen, trinken, im Pool planschen, am Sonnendeck bis zum Hautkrebs abhängen und sich irgendwo an einer Bar mit Gratis-Drinks volllaufen lassen. Es soll Passagiere geben, die das auch so sehen. Aber die anderen armen Teufel müssen bei jeder Insel von Bord, schließlich will man ja zuhause etwas erzählen.

Traumstrände

Unsere erste karibische Insel ist die Europäische Union, pardon Guadeloupe. Man nennt sie die Schmetterlingsinsel, weil sie aus zwei nur durch eine Landenge verbundenen Teilen besteht. Mit ihren 400.000 Einwohnern ist die französische Insel Teil der EU. Man zahlt mitten in der Karibik mit Euro, die Straßen sind ausgezeichnet, man bekommt Baguettes und trinkt Café au lait. Auf Grand-terre, dem größeren der beiden Schmetterlingsflügel, mit seinen weißen Traumstränden und Resorts ist die Karibik genauso, wie man sie sich als Tourist wünscht. Dazu gibt es auch noch pittoreske Militärfestungen wie das Fort Louis Delgrés und neun aktive Vulkane. Die Einheimischen sind zu neunzig Prozent Schwarze und Mulatten mit afrikanischen Wurzeln und sie wirken sehr entspannt. Man lebt vom Tourismus, massiven Subventionen aus Frankreich und von der Banane, die mehr als die Hälfte aller Exporterträge ausmacht. Ein guter Mix, und vielleicht stammt ja das Motto „Nur net hudeln“ aus Guadeloupe. Wer weiß.

Fröhliche Kinder der Karibik

Aber erfahrene Reisende wissen, man muss der Idylle immer ein wenig misstrauen. Das Paradies war auch einmal eine Hölle. Die ersten, die Guadeloupe kolonisierten waren Auswanderer aus der Bretagne und der Normandie, die dem Dschungel mühsam Zuckerrohr-, Kaffee- und Kakao-Plantagen abrangen. Ab 1640 holte man schwarze Sklaven aus Afrika auf die Insel. Bis 1848 waren es rund 300.000, die unter elenden Bedingungen die Plantagenbesitzer reich machten. Aber so genau wollen das die meisten Kreuzfahrer wirklich nicht wissen. Man schwebt lieber mit einer kleinen Seilbahn über den Dschungel, genießt einen Mietstrand oder freut sich einfach auf das Abendessen an Bord.

"Hast du eine gute Crew..."

Dafür zuständig ist ein österreichischer Koch, der beim Bruckwirt in Opponitz im Ybbstal sein Handwerk gelernt hat. Jetzt ist René Afflenzer, 33, Chef von 170 Köchen, Abwäschern und einem Obstschnitzer. Sein Lieblingsmotto: „Hast du eine gute Crew, dann hast du eine Ruh’!“ Obwohl es mit der Ruhe nicht weit her ist. Die Arbeit beginnt um sechs Uhr morgens und endet oft erst um Mitternacht. Dazwischen liegen zehn Kontrollgänge zu den diversen Futtertrögen an Bord.

Der Kapitän der Küche: Der Niederösterreicher René Afflenzer

Es gibt übrigens neben den Hauptrestaurants eine Osteria, ein Surf & Turf-Restaurant, die Sylter Fischstube Gosch, das Gourmetlokal Hanami mit Menüs von Starkoch Tim Raue und auch ein österreichisches Spezialitätenlokal namens Schmankerl, wo man unter anderem Tafelspitz, Blunzengröstl, Kaiserschmarrn und sogar Salzburger Nockerln bekommt. Salzburger Nockerl in der Karibik, das hat schon was. „Zum Kochen komme ich selber leider überhaupt nicht mehr“, klagt Afflenzer, „höchstens einmal eine Käsekrainer. Und ich gehe auch nie an Land. Keine Zeit.“

Verborgene Welt

Im Bauch des Schiffes gibt es eine verborgene Welt, die Passagiere nie zu sehen bekommen. Eine breite Passage, die „Autobahn“, führt unter den Passagierdecks durch den fast 300 Meter langen Ozeandampfer. Auf ihr hastet die Crew entlang, zur Arbeit, in ihre Quartiere, aber auch zu den Crew-Restaurants.

Wer denkt, in der Karibik stamme das Essen an Bord auch von den dortigen Inseln, irrt gewaltig. Das meiste kommt schon wegen der strengen Hygienevorschriften aus Deutschland, frische Früchte werden aus Miami eingeflogen und in Santo Domingo an Bord gebracht. „Das Einzige, was man hier in erstklassiger Qualität kaufen kann, sind Hummer und Langusten“, seufzt Afflenzer. Die karibischen Inseln ziehen in zwei Wochen vorüber wie köstliche Pralinen, die man freilich nur kurz genießen kann. Jeweils ein Tag genügt den meisten Passagieren auch.

