Reise
28.05.2017

Grundlsee: das unfrisierte Ende der Welt

Zusammen mit Toplitzsee und Kammersee bildet der Grundlsee ein verwunschenes Eck, das Menschen magisch anzieht: Heute, Sonntag, zum Narzissenfest, am 11. Juni zur offiziellen Kurort-Eröffnung, im Juli zur styriarte.

Sanft gleitet die Plätte über den Toplitzsee. "Soda, gib Gummi!", ruft ein Fahrgast dem Steuermann zu. Der lächelt. Und antwortet nach angemessener Pause: "I hon’s nid eilig."

Der eilige Fahrgast wird augenblicklich ruhig. Seine Mitreisenden, die er mit dem Kommando beeindrucken wollte, lachen. Einige fotografieren hektisch den Wasserfall, der fast senkrecht eine Wand des Toten Gebirges herabstürzt. Nicht jeder spürt schon am ersten Tag, dass hier die Zeit eine andere Ausdehnung erfährt. Aber viele, die zwei Tage da waren, berichten hinterher, dass sie sich erholt fühlten wie nach zwei Wochen.

Von Hundert auf null

Auch Monika Drechsler kam zuerst für zwei Tage. Und dann für immer. Sie ist die neue Ärztin von Grundlsee, einer Gemeinde mit 1240 Einwohnern, die dieser Tage groß feiert: ihre Ernennung zum Luftkurort. Drechsler, die Allgemeinmedizinerin und TCM-Ärztin, fordert die Kurgäste mit einem völlig neuen Verständnis von Kur heraus (siehe rechts unten: "Kur mit Natur").

Wer rastlos ist, mit dem geht sie in den Wald zwischen Grundlsee und Toplitzsee, den verwunschenen "Kurpark" am Fuße des Toten Gebirges. Hier, um den See, auf dem wir gerade mit der Plätte dahinziehen, "liegen Kraftplätze, die keinen unberührt lassen", erzählt Drechsler.

"Die Monika", wie sie hier inzwischen gerufen wird, sitzt auch auf der Plätte. Sie lacht nicht über den eiligen Fahrgast. Sie hört lieber dem Steuermann zu, der von den Eiteln erzählt, Fischen, die nach der langen Winterpause sofort geschwommen kommen, wenn die Grundlsee-Toplitzsee-Schifffahrt wieder ihren Dienst aufnimmt. "Die Viecher san vü g’scheiter, als die Menschen glaub’n", sinniert er, denn sie merkten sich über den Winter, dass er Futter für sie habe.

Dann legt er am Nordostufer des Sees an – und die Eiteln sind binnen Sekunden da. Er lacht.

Von hier aus sind es nur wenige Minuten zum malerischen Kammersee. Die moosbewachsenen Bäume geben den Blick auf den alten Schwemmkanal frei, ein fast unwirkliches Bild. Diese – zur Zeit Maria Theresias in den Stein gemeißelte – Verbindung zwischen Kammersee und Toplitzsee erleichterte einst den Holztransport zu den Sudhütten der Saline Bad Aussee.

Auf der Rückfahrt ist es ruhiger, die Betriebsamkeit ist einer Beschaulichkeit gewichen. Einige Fahrgäste blinzeln in die späte Nachmittagssonne und sind dankbar für diese Fahrt, die wegen der großen Nachfrage noch außerplanmäßig durchgeführt wurde. Dank neuer Flotte und freundlichen Personals ist die Grundlsee-Toplitzsee-Schifffahrt bei den Gästen extrem beliebt. Nicht nur die Plätten sind neu, auch die "Rudolf" und die "Traun", die auf dem Grundlsee verkehren, wurden vergangenen Winter generalsaniert, die " Gößl" ist noch in Arbeit. Tickets werden direkt an Bord gekauft, die Fahrpläne findet man unter: www.schifffahrt-grundlsee.at

Wo die Elfen tanzen

Die Plätte legt wieder bei der "Fischerhütte" an. Eine knappe halbe Stunde wandern wir zurück durch den "Kurpark" nach Gößl. In diesem Zauberwald sollen gar nicht harmlose, tanzende Elfen hausen. Am 1. Juli findet deshalb hier im Rahmen der styriarte 2017 die musikalische Wanderung "Elfenreigen" nach einer Idee von Barbara Frischmuth statt: eine Art Stationenkunstwerk mit Tanz, Gesang, Instrumentalklängen und Lesungen.

