Stein-reiches Aostatal

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Aostatal

Im Aostatal: Wo Winzer Helden sind

Römer, mittelalterliche Pilger und der harte Alltag in den Bergen prägten das Tal im Nordwesten Italiens.

von Ute Brühl

11/03/2016, 05:00 AM

Wer Amedeo Follioley, den Bürgermeister von Donnas, in seinen Weinbergen besuchen will, muss schwindelfrei sein. Denn der Weg führt über eine steile, hohe Treppe, zusammengesetzt aus Steinquadern – Geländer gibt es keines.

"Weinberge der Helden" nennen die Menschen im Aostatal deshalb ihre Terrassen, in denen der Wein häufig in Pergolen angebaut wird und wo die Trauben kopfüber geerntet werden müssen. Weil die Wege so beschwerlich sind, hat jeder Weinberg sein Barmé, einen Keller, in dem Werkzeug und manchmal Wasser gelagert wird. Angelegt wurden die Terrassen wohl schon lange vor den Römern.

Historisch ist in Donnas nicht nur der Weinbau. Die Römer hatten hier entlang einst eine Handelsstraße aus dem Fels gehauen, die von Rom Richtung Aosta-Stadt und dem Großen bzw. Kleinen St. Bernhard-Pass führte. Um zu zeigen, welche Leistung sie vollbracht hatten, haben die antiken Baumeister einen Teil des Felsen stehen lassen und ein Tor eingehauen. Dass hier eine der wichtigsten Handelsrouten war, zeigt sich im nahen Pont-Saint-Martin, wo eine der ältesten noch existierenden Brücken aus der Römerzeit steht. Im Mittelalter gewann der Ort wieder an Bedeutung: Die Via Francigena wurde zu einem der wichtigsten Pilgerwege und wird heute noch genutzt.

Savoyen lässt grüßen

Alte Ruinen in Hülle und Fülle findet man auch in Aosta, der Hauptstadt der autonomen Region, die einst Teil Savoyens war, weshalb hier immer noch viele Französisch bzw. Patois, einen frankoprovenzalischen Dialekt, sprechen.

Hier hatten die Römer eine Stadt auf der grünen Wiese errichtet – samt Vergnügungsviertel mit zwei Theatern, eines davon fasste 10.000 Menschen – so viele Einwohner hatte die Stadt damals. Doch schon lange vorher lebten hier Menschen, wie Gianfranco Zidda erzählt. Der Archäologe begleitet die Besucher in das 10.000 Megalith-Areal – ein Museum, das erst im Sommer 2016 eröffnet wurde.

Er führt uns sechs Meter in die Tiefe, wo der Blick auf eine Mondlandschaft frei wird. "Das soll die archäologische Sensation im Aostatal sein?" wundere ich mich. Zum Glück gibt es den Dottore, der den toten Steinen Leben einhaucht und erzählt, was die Forscher alles aus den alten Funden lesen können. So sind Pflugspuren aus der Zeit um 5000 v.Chr. zu sehen – einzigartig in Europa. Mehr noch: Stelen, alte Rituale und ein Heiligtum, das auf einer Anhöhe am Fluss errichtet wurde, damit man es wie einen Leuchtturm sehen konnte. Hier wird die Steinzeit zum Leben erweckt.

Lardo, Fontina und Wein

Auch kulinarisch hat die kleinste Region Italiens viel zu bieten. Pasta und Pizza kommen hier selten auf den Tisch, dafür Deftiges wie Polenta, Maroni sowie Speck, Lardo, Salami, dunkles Brot und Käse. Typisch ist der Fontina – ein Käse, der zwei Mal am Tag gemacht wird, nämlich von der Morgen- und Abendmilch. Ein Gaumenschmaus, der auf der Zunge zergeht, ist der Lard d’Anard des Traditionsunternehmens Bertolin, ein weißer Speck, der über Monate in Kräuter und Salz eingelegt wird. Sündhaft gut. Eine Kalorienbombe, wie sie einst in den Bergdörfern überlebensnotwendig war.

Kleine Wanderung

Wie hart das Leben dort war, kann man in La Farretaz erleben, eine kleine Wanderung von Fontainemore im Naturreservat Mont Mars entfernt. Obwohl hier nur noch ein Mann wohnt, wird im Dorf – wie früher – ein Mal im Jahr Brot gebacken und "La Festa del Pane Nero" gefeiert.

Es wird gemeinsam gegessen und zur Feier des Tages singt der benachbarte Männerchor mehrere Ständchen. Gänsehaut pur, nicht nur für die Zuhörer: "Singen tut der Seele gut, da kannst du Stress abbauen", erzählt Aurelio Vacher, Vize-Bürgermeister von Fontainemore. La Fatteraz ist ein Ort, wie er auch im benachbarten Wallis oder Tessin stehen könnte: Eng in den Berg gebaute Häuser aus Stein und Lärchenholz, die mit typischen Steinschindeln gedeckt sind, geben den Dörfern ihr besonderes Flair.

Eine regionale Besonderheit sind die "Steinpilze" unter den Häusern – eine Idee der Walser, die sich so vor Mäusen und Nässe schützten. Die meisten dieser Dörfer sind heute unbewohnt oder für Touristen umgebaut.

Auf das Matterhorn

Typisch für die Region sind die vielen 4000er-Gipfel, weshalb sie für jeden Wanderer etwas zu bieten hat. Im Herbst lädt etwa der Weinwanderweg "Chemin des Vignoble" mit seinem Herbstlaub ein. Im Sommer kommen Bergsteiger auf ihre Kosten: Die Matterhornerstbesteigung wurde 1865 von Aosta und Zermatt (CH) aus versucht, wie eine Nachstellung im Alpenmuseum auf der Burg Bard zeigt. Vier Lifte sind nötig, um dieses zu erreichen. Die Besucher benötigen viel Zeit: Gefängnis, Fauna, Klima oder Geologie sind dort die Themen.

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