Hotelchef Arno Majewski

Das ursprünglichste Eiland des karibischen Archipels ist auch unsere letzte Station vor der Rückkehr nach Barbados: Dominica. Die Insel heißt so, weil Christoph Columbus sie an einem Sonntag entdeckt hat, damals im November 1493. Sie war wegen des außerordentlich starken Widerstands der Ureinwohner die letzte Karibik-Insel, die von Europäern kolonisiert wurde. Und sie gilt als Naturparadies, weil hier der Tropenwald noch erhalten ist. Eine gewisse Berühmtheit erlangte Dominica auch, weil es hier im Verhältnis zur Einwohnerzahl dreimal so viele Hundertjährige geben soll als in Europa. Na, vielleicht stammt das Motto „Nur net hudeln“ doch nicht aus Barbados, sondern aus Dominica.

Dampfender Wasserfall

Wir fahren mit George, einem verkannten Gesangsstar, der mit seinem Taxi Touristen die Insel zeigt, vorbei an Bananenplantagen, an Mango-, Zitronen-, Papaya- und Avocadobäumen zu einem dampfenden Wasserfall. „Dominica is where politicians do fool people easily“, singt George fröhlich vor sich hin, „but everybody feels fine. Dominica is a paradise.“ Wahrscheinlich ist das die richtige Einstellung, um hundert Jahre alt zu werden.

Darüber lässt sich später an Bord auch trefflich an der TUI-Bar streiten, wo ich Kurt Jandl treffe, einen Steirer aus Admont. Jandl ist der König über die Trankler an Bord, Herr über elf Bars, Chef von 106 Mitarbeitern, darunter 35 Barkeeper und vierzig Kellner. Vier bis sechs Monate dauert das Training eines guten Barkeepers, dann folgt eine dreimonatige Probezeit, schließlich darf professionell geschüttelt und gerührt werden. Seit 1985 fährt Jandl zur See, zuletzt auf US-Luxusschiffen. „Amerikaner nehmen gerne einen Drink vor dem Essen“, erzählt der Bar-Experte, „Deutsche lieben den Cocktail danach.“

Der Steirer Ernst Jandl aus Admont ist der König der Cocktails

Anders als auf Billigschiffen findet man auf der „Mein Schiff 5“ über 100 Markenprodukte ohne Aufpreis, zum Beispiel Bombay Saphire Gin oder Jack Daniels Whiskey. Wie kann sich das rechnen? „Die meisten Gäste gönnen sich zwei Drinks pro Tag, aber viele trinken auch gar nix außer Mineralwasser“, erzählt Jandl. „Außerdem nimmt der Konsum in der zweiten Reisewoche meist stark ab.“ Der Mojito ist wirklich gut und die Karibik wird umso paradiesischer, je später der Abend wird.

Nie ein Fuß an Land

„Welche Insel hat Ihnen jetzt am besten gefallen?“, frage ich unseren steirischen Barchef, der mit einer Thailänderin verheiratet ist. „Kann ich nicht sagen“, erwidert Jandl trocken. „Ich kenne die Karibik eigentlich nicht. Ich setze während der Reise außer zum Beladen nie einen Fuß an Land.“ Was für ein Glück, das man doch als Passagier hat. In diesem Fall: Noch einen Cocktail bitte.

Kreuzfahren, aber richtig

Die beste Reisezeit

Am meisten Sonne und am wenigsten Regen gibt es von Dezember bis Ende April, die ideale Zeit also für eine Kreuz– fahrt, obwohl die Temperaturen ganzjährig angenehm sind. Hurricans tauchen meist zwischen August und Oktober auf. Die Hurricans Irma und Maria sorgten diesen Sommer für Zerstörungen. Aber: 70 Prozent der 32 meistbesuchten Destinationen waren nicht betroffen, wie z.B. die Inseln St. Lucia und Grenada oder nur leicht wie Barbados. Stark betroffen war das Naturparadies Dominica.

Preisbeispiel

Traumhafte Wasserfälle auf Guadeloupe

Eine zweiwöchige Kreuzfahrt mit der „Mein Schiff 5“ ab/bis Barbados ist in der Innenkabine ab 1.998 Euro pro Person buchbar (Balkonkabine: ab rund 3.100 Euro, Himmel & Meer Suite: ab rund 6.600 Euro). Flüge WienBridgetownWien ab rund 620 Euro. Besonders höher- wertige Kabinen und Suiten sollten frühzeitig gebucht werden, da die Nachfrage sehr hoch ist. Auch die ähnliche „Mein Schiff 3“ ist in der Karibik unterwegs. Reederei: TUI cruises. www.tuicruises.com

Verlängerungstipp

Barbados ist teuer. Das gemüt- liche Tamarind Resort in der Paynes Bay, rund eine halbe Stunde von Bridgetown entfernt, bietet ein gutes Preis/Leistungs- verhältnis. Feinsandiger Strand, 3 Pools. Buchbar ab 218 Euro/ Person z.B. beiwww.best4travel.at

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