Etwas Ähnliches hat auch schon Franz Steinegger, der Bürgermeister von Grundlsee, unter dem Titel "Sprudel, Sprudel" hier im Wald organisiert. 2018 soll es wieder so weit sein.

In Gößl, dem nordöstlichen Ortsteil von Grundlsee, besuchen wir den Bürgermeister auf seinem Bauernhof. Kinder und Jungenten laufen herum. "Der Franz", wie ihn alle nennen, serviert Kaffee und erzählt vom "jahrelangen Prozedere" bis zur Ernennung zum Luftkurort, von Klima-, Lärm- und Luftgutachten, von Bangen und Hoffen.
Zwölf Jahre ist der 37-Jährige bereits in der Politik, früher war er Gemeinderat und Gemeindekassier. Er träume schon lang "vom Luftkurort – einem der höchsten Prädikate", sagt er.
Ein wesentlicher Punkt bei der Erfüllung aller gesetzlichen Kriterien sei "ein ständig ansässiger Arzt" gewesen. Da kam ihm "die Monika" als Ärztin gerade zur rechten Zeit. Und nicht nur der Zeitpunkt passte. Auch beim Kurgedanken herrscht Gleichklang zwischen den beiden.

Der Franz sagt: "Es gibt ein verändertes Verständnis von Heilung und Körper. Viele Menschen sind bereit für neue Lösungen, die sich oft alt anhören."

Ins Moos horchen

Die Monika nickt. Eine Ärztin, die mit den Gästen auch "ins Moos horchen" geht oder sie in alte, ausgehöhlte Baumstämme legt – das taugt dem Franz.

Das Ausseerland habe bereits Kur-Kompetenzzentren im Bereich Schul- und Sportmedizin, ebenso für F.X.-Mayr-Therapie. Grundlsee werde Kompetenzzentrum für Komplementärmedizin und Heilung im Einklang mit der Natur, denn, so sagt der Franz: "Uns nimmt man das ab. Wir sind ein extrem naturverbundenes Völkchen, fast wie ein Indianerstamm." Gerade hier hinten in Gößl mache sich das bemerkbar: "Wir Gößler haben seit Jahrhunderten einen eigenen Dorfrichter und eine eigene Kirche, die den Dorfbewohnern gehört. Der Pfarrer ist quasi unser Gast." Der Ausseer Bischof habe im 19. Jahrhundert schroff auf das Ansinnen reagiert: "Was brauchen ein paar Dorfbewohner und Rindviecher eine eigene Kirche?" Aber die Gößler hätten gute Kontakte zum Hof gehabt, die Bewilligung erwirkt, und Erzherzog Johann habe den ersten Nagel ins Dach eingeschlagen.

Stolz betont der Franz: "Wir ordnen uns nicht unter, auch nicht dem Tourismus. Wir wollen die Naturverbundenheit wahren und achten darauf, dass nicht alles so herfrisiert ausschaut."

Man trage Verantwortung, wenn "1240 Seelen auf 150 Quadratkilometer" aufpassen. Der Franz schaut hinauf in die Berge: "Da gehört auch das Tote Gebirge dazu, das ist das Ende der Zivilisation, da ist es wirklich wild. Schön und wild und wunderbar. Erst in Hinterstoder oder im Almtal geht’s wieder runter."

Und dann brechen wir auf. Hinauf ins Gebirge. Der Franz will uns das "Lustige Eck", einen der schönsten Punkte zeigen, wo einem die Aussicht allein gehöre. Die Monika will auf der Vorderbachalm Kräuter pflücken, etwa Spitzwegerich und Schlüsselblume gegen Husten.

Kaum nähern wir uns dem "Lustigen Eck", zeigt sich, dass wir doch nicht alleine sind: Eine Hochzeitsgesellschaft hat sich eingefunden. Das Paar wollte geheim heiraten und es erst hinterher den Freunden erzählen.

