honorarfrei

© Roger Schaffner

St. Moritz
12/09/2012

Rasanter Ritt durchs Eis

Diese Bob-Fahrt ist nichts für schwache Nerven: Mit mehr als 100 km/h auf der Natureispiste durch die Teufelskurve. Was normalerweise nur Profis vorbehalten ist, können auch Touristen im Schweizer Nobelort erleben.

E ine Nackenmassage wäre dringend nötig. Und ein Happen zu essen, um den strapazierten Magen zu beruhigen. Zumindest gibt es ein Glas Prosecco, das beim Entspannen helfen soll. Schließlich war es für die mutigen Teilnehmer die längste Minute ihres Lebens und zehn Mal so nervenaufreibend wie die Fahrt in einem Hightech-Karussell. Aber dieses „Spektakel“ ist mehr als 100 Jahre alt und steht auch nicht auf einem x-beliebigen Jahrmarkt, sondern im schweizerischen St. Moritz. Es handelt sich um die älteste Bobbahn und die letzte verbliebene Natureispiste der Welt. Was normalerweise nur Profis bei Rennen und Weltmeisterschaften vorbehalten ist, können hier auch Touristen erleben. Sie müssen bei dem rasanten Ritt den vierfachen Druck ihres Gewichts aushalten und sich bewusst sein, dass der Körper dann nicht mehr in der Lage ist, das auszuführen, was das Gehirn befiehlt. So gewaltig sind die Fliehkräfte.

Adrenalinkick

In der Theorie kann man noch so viel über das rasante Spektakel erfahren – man muss es erleben. Deswegen der Reihe nach: Das Starthäuschen der Bobbahn steht ganz in der Nähe des Ortskerns von St. Moritz. Seit dem frühen Morgen herrscht hier Betrieb: Einheimische Sportler absolvieren ihre Skeleton-Trainingsläufe, indem sie Kopf voraus die Bahn hinunterrauschen. Routine, niemand ist nervös. Das ändert sich schlagartig, als die ersten Touristen eintreffen, die für stolze 200 Euro eine Fahrt gebucht haben. Auf dem Platz vor der Startrampe herrscht jetzt (An-)Spannung. Auch die Piloten und die Helfer sind unruhig, kontrollieren die Namen, drücken den Teilnehmer die Helme in die Hand, ziehen die Bobs aus den Garagen.
Aber dann geht alles ruck-zuck. Schneller als gedacht hört man seinen Namen über die Lautsprecherbox. Pilot Fredy Kreis stellt sich vor: „Auf dass wir gut runterkommen“. Oder hat er „heil runterkommen“ gesagt? In dem Trubel war es nicht genau zu verstehen, und Zeit zum Nachdenken bleibt jetzt ohnehin nicht mehr.

Kreis sitzt schon, als ein Anweiser erklärt, wie man sich in den Bob zwängen muss. „Die Füße unter die Oberschenkel des Vordermannes schieben.“ Pilot und die beiden Touristen, die absolut keine Ahnung vom Bobfahren haben, sind startklar. Kurz nach rechts blicken, da wird noch ein offizielles Foto geschossen. Dann klopft jemand auf den Helm. Ein paar Sekunden später hört man wieder den eigenen Namen und die Ansage, dass man sich bereits in der Spur befinde. Tatsächlich steigt hinten nun der Anschieber ein. Rasante Fahrt? Von wegen. Mühsam ächzt der Bob der ersten Kurve entgegen. Richtig langsam ist das Ding. Und deswegen so viel Aufregung?

Bob-WM

Die Bobbahn in St. Moritz ist die berühmteste der Welt. James Bond ist hier mit Skiern runtergefahren. Zwei Mal war das Areal Schauplatz bei Olympischen Spielen, es finden regelmäßig Weltcups statt und im Jänner und Februar 2013 die nächste Bob-WM. Profis schätzen die Wettkämpfe in St. Moritz vor allem deswegen, weil die Bahn als unberechenbar gilt. Sie hat jedes Jahr einen anderen Charakter, weil sie von Hand modelliert wird.

