Reise
05.12.2011

Carnuntum: Tod und Spiele

Sensationsfund: In Carnuntum wurde eine große Gladiatorenschule entdeckt. Auch nördlich der Alpen wollte das Publikum Blut sehen.

In der Arena konnte ein Gladiator auf zwei Arten sterben. Er bekam das Schwert kniend von vorn durch die Kehle oder von hinten durch das Schulterblatt ins Herz gerammt. "Beides kam selten vor", sagt Experimental-Archäologe Marcus Junkelmann. Schlachtfeste wie im Film "Gladiator" gab es einmal im Jahr zu Kaisers Geburtstag. Sogar in Rom. Im beschaulichen Carnuntum sowieso.

Dass es Gladiatorenkämpfe in der pannonischen Provinz gegeben hat, hatten Forscher bereits vermutet. Wozu hätte man sonst zwei Amphitheater benötigt? Es habe aber Zweifel gegeben, da die kleinen Arenen in der Regel mit Tierhetzen (lateinisch: venationes) bespielt wurden, erklärt Althistoriker Ekkehard Weber. Ein altersschwacher Bär oder ein germanischer Auerochse mussten genügen. Einen Kaiser Commodus (161 bis 192 n. Chr.), der selbst als Gladiator auftrat und eigenhändig fünf Nilpferde, zwei Elefanten, eine Giraffe und ein Rudel Nashörner an einem Tag hingeschlachtet haben soll, oder der - einmalige - Auftritt von Gladiatorinnen-Amazonen, solche Spektakel gab's höchstens im Kolosseum in Rom.

Neuentdeckung

Die Sensation war daher perfekt, als der Archäologische Park Carnuntum die Entdeckung einer Gladiatorenschule meldete. Der Fund gelang im Boden neben dem ersten Amphitheater. "Das wäre die einzige bekannte Ausbildungsstätte nördlich der Alpen gewesen", sagt Weber. Bekannt war bereits, dass die in Pannonien stationierten Legionäre unblutige Schaukämpfe austrugen. Die neuen Erkenntnisse über Gladiatoren im heutigen Niederösterreich werden bald veröffentlicht.

Ausgrabungen gibt es - noch - keine. Die Entdeckung wurde mithilfe von Geo-Radarbildern gemacht. Diese Methode, bei der Magnetstrahlen von Strukturen im Boden reflektiert werden, ermöglicht einen Blick unter die Erde. Außen- und Innenmauern und sogar Türstaffeln lassen sich unterscheiden. Aber woran erkennt man eine Gladiatorenschule? Weber: "Pompeji kann als Referenz dienen, dort gibt es einen großen Innenhof mit Säulenhalle und Quartieren."

Gladiatoren waren Athleten. "Ihre Kämpfe folgten einer Dramaturgie, um das Publikum nicht zu langweilen. Die Kämpfer wollten überleben und stürmten nicht wie Berserker aufeinander los", sagt Junkelmann. Vier Minuten habe eine "Gladiatur" gedauert. Im Publikum saßen Fans und Feinspitze, die Kampftechnik und Moral honorierten. "Gladiatorenkämpfe hätten heute großen Zulauf." Junkelmann muss es wissen, seine "Familia Gladiatoria Pulli Cornicinis" tritt bei Römerfesten auf. Mesalliancen zwischen den jungen Männern - kaum einer wurde älter als 30 - und Römerinnen aus gutem Haus sind belegt. Beweis dafür: In einem Nebenraum des Amphitheaters Pompeji wurde ein Paar vom Ausbruch des Vesuv überrascht.

Ave Cäsar!

Der Ruf "Heil dir, Caesar, die Todgeweihten grüßen dich" ist vom römischen Schriftsteller Sueton überliefert. Bei einer von Kaiser Claudius (10 v. Chr. bis 52 n. Chr.) inszenierten Seeschlacht wurden Scharen von zum Tode Verurteilten nach Mittelitalien gekarrt und aufeinander gehetzt. Dass ein Gladiator je "Ave Caesar, morituri te salutant" gesagt habe, ist nicht überliefert.

"Die Tötungshemmung war geringer als heute"

Der römische Kaiser Nero hielt bei den Spielen immer einen geschliffenen Smaragd vors Auge, angeblich als Sonnenbrille. Die Spiele waren für das Volk eine Chance, die Marotten ihrer Kaiser zu sehen. Die Gladiatoren verkörperten römische Tugenden wie Kampfbereitschaft und Todesverachtung, berichtete Geo Epoche. Ekkehard Weber, emer. Univ.-Prof. am Institut für Alte Geschichte der Universität Wien über den Reiz des Profi-Kämpfertums.

KURIER: Herr Prof. Weber, warum meldete man sich - freiwillig - in einer Gladiatorenschule an?

Ekkehard Weber: In der Gladiatorenschule gab es ordentliches Essen, vor den Kämpfen sogar Fleisch, Massagen, die besten Ärzte ihrer Zeit und Siegesprämien. Ein guter Sklave hatte etwa den Wert eines Mittelklassewagens, ein ausgebildeter Gladiator war ein Vielfaches wert. Zur Brutalität ist zu sagen: Die Tötungshemmung in der Antike war weit geringer als heute.

Welche Kampftechniken gab es?

Man kennt den Raetiarius, der mit einem Netz Gegner fängt und sie mit dem Dreizack durchbohrt. Secutoren trugen Visierhelme und kämpften als Thraker mit Rundschild und gebogenem Schwert. Samniten waren schwer bewaffnet.

Hat Ihnen der Film "Gladiator" gefallen?

Zum Teil. Die phallischen Säulen in der Arena, zum Beispiel, hätten die Kämpfer nur behindert.