Reise
23.01.2012

Freier Fall ins Weiß der Tiroler Berge

Fieberbrunn. Das Mekka der Freerider ist im März wieder Bühne für die Weltelite. Kein Zufall: Der Tiroler Skiort in den Kitzbüheler Alpen hat ein variantenreiches Tiefschnee-Areal mit Adrenalin-Garantie.

Er liebt die Jagd nach dem besten Powder und hasst die Hitze. Sebastian Schwaiger, staatlich geprüfter Skilehrer, Marketingleiter der Bergbahnen und Freeride-Guide in Fieberbrunn, ist heute happy. In der Nacht hat es geschneit, jetzt glitzern die Freeride-Hänge am Wildseeloder unverspurt unterm blitzblauen Himmel. "Da pfeif’ ich auf die Karibik", lacht er und springt in den flauschig weißen Hang. Der lockere Pulverschnee staubt, weg ist er.

Fieberbrunn ist das rot-weiß-rote Mekka der Freeride-Szene, der einzige Ort in Österreich, wo die Freeride World Tour Station macht. Heuer vom 10. bis 16. März. Da brettelt die Weltelite über Fels durchsetzte, 70 Grad steile Hänge und durch wenige Meter breite Steilrinnen am Berg Wildseeloder. Es sind wahre Höllenritte mit kühnen Sprüngen von Felswänden. Ein Spektakel für die Zuseher. Das animiert in Fieberbrunn mittlerweile Tausende Hobby-Freerider zumindest zu kurzen Ausritten ins freie Gelände.

Auf den Spuren der Elite

Wer mehr will, kann mehr haben – sollte sich aber einen professionellen Guide nehmen. Die Gefahren abseits der Pisten sind groß, außerdem finden Ortsfremde die besten Abfahrten ohne Guide sowieso nicht. Zwei Skischulen haben sich auf die boomende Szene spezialisiert, bieten geführte Touren – z. B. auch auf den Spuren der Freeride Elite am Wildseeloder: die "freeridebase" und die "Freeride Experts".

"Das Gelände bei uns ist ideal, die Schneelage meist gut, sonst hätten wir die World Tour auch nie hier her bekommen", schwärmt Sebastian Schwaiger. Von sanft geneigten Hängen gleich neben den Pisten bis zu Runs in Steilrinnen und Waldschneisen reicht das Spektrum.

Wer die vielen Möglichkeiten der Freeride-Arena Fieberbrunn ausreizen will, muss allerdings für manche Abfahrten kurze Fußmärsche in Kauf nehmen. Nicht alle Hänge sind mit den Seilbahnen erreichbar. Aber das ist für fortgeschrittene Off-Pist-Fans sowieso Alltag. Die besten Runs für Könner bieten die Berge Wildseeloder und Marokker. Für weniger Geübte sind etwa die Hänge von der Hochhörndlspitze und die Waldrouten um den Lärchfilzkogel perfekte Adrenalin-Produzenten.

Unverspurt bleiben diese aber nie lange. An schönen Wochenenden werden die Fieberbrunner Freeride- Hänge geradezu niedergebügelt. Dann wird selbst für Sebastian Schwaiger die Jagd nach dem besten Powder schwierig. Was soll’s: Es macht auch Spaß, ein von Spuren zerfurchtes Gelände zu meistern.

Frei und wild

Markierte und Lawinen-gesicherte Routen, wie etwa am Kitzsteinhorn, gibt es in Fieberbrunn nicht. Auch keine Routenbeschreibungen und Hinweistafeln. "Wir wollen den Freeridern noch echtes Freigelände lassen", sagt Sebastian Schwaiger. Die heißesten Downhill-Varianten – wo man einsteigt und wo man wieder zu den Liften quert, ohne in einem Graben zu landen – werden als Tipps weitergegeben. Oder man fährt mit einem Guide.

Lawinenpieps, Sonde und Schneeschaufel sollten immer mit dabei sein. Rucksäcke mit Lawinen-Equipment gibt es bei den genannten Skischulen zum Ausborgen. Mittlerweile sind die Lawinen-Rucksäcke genauso trendy geworden wie Sturzhelme. Ohne Helm und Sack zählt man eben nicht zur Spezies der modernen Tiefschnee-Cowboys. Gut so!

Black und White

Aber nicht nur beim Abfahren genießt man in Fieberbrunn höllischen Spaß. Die brandneue 10er-Gondelbahn Reckmoos Nord, die die Freerider direkt ins Wildseeloder-Gebiet bringt, präsentiert sich im diabolischen Design – schwarz, rundum verglast, mit Sitzheizung und roten Hörnern am Gondeldach. Weil sie die Reckmoos-Schattseite erschließt, ist ihr cooler Zweitname: "The Black Side of the Sun". Der Ausblick durch die Panorama-Fenster ist genial. Von der bizarren Kette der Loferer und Leoganger Steinberge bis zum Wilden Kaiser, Großglockner, Großvenediger und den Zillertaler Alpen reicht der Blick. Ein weißes Meer unter blitzblauem Himmel. Da pfeift man, wie Sebastian, gern auf die Karibik.

Perfekte Pisten mit Hilfe aus dem Weltall

"Ich bin der Frisör der Pisten", sagt Hansi Eder. Jede Nacht sitzt er stundenlang auf seinem "Beast", dem größten Pisten-Bulli am Markt, steuert konzentriert Fräse und Frontschaufel mit dem Joy-Stick. "Da darf kein Haar schief liegen", lacht er. "Jeder Mugel wird gewissenhaft geglättet. Darauf legen wir Wert."

Fieberbrunn hat punkto Größe kein Herzeige-Skigebiet. Mit 43 km Pisten und elf Liften zählt es zu den kleinen in Österreich. "Aber es hat wegen seines interessanten Geländes viel Charakter", sagt Skilehrer Sebastian Schwaiger. Und bei der Pistenpräparierung sind die Fieberbrunner sowieso top. "Nur so sind wir konkurrenzfähig", sagt der Chef der Pistenpräparierung Hannes Jurescha. Neuerdings setzt er auf Hilfe aus dem All. Um 100.000 € installierten die Bergbahnen eine GPS-Anlage, mit der die Schneehöhen im gesamten Gebiet von den Pisten-Bullis gemessen werden. Auf einem Bildschirm sieht der Fahrer , wie viel Schnee unter ihm liegt. "Jetzt können wir ihn exakt dort hin verfrachten, wo wir ihn brauchen", so Jurescha. "Das spart Energie, Zeit, Wasser für Schneeproduktion und verlängert die Skisaison, weil keine kritischen Stellen zu früh ausapern."

Im Verbund mit neun weiteren Skiorten wie St. Johann, Waidring oder Reit im Winkl (keiner liegt weiter als 30 Autominuten entfernt) bringt es Fieberbrunn als Region Schneewinkel auf 176 km
Pisten. Und wenn die geplante Verbindung zur Skischaukel Leogang/Hinterglemm realisiert ist, gehört es zum größten zusammenhängenden Skigebiet Österreichs.