Das Ziel botanischer Sehnsüchte

Winston Churchill erblickte in Blenheim Palace das Licht der Welt.
In den Cotswolds reihen sich weitläufige Landschaftsparks an schnuckelige Privatgärten.

Bogenartige Weidewiesen, Steinmauern und weiße Schafe mit freundlichem Gesicht: Wer sich das ländliche England so vorstellt, wird in den Cotswolds nicht enttäuscht. Der Landstrich mit dem schwierig auszusprechendem Namen liegt im Süden des Landes, zwischen der alten Universitätsstadt Oxford und Coventry. Blauregenbehangene Fachwerkhäuser aus gelbem Sandstein verdichten sich hier zu kleinen Ortschaften, um dann wieder Platz zu machen für saftig grüne Auen und Felder.

Das kleine Marktstädtchen "Stow on the Wold", einst Zentrum des Wollhandels, ist heute ein beliebter Ausgangspunkt für Ausflüge in die Cotswolds. Während Guide Andrea einige Meat Pies (pikant gefüllte Pasteten) für unterwegs besorgt, stöbern wir – bevor die Reise weitergeht – in Antiquariaten, besuchen Teestuben und traditionelle Pubs.

Gefeierte Gartenbaukoryphäe

Das Ziel botanischer Sehnsüchte
Croome Court, Capability Brown, Landschaftsgarten, Cotswolds, England
Beim nächsten Halt im kleinen Dörfchen Croome d’Abitot bei Pershore versteckt sich das Erstlingswerk von Lancelot "Capability" Brown. Der Pionier des Landschaftsdesigns hauchte dem englischen Garten im 18. Jahrhundert einen neuen Stil ein und schuf – entgegen der damals vorherrschenden formalen Strenge – völlig natürliche Landschaften. "Als ich hier in Croome Court zu arbeiten begann, war alles verwildert. Das Areal wurde 17 Jahre lang restauriert und erstrahlt nun wieder in Browns ursprünglichem Glanz", berichtet Park-Managerin Katherine. Sie begleitet uns zum Landhaus, dem Herzstück der Anlage. Von dort überblickt man weitläufige Wiesen, majestätische Bäume, künstlich angelegte Teiche und Flussläufe. "Es sollte alles wie natürlich gewachsen aussehen", erzählt Katherine. Richtungsweisend war auch der sogenannte "Haha": Brown schlug – vereinfacht gesagt – eine Furche in die Erde und machte damit Zäune überflüssig. Der Blick schweift deshalb ungestört über die Felder hinweg, ohne dass Wild in den geschützten Bereich vordringt.

Tea-Time mit James Bond

Im "Herz von England", wie die Region um die Cotswold Hills bezeichnet wird, kommt man oft mit Capability Brown in Berührung. Etwa auch in Blenheim Palace, einem der größten Schlösser Englands und UNESCO-Weltkulturerbe. Das im britischen Barockstil errichtete Gebäude strotzt nur so vor Geschichte: 1874 wurde Winston Churchill hier geboren, heute dient es unter anderem als Filmkulisse für James Bond oder Harry Potter.Brown realisierte damals im Auftrag des 9. Herzogs von Marlborough einen geheimen Garten, majestätische Wasserterrassen, einen Rosengarten und einen Irrgarten. Blumenwiesen, 300 Jahre alte Baumriesen und ein künstlich angelegter See mit Wasserfall vermitteln die Illusion, als ginge man durch ein Stück unberührte Natur. Beim Afternoon Tea in der Orangerie des Schlosses gönnen wir unseren Beinen eine Verschnaufpause. Der Park hat uns nämlich einiges abverlangt: Er erstreckt sich auf über 800 Hektar. Vornehme Kellner servieren Tee und verschiedene Köstlichkeiten auf einer Etagere: Sandwiches, Scones und Petit Fours. Andrea erklärt uns die Regeln: "Man isst immer von unten nach oben. Jedes Stück ist abgezählt, aber man kann nachordern, so viel man will."

