Reise
03.08.2017

Großbritanniens Norden: Wo ein "O" schnell zum "U" wird

Die schottischen Lowlands und die Cumbrian Mountains sind weniger bekannte, aber nicht minder reizvolle Regionen im Norden der britischen Insel.

Wir hätten doch Bier oder Gin Tonic ordern sollen statt einer Flasche Wein, dann hätte es keine sprachlichen Missverständnisse gegeben. Statt dem "Winecooler" serviert der Kellner nämlich ein Cola. Selber schuld! Im schottischen Dialekt wird ein "O" schnell zum "U" – Cula sozusagen. Im Süden Schottlands und Norden Englands muss man überhaupt ein wenig umdenken, nicht wegen rauer Dialekte. Zum Beispiel, sich mit "flüssiger Sonne" anfreunden. Das heißt: Hier regnet es oft. Deftige Kost zu mögen ist auch kein Fehler. Die wenig bekannte Grenzregion mit tiefgrünen Hügeln, blauen Seen und pittoresken Städten zu erkunden, ist aber ebenso reizvoll, wie Südengland oder die schottischen Highlands, die die bestbesuchten Regionen Großbritanniens darstellen.

Erkundungen in Edinburghs Altstadt-Gässchen

Schon die schottische Hauptstadt Edinburgh bietet viel zu sehen. Embra, wie es im lokalen Dialekt heißt, liegt am Fuße des imposanten Edinburgh Castle aus dem Mittelalter und besticht durch seine Zweiteilung: Enge Gassen, bunte Läden und Pubs in der Altstadt sowie großzügige viktorianische Architektur in der New Town und viele grüne Parks machen die Stadt zu einem lebenswerten Ort. Gegen Kälte, Wind und Regen hilft das Nationalgetränk Whisky, das hier – wie überall in Schottland – allgegenwärtig ist. 3380 verschiedene Flaschen sind etwa in der größten Whiskysammlung Schottlands in der "Whisky Experience" zu sehen.

Quer durch die Lowlands

Draußen vor der Stadt zieht die Atmosphäre der Lowlands jeden schnell in ihren Bann. Auf dem Weg nach Süden, zur schottischen Grenze, passiert nicht viel – die Natur mit grünen Hügeln und einem endlos scheinenden Himmel ist die Hauptsache. Die Eindrücke erlebt man auf Landstraßen intensiver. Oft beleben nur Schafe, die wie weiße Flecken in der Landschaft stehen, das satte Grün. Rund 25 Millionen (gegenüber fünf Millionen Schotten) gibt es in Schottland – die Chancen ihnen zu begegnen sind also hoch.

Hochzeitsstädtchen Gretna Green

Für Begegnungen ganz anderer Art ist das Grenzstädtchen Gretna Green bekannt. Seit 250 Jahren ist es ein Ort für Liebende, denen die Eltern die Heirat nicht erlaubten. Die Tradition, den Bund fürs Lebens über einem Amboss in einer historischen Schmiede zu schließen, wird bis heute gepflegt. Statt dem Schmied vollzieht die Zeremonie aber ein Standesbeamter. 1614 Trauungen waren es im Vorjahr.

Die Engländerin Anne und der Schotte Andrew haben nicht hier geheiratet, halten es aber schon seit 30 Jahren gut miteinander aus. Die Museum-Guides sind das lebende Beispiel, dass Schotten und Engländer sich doch mögen und zusammenleben können. Kennengelernt hat sich das Ehepaar als Deutschstudenten in Nürnberg – bei einer Dudelsackparade. What else.

Nach Gretna Green ist Nordengland erreicht. Weiter geht’s durch die Cumbrian Mountains in den "Lake District". Die zahlreichen, bis zu 70 Meter tiefen Seen entstanden in den Eiszeiten und sind weniger bekannt.

Über die Berge zum Lake District

In dieser Landschaft lassen sich Ruhe und Stille ganz unmittelbar erleben. Die schönste Strecke zum größten See Lake Windermere führt über den Kirkstone Pass. An seiner höchsten Stelle (454 m) wurde 1496 ein Kloster errichtet. Heute ist das "Kirkstone Pass Inn" ein uriges Wirtshaus mit Kaminfeuer – und Großbritanniens dritthöchst gelegenes Pub. Außer einigen Motorrädern, die die kurvige Bergstrecke fahren, ist hier nur der Wind zu hören. Unten angekommen, kann man bei einer Schiffsrundfahrt die Dimensionen des Lake Windermere erahnen: Er ist 17 km lang. Ein ruhiges Plätzchen am Schiff, von dem aus man die Wellen und das malerische Ufer genießen kann, lässt sich meist leicht finden.

