Reise 05.12.2011

Bosnien und Herzegowina: Küssen verboten

Das Balkan-Land gilt touristisch gesehen als noch recht unbekannt. Dabei hat es einiges zu bieten - wenn man ein paar Regeln einhält ...

Woran merkt man, dass man auf dem Balkan ist? Wenn niemand einen Job hat, aber jeder ein Handy. Oder: Wenn du bemerkst, dass Fußgänger keinen Vorrang haben. Diese Zeilen stammen nicht etwa aus einem Witzebuch, vielmehr sollen sie die Seele eines Landes widerspiegeln, das sich nach langen Jahren der politischen Unruhe immer mehr zu erholen versucht.

Mit dem Ende des Kosovokrieges 1999 waren die Jugoslawienkriege Geschichte - und das Land lag in Trümmern. Mehr als zehn Jahre sind seitdem vergangen. Heute versucht sich Bosnien und Herzegowina vor allem als Tourismusdestination zu präsentieren. Wer eine Reise in das noch eher unbekannte Land wagt, der erkennt schnell: Hier gibt es viel zu entdecken und zu sehen - von Kultur in den großen Städten bis hin zu Naturschönheiten am Land.

Tipp für alle Neugierigen: Ein neuer Reiseführer gibt zahlreiche Infos und Tipps zu Bosnien und Herzegowina, von Hotels und Restaurants über Transporthinweise bis hin zu ausführlichen Kapiteln zu Geschichte und Kultur. Und vor allem: Insider-Infos von Einheimischen. Wie jene, die am Anfang dieser Geschichte stehen. Mehr davon? Was man in Bosnien und Herzegowina lieber nicht machen sollte, ist etwa beim Gehen essen. "Bosnier haben unsere schlechte Angewohnheit des "schnell zwischendurch beim Gehen etwas essen" noch nicht übernommen und empfinden es als schlechtes Benehmen", erklärt Expertin Elisabeth Gschaider, Autorin des Buches "Bosnien und Herzegowina. Geschichte Kultur, Landschaft und Reiseinformation" (siehe Buchtipp). Ebenfalls tabu: Sich in der Öffentlichkeit zu küssen. Gschaider: "Es herrschen noch alte Moralvorstellungen vor. Mitreden aller Tanten und Onkeln bei der Partnerwahl steht an der Tagesordnung, die Familie ist alles."

Was man jedoch auf jeden Fall machen sollte: Auf den Korso gehen. "Jeder Ort, jedes Städtchen hat seinen Korso. Abends wirft man sich in Schale und spaziert auf und ab, bleibt vielleicht in einem der unzähligen Cafés und Bistros, um selber die Vorbeiziehenden zu beobachten. Wichtig ist: Sehen und Gesehen werden", betont Gschaider.

KURIER.at bat Elisabeth Gschaider zum Gespräch über das noch recht junge Tourismusland Bosnien-Herzegowina.

Interview

Makaber: Ein "War Shop" in Sarajevo.
© Bild: apa

KURIER.at: Wie entwickelt sich Bosnien und Herzegowina als Tourismus-Land?
Elisabeth Gschaider: Die Städte entwickelten sich wirtschaftlich in den letzten Jahren enorm, das hilft natürlich auch dem Tourismus. In Sarajevo trifft man Touristen aus der ganzen Welt in den Museen und bei Kulturveranstaltungen. Andere Orte wie etwa Bihac oder Travnik bieten Sportlern Rafting und Bergsteigtourismus. Herzegowina wird großteils von der Adria aus besucht, einerseits für Wanderungen und andererseits für Sightseeing in Mostar. Der Radtourismus steckt noch in den Kinderschuhen.

Was sollte man sich bei einem Besuch in Bosnien Herzegowina unbedingt ansehen?
Sehr schwierig zu beantworten, da das kleine Land so vielfältig ist. Das
wieder erstandene Stadtensemble Mostars mit der berühmten Brücke "Stari Most" ist vor allen an lauen Sommernächten ungemein reizvoll. Banja Lukas und Tuzlas
Jugendszene ist immerzu ansteckend. Sarajevos osmanische Altstadt wiederum lässt den Besucher rund ums Jahr von 1001er Nacht träumen. Travnik soll besuchen, wer Fan des Literaturnobelpreisträgers Ivo Andric ist. Und Jajce bietet dem Besucher ein mittelalterliches Puppenstädtchen, das sich mit den Bosanski Slog - Häusern und der Festung am Felsen, nicht zu unrecht als Weltkulturerbe bewirbt.