So empfahl ihnen Monika Laimer, die Standesbeamtin von Grundlsee, nicht die üblichen Trauungsorte, wie den Seepavillon oder eine Plätte am See, zu wählen, sondern am "Lustigen Eck" zu heiraten. Dort sei man unbeobachtet. Dass dann zufällig Bürgermeister und Gemeindeärztin daherkommen, führt zu viel Gelächter. Die Hochzeiter teilen die Aussicht, den Schnaps und das Hochzeitsbrot mit uns. Auf dem Tisch steht ein Herz, das der Vater des Bräutigams geschnitzt hat. Alle tragen Ausseer Tracht. Und wüsste man nicht, dass sich der Grundlsee nicht "herfrisiert", man könnte meinen, es sei eine Inszenierung.

Kur mit Natur: Klangwandern

"Wir begrüßen das Leben, das Wetter und dich!" So beginnt der "Kurantrag". Mit diesem lädt Grundlsees Ärztin, Dr. Monika Drechsler, Umkehrwillige auf eine völlig neue Kurerfahrung ein. Und weiter: "Das ist ein Antrag an dich selbst, ob du bereit bist, den nächsten Schritt zu gehen."

Die ehemalige Notfallmedizinerin, die seit vielen Jahren in eigener Praxis als Allgemein- und TCM-Ärztin tätig ist, gab ihre gut gehende Ordination im Süden von Wien auf, um am Grundlsee, direkt neben dem Informationsbüro, ihre neue Wirkungsstätte zu eröffnen. Sie habe gespürt, "dass Heilung hier, im Einklang mit der Natur leicht und spielerisch" gelinge.

"Ich will echte Veränderung bewirken. Das übliche Konzept ,Dreiwochenkur mit Kurschatten und dichtem Therapieprogramm‘ bieten wir nicht an. Die Menschen lernen hier, ihre innere Stimme zu hören und zu erkennen: Das ist mein nächster Schritt." Nur so, sagt Drechsler, werde Eigenverantwortung für die Gesundheit erst möglich und der Aufenthalt somit nachhaltig wirksam.

Ihr "Therapie"-Angebot umfasst neben westlicher und traditioneller chinesischer Medizin (TCM), Craniosacral-Therapie und Faszientechnik auch vielfältige Ritual- und Einzelarbeit in der Natur. Wer nicht in die Ordination kommen mag, wird gern auf dem See beim gemeinsamen Stand-up-Paddeln behandelt.

Dazu kommen Gruppenangebote, die unter die Haut und mitten ins Herz gehen sollen: Klangwandern im Wald, Jodeln in den Bergen, Kreativatelier, Lesewanderungen und vieles mehr. www.kuramgrundlsee.at

Anreise Mit dem Auto ab Wien ca. drei Stunden über A2, S6 und A9 bis Selzthal, dann B320 und B145. Oder, etwas länger, A1 bis Regau und weiter über die B145. Mit dem Zug bis Station Bad Aussee:www.oebb.at

Essen und Trinken Das "Seehotel Grundlsee" hat mit Matthias Schütz einen neuen, innovativen Koch. Das "Seeblickhotel" garantiert das beste Frühstück mit Aussicht. Guter, frischer Fisch in der "Fischerhütte" am Toplitzsee oder im "Dorfwirtshaus Stöckl". Die schönste Speisekarte mit lokalen Sagen hat der "Rostige Anker".

styriarte-Highlights 2017 "Ein Elfenreigen", zauberhafte Wanderung durch den Wald zum Toplitzsee mit sphärischen Klängen, Tanz, Lesungen (Arnold Schoenberg Chor u.a.): 1. Juli.
- Klangwolke "La Margarita" mit Riesenleinwand aus Wasser direkt über dem Grundlsee: 15. Juli.

Übernachten Direkt am See: "Seehotel", 4*, je nach Zimmer und Saison 70–140 €/P. mit Frühstück.
- Urig-gemütlich: Gasthof Veit, ca. 40 €.
- Für Familien: JUFA-Hotel, ca. 40 €/P.

Auskunft www.grundlsee.at, www.ausseerland.at