Auf dem Weg durch die Yorkshire Dales wird die Landschaft dann rauer: Manche Straßen sind für Busse zu eng. Dieses Problem gibt es auf den gut ausgebauten Straße von York, dem Zentrum der Region Yorkshire, nicht. Zwei Tage braucht man, um die Stadt richtig zu erfassen. Ein Pflichtbesuch ist das berühmte York Minster, die größte gotische Kathedrale Nordeuropas. In den 128 großflächigen Fenstern befindet sich die Hälfte des noch in England vorhandenen mittelalterlichen Buntglases. In den "Shambles", den engen Kopfsteinpflaster-Gassen der Altstadt, haben historische Fachwerkhäuser überlebt.

Kontemplation im Kloster

Wie langlebig Ruinen sein können, demonstriert das ehemalige Zisterzienserkloster Fountains Abbey. Nach 400-jährigem Bestehen fiel eines der größten und reichsten Klöster der Insel 1539 der Kirchenreform Heinrich VIII. zum Opfer. In die im 18. und 19. Jahrhundert aufwendig gestaltete Parklandschaft des "Studley Royal Water Garden" integriert, ist es noch immer ein Ort tiefer Ruhe.

Beatles-Spurensuche in Liverpool

Spätestens in Liverpool ist es allerdings vorbei mit beschaulicher Stille. In ihrer Heimatstadt sind die Beatles allgegenwärtig. John, Paul, George und Ringo wurde u. a. ein Denkmal am Hafen und ein Museum gewidmet, das ihren Werdegang mit Originalschaustücken nachzeichnet. In der schmalen Mathew-Street reiht sich ein Musik-Pub an das nächste. Der legendäre Cavern Club, in dem die Beatles exakt 292 Mal auftraten, wurde wieder aufgebaut und kann heute besichtigt werden.

Bei den Liverpudlians

Die achtgrößte Stadt Großbritanniens ist ebenso stolz auf ihre Industriegeschichte. Vom wichtigen Exporthafen fuhren einst Schiffe in alle Welt. Heute legen hier Kreuzfahrtschiffe an, und auch die legendäre Fähre, die von "Gerry & The Pacemakers" 1964 im Song "Ferry cross the Mersey" besungen wurde. Die verwahrlosten Docks wurden aber herausgeputzt, die historische Hafenstadt zählt zum Weltkulturerbe. Daneben blitzt Stahl und Glas. Im Stadtteil Ansfield steht das Heimatstadion des Liverpool FC, ein Ziel für Fußballfans.

Mit den Liverpudlians oder Scousers, wie man die Einwohner nennt, könnte es aber wieder Verständnisprobleme geben: Ihr Dialekt ist markant – aber unverständlich. Sich mit Beatles-Songs darauf einzustimmen, könnte eventuell helfen. Falls nicht: Die Liverpooler, sind wie alle Briten, höfliche Menschen. Ein Sorry ist nie falsch.

Kein Wunder, dass Joanne K. Rowling in Edinburgh auf die Idee zu Harry Potters Zaubererwelt kam und hier die Bücher schrieb: Besonders in der Abenddämmerung kann man sich die Burg-Silhouette leicht als Zaubererschule „Hogwarts“ vorstellen und so manche pittoreske Gasse erinnert an die „Winkelgasse“. Zum 20-jährigen Jubiläum des ersten Harry Potter-Romans, der 1997 herauskam, hat der schottische Tourismus-Verband eine viertägige Tour zu Schauplätzen rund um den Zauberschüler zusammengestellt.

Friedhöfe und Viadukte

Dazu zählen der mystische „Greyfriars Kirkyard“, wo Rowling einige Namen für ihre Romanfiguren fand, oder das Café „The Elephant House“, wo sie viele Passagen des ersten Teils schrieb. Zur Tour gehört aber auch eine Fahrt mit der Dampfeisenbahn „Jacobite Steam Trail“ über das berühmte Glenfinnan Viadukt in den Highlands. Es kam in mehreren Potter-Filmen vor – immer, wenn der Hogwarts-Express zur Schule fuhr. Ein Tag ist ebenso für Wanderungen in den Highlands vorgesehen, wo man die mystische Nebel-Atmosphäre vieler Potter-Filme selbst entdecken kann.