Picknick unter alten Zedern

Das Ziel botanischer Sehnsüchte
Hidcote Manor, National Trust, English Gardens, Gartenreise, Cotswolds, UK, Great Britain
Nicht nur Brown hinterließ seine Spuren in den Cotswolds. Der Amerikaner Lawrence Johnston legte mit demHidcote Manor Gardeneinen der bedeutendsten architektonischen Gärten des 20. Jahrhunderts an. Er pflanzte Hecken aus Eiben und Buchen und gliederte den Garten nach einem axialen Grundgerüst. Eine stattliche Libanon-Zeder, früher in jedem Garten ein Muss, ist Ausgangspunkt für die beiden Hauptachsen, um die sich große und kleine Gartenräume reihen. Johnston inszenierte ein Wechselspiel zwischen streng geschnittenen Hecken und akkuraten Beeten einerseits und einer überbordenden Pflanzenfülle andererseits. Früher war der Park Treffpunkt der High Society, heute zelebriert man hier einen Volkssport: das Picknick.
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Blüte einer Rose Kiftsgate, blossom of a rose Kiftsgate
Das private AnwesenKiftsgate Court kündigt unterdessen eine wahre Schönheit an: Im Garten jenes 1880 erbauten Hauses steht das Original der wohl größten Ramblerrose Englands – der Kiftsgate Rose. Hausherrin Anne Chambers erzählt, wie die Rose zu ihrem Namen kam: Ihre Großmutter, die das Grundgerüst des Areals anlegte, hatte die Sorte aus Versehen gekauft. Weil niemand wusste, wie sie hieß, verlieh sie dem Gewächs den Namen ihres Anwesens.
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Cotswolds, Kiftsgate Garden, Endland
Dass Flora, die Göttin der Blüte, es so gut mit England meint, liegt am besonderen Klima. "Milde Winter, ausreichend Feuchtigkeit und nicht zu heiße Sommer schaffen ideale Bedingungen", sagt Chambers. Der Pflegeaufwand hält sich in Grenzen: "Wir gießen nur die Jungpflanzen. Alles andere braucht kein Wasser."

Für den guten Zweck

Gärtnern ist so untrennbar mit dem Leben auf der Insel verbunden wie karitatives Engagement. Daher öffnen tausende private Besitzer ihre Türen und spenden die Einnahmen an wohltätige Einrichtungen. Eine davon ist Wendy Dare, deren Refugium in Blockley hinter hohen Hecken versteckt liegt. Farbenprächtige Gladiolen, Clematis und eine blütenreiche Deutzea zeugen vom Pflanzenwissen der Autodidaktin.

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Mill Dene Garden, England
"Bevor ich dieses Haus gekauft habe, hatte ich keine Ahnung vom Gärtnern", erzählt Wendy.Mill Dene, so der Name ihrer grünen Oase, ist nur an bestimmten Tagen für Besucher geöffnet – wann genau, steht im National Garden Scheme, wo alle Privatgärten Englands aufgelistet sind. Wendy führt uns durch ihr blühendes Reich, ehe sie selbst gebackene Scones mit Clotted Cream(streichfestes Schlagobers)und Erdbeermarmelade serviert. "Darüber wird nicht diskutiert, höchstens über die Reihenfolge", betont Wendy, nimmt eines der Brötchen und bestreicht es. Scones und Clotted Cream genießen in England ebenso großen Stellenwert wie das Gärtnern – ein Stück britische Lebensart, die man in den Cotswolds perfekt zu pflegen weiß.

Info

Das Ziel botanischer Sehnsüchte
Anreise
z.B. mit Austrian Airlines mehrmals täglich von Wien, Graz, Salzburg, Linz und Innsbruck.www.austrian.com

Währung
1 British Pound (GPB) =1,17 €

Mietautotour
Von London nach Stow on the Wold ca. 2 Stunden bzw. 2,5 Stunden nach Broadway. Von dort ca. 30 min zu den umliegenden Parks und Gärten. Ausnahme ist Blenheim Palace: ca. 50 min entfernt.

Beste Reisezeit
Von Mitte Mai bis Ende August stehen Englands Gärten in voller Blüte

Hotel
Idealer Ausgangspunkt für Unternehmungen in den Cotswolds ist das „Fish Hotel“, das sich auf dem Gelände des Farncombe Estate, etwa drei km westlich von Broadway, erstreckt. Übernachtungen ab ca. 120 € im DZ. www.thefishhotel.co.uk

London-Tipp
Jedes Jahr im Mai (heuer von 23. 5. bis 27. 5.) findet die größte Blumenschau der Welt, die „Chelsea Flower Show“, auf dem Gelände des Royal Hospital in London statt. In Shows und Schaugärten präsentieren die besten Gärtner des Landes ihr Können. Ein Besuch lohnt sich definitiv, aber Achtung: Tickets sind limitiert und meist schnell ausverkauft. Sie müssen Monate im Voraus bestellt werden. www.rhs.org.uk

Buchtipp
National Garden Scheme – auch „Yellow Book“ genannt – listet alle Privatgärten Englands, die ihre Tore für Besucher öffnen. Einnahmen werden karitativen Organisationen gespendet.

Angebote
Eine Auswahl an Gartenreisen international und national bietet olivareisen.at
– Regina Wiklicky hat ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht. Details: www.gartenreisen-england.at/regina.html
– Spätsommergärten in den Cotswolds, 28. 8.–2. 9. 2017: www.gartenreisen.com

Auskünfte
VisitBritain www.visitbritain.com, www.visitlondon.com


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