Stichwort Speisen und Getränke - was sollte man auf jeden Fall probieren?
Cevapcici verbindet wohl jeder mit den Balkanländern, und sie schmecken hier auch
wirklich gut. Jene in Travnik werden besonders gelobt. Dolma heißen die Krautwickel mit Faschiertem, die ich ganz besonders empfehlen möchte. Und als Nachspeise Tufahia - ein mit Rosinen und Nüssen gefüllter Apfel, der in Honigsirup ertrinkt, obendrauf mit Schlag!

Makaber: Ein "War Shop" in Sarajevo.
© Bild: apa

Was bieten die Städte den Touristen, zum Beispiel Sarajevo?
Sarajevo wartet mit einer Fülle von Sehenswürdigkeiten auf Schritt und Tritt auf, von der Ghazi Huzref Beg Moschee über die Schariatsschule zum Svriza Haus. Und
zwischendurch wird man zum Kaffee trinken oder Cevapcici essen verleitet. Besucher
staunen über die Dichte an historischen Gebäuden sowohl im osmanischen wie im Wiener Stadtteil. Und da ich in meinem Reiseführer auch auf die spezifische Architektur eingehe, kommen auch die Sehenswürdigkeiten in den modernen Stadtvierteln nicht zu kurz. Schließlich lädt der Reiseführer auch auf eine bequeme Trambesichtigungstour bis nach Ilidza, den bosnischen Prater, ein.

Verraten Sie uns einen touristischen Geheimtipp?
Der Ausflug von Mostar nach Blagaj! An der Quelle der Buna steht in die Felsen
hineingeduckt ein ehemaliges Dervischkloster. Dervische leben den mystischen Islam mit Gesang, Tanz, Heiterkeit, manchmal auch Rauschmitteln und Meditation. Aber schon der Spazierweg von Blagaj zum Kloster, mit Blick auf die Ruine einer Festung des 15. Jahrhunderts, die Mühlen am Weg, die Fischlokale und die Granatäpfelbäume, versetzen einen in eine fröhliche Stimmung.

Wie kann man sich die Landschaft in Bosnien Herzegowina vorstellen?
Bosnien ist im Norden entlang der Grenzflüsse Sava und Una üppig grün, durchzogen von unzähligen Bächen und Flüssen. Auf der Weiterfahrt gen Süden kommt man ins Gebirge. Die höchste Erhebung liegt mit 2.388 Metern im Osten des Landes. Ist man dann über den Dinarischen Gebirgsblock gefahren, empfängt einen die steinige Herzegowina mit Hibiskusblüten und heißen Sommertagen.

Makaber: Ein "War Shop" in Sarajevo.
© Bild: apa

Wie geben sich die Menschen, wie geht es ihnen nach dem Bosnienkrieg?
Es herrscht ein starkes Stadt-Land-Gefälle. Während die Menschen in Sarajevo,
Tuzla und Banja Luka in schicken Shoppingcentern einkaufen, kann man in Maglaj etwa noch barfüßige Knechte auf Heuwagen sehen. Was für uns Touristen idyllisch wirkt, heißt für die Einheimischen natürlich ein hartes, karges Leben. Trotzdem - den Besucher "verfolgt" Fröhlichkeit, viel Musik und Gelassenheit quer durch das Land. Die Menschen haben nicht verlernt, das Leben in ihrer wunderschönen Landschaft zu genießen. Über Politik und die Schwierigkeiten unmittelbar nach dem Krieg wollen sie eher nicht reden, und das sollte der Gast auch beherzigen, schließlich war's bei Nachkriegs-Österreich Erzählungen auch nicht anders.

Welchen Bezug haben Sie zu Bosnien und Herzegowina?
Ich war zwischen 2002 und 2006 regelmäßig für Architektur- und Kunstprojekte im Land. Da erfährt man viel, das man gerne weitergeben möchte. Außerdem lernte ich so viele tolle Leute kennen, die uns ja leider wegen der Visumsbürde nicht so einfach besuchen können, sich den Austausch mit uns aber wünschen. Tourismus, finde ich, kann wunderbare Brücken bauen. Der Reiseführer soll dabei helfen.

Was ist das Besondere an Ihrem Buch?
Das Besondere sind die Beitragenden, die die Vielfalt des Landes widerspiegeln. Außerdem ist dieser Reiseführer der einzige in Farbe am deutschsprachigen Markt. Bei der Neuauflage jetzt ist die zusätzliche Spiralbindung hervorzuheben, die ihn zum praktischen Gefährten für den Stadtspaziergang macht.

Buchtipp

Elisabeth Gschaider
Bosnien und Herzegowina - Geschichte, Kultur, Landschaft und Reiseinfo
314 Seiten, Eigenverlag, 21,80 Euro

Der Reiseführer ist im Buchhandel sowie unter sprachkursTuzla@web.de
erhältlich.

( KURIER.at ) Erstellt am 05.12.2011