Trainspotting

Noch ein anderer Kult-Film ist eng mit Edinburgh und Umgebung verbunden. Für Fans von „Trainspotting“, 1996 mit Ewan McGregor verfilmt, gibt es Touren zu den Originalschauplätzen des Films – und welche Irvine Welsh, der Autor der Romanvorlage, beschrieb. Viele Szenen wurden damals allerdings in Glasgow gedreht. In der Fortsetzung „T2 Trainspotting“, die 2017 im Kino gezeigt wurde, kamen hingegen Edinburgher Schauplätze ins Bild. Da kommt der Flughafen mit seinem überdimensionalen Edinburgh-Schriftzug ebenso vor, wie Plätze in der Altstadt. Der Hafen von Leith hat sich seit 1996 überhaupt zur trendigen Ausgeh-Meile entwickelt. Und bei einer Jogging-Tour läuft McGregor natürlich durch den Holyrood-Park und auf den Edinburgher „Hausberg“ Arthur’s Seat, um sich beim grandiosen Blick auf die Stadt auszuruhen. Weiters gibt es geführte Touren entlang des Leith Walk.

Details zu Schottland finden Sie unter: www.visitscotland.com

Auf den Spuren Harry Potters gibt es verschiedene Tour-Angebote unter www.pottertrail.com

Wer Leith erkunden will und dabei auf den Spuren von Renton, Sick Boy, Spud und Begley aus "Trainspotting" gehen möchte, findet hier Möglichkeiten: www.leithwalks.co.uk

AnreiseZ. B. Brussels Airlines fliegt täglich ab 147 € von Wien via Brüssel nach Edinburgh und retour; Hinflug Wien Edinburgh sowie Rückflug Manchester Wien ab 188€.www.brusselsairlines.com

Währung/Preisniveau 1 britisches Pfund Sterling (GBP) entspricht
1,14 €. Das Preisniveau ist etwas höher als in Österreich.

Essen und Trinken Das schottische Nationalgericht ist „Haggis“ (im Schafsmagen gekochte Innereien). Zum „Full Scottish Breakfast“ gehören Baked Beans, Speck, gegrillte Tomaten , „Black Pudding“ (Blutwurst), „Lorne Sausage“ (würzige Wurst in Blockform), in Yorkshire ist der „Yorkshire Pudding“, der als Beilage zu Fleisch gereicht wird. Die „Cumberland Sausage“ ist eine in Schneckenform gerollte Bratwurst. Gute Biere aus lokalen Brauereien.

Tipps Einblicke in die Herstellung von Whisky vermittelt eine Führung bei „The Scotch Whisky Experience“ in Edinburgh. Im Shop gibt es Whiskys von mild ( Lowlands) oder rauchig (Islay). Whisky Liqueurs (Drambuie, Glajva) werden mit Honig und Kräutern angesetzt. www.scotchwhiskyexperience.co.uk

Traditionellen Afternoon Tea gibt es u. a. stilecht im Traditionsteehaus Betty’s in York mit Sandwiches, Scones und Mehlspeisen. www.bettys.co.uk

Übernachten Vom günstigen Bed & Breakfast bis zum Nobelhotel gibt es für jede Geldbörse etwas, im Luxussegment etwa das „The Balmoral“ (5*) in Edinburgh mit Harry Potter-Suite.

Für elektrische Geräte einen Adapter einpacken – nicht alle Hotels bieten Leihgeräte an.

Angebot Raiffeisen Reisen hat eine Reise durch Süd-Schottland und Nord-England im Angebot: Whisky in Edinburgh, Mittelalter in York und Beatles in Liverpool: 5N/F ab 1199€ inkl. Flüge, 4 x Abendessen, div. Eintritte und Reisehandbuch. Termin 2017: 26.–31.10. Termine 2018: 23.– 28. 3., 20.–25.4.
Buchung: Tel. 0676/830 75-400, info@raiffeisen-reisen.at

Auskunft www.visitbritain.com/at www.visitscotland.com