Die erste Kurve geht linksrum. Ganz gemächlich. Aber plötzlich zündet der Bob den Turbo und löst den ersten Adrenalin-Schub aus. Innerhalb von Sekunden beschleunigt er wie eine Achterbahn, nachdem sie sich mühsam auf die erste Erhebung geschleppt hat, um ihre Passagiere in den gefühlten freien Fall zu katapultieren. Menschen, die beim Start eines Flugzeuges Probleme haben, dürften nach einer Bobfahrt geheilt sein. Der Flieger hebt irgendwann ab, der Bob bleibt in der Spur – und mit ihm das beklemmende Gefühl in der Magengegend.

Noch sitzen die Touristen gerade und können sehen, welche bösartige Links-Rechts-Kombination als nächste kommt. Am Rande sind noch die Streckenposten zu erkennen. Jeder von ihnen ist für gut 100 Meter Eisbahn verantwortlich und gibt acht, dass die Rillen durch die scharfen Kufen nicht zu tief werden. Die Betreuer nennen die Bahn liebevoll „unser Baby“. Das ist nicht übertrieben, schließlich formen sie jedes Jahr im November in mühevoller Arbeit aus Schneehaufen und gefrierendem Wasser das Kunstwerk und werden von den Einheimischen verehrt.

Traditionell kommen die Eisheiligen aus Südtirol, das war schon 1904 so, als der „Bob­run“ erstmals gebaut wurde. Die meisten sind im Sommer Handwerker, im Winter Gastarbeiter. Wer dabei ist, hat die Berechtigung vom Vater geerbt.

In der „Nash-Dixon-Kurve“ ist es vorbei mit der aufrechten Haltung. Man fühlt sich, als würde plötzlich ein 30-Kilo-Rucksack auf dem Rücken den Oberkörper zu den Knie drücken. Der Nacken schmerzt ob dieser Last. Es sind nur ein paar Sekunden. Der. Druck. Lässt. Nach. Schnell Luft holen und tief durchatmen. Ist die Nummer jetzt durch? Nein, das Heftigste kommt noch.

Teufelskurve

„Horse-Shoe“ wurde die Teufelskurve getauft, die jedem Bob-Touristen den letzten Funken Kraft raubt. Man kann sie nach dem Rennen besichtigen, sobald die weichen Knie wieder Halt finden auf dem teils rutschigen Spazierweg entlang der Strecke. Aufgewühlte Menschen stehen dann an der Fahrbahnbegrenzung und blicken mit offenen Mündern auf die knapp fünf Meter hohe, senkrechte Wand, an der die Bobs in Sekundenbruchteilen vorbeizischen. Die Geschwindigkeit von mehr als 100 Stundenkilometern hält sie in der Bahn. Es hat an dieser Stelle schon einige Unfälle gegeben – selbst bei den Profis. Mitte der 90er-Jahre wurde der „Horse-Shoe“ aber sicherer gemacht und seither ist nichts Schlimmes mehr passiert.

Wer sich in dieser Kurve befindet, fühlt eine zentnerschwere Last in der Magengegend. Alle Organe scheinen eine Etage tiefer zu rutschen, der Kopf schlägt hart an der Bobwand an, die Kraft weicht aus den Händen, man muss das Halteseil loslassen. Es ist eine unglaubliche körperliche Erfahrung, wenn man merkt, dass die Muskeln nicht mehr auf die Befehle aus dem Gehirn reagieren können. Da ist ein Wille, aber kein Weg.

Wenige Sekunden später fängt Pilot Kreis an zu bremsen. Erst nach mehreren Hundert Metern kommt der Bob zum Stehen. Im ganzen Körper pulsiert das Adrenalin, die meisten Teilnehmer brauchen ein paar Sekunden, bis sie in der Lage sind, aus dem stehenden Bob auszusteigen. Aber dann erheben sie sich, reißen die Arme hoch und jubeln – vorausgesetzt, sie haben keinen schwachen Magen.

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