Reise
05.03.2013

Am Anfang war Afrika

Die Wiege der Menschheit – und ihr vernachlässigter Stiefbruder. Traditionell, modern, weit, wild, arm, reich, riesig und einfach nicht zu fassen: Die vielen Gesichter eines geheimnisvollen Kontinents.

Wo ist Afrika? Eine Frage, die auf den ersten Blick leicht zu beantworten scheint. Zwischen Mittelmeer, Atlantik und Indischem Ozean natürlich, etwa 30 Millionen Quadratkilometer Landmasse, das heißt knapp 20,5 Prozent der Welt sind Afrika – so etwas ist doch wirklich nicht leicht zu übersehen. Schon klar, aber wo finden wir „das“ Afrika, das so selbstverständlich genannt wird, wenn es um afrikanische Angelegenheiten, Ansichten und Besonderheiten geht? Steckt es in den gewaltigen Dünen der Sahara oder im unglaubliche 1.470 Meter tiefen Tanganjikasee? Finden wir es im majestätischen Nil, der 6.600 Kilometer des Kontinents von Süden nach Norden durchpflügt und die alten Ägypter ebenso fasziniert hat wie Griechen und Römer – oder wird es am besten im spektakulären Bogen des Niger beschrieben, der durch Berge, Savanne und Regenwald fließt und sogar in der Wüste vorbeischaut? Jenes mysteriösen Flusses, der die alten Europäer am meisten von allen irritiert hat und für den schottischen Abenteurer Mungo Park ein Ziel ohne Wiederkehr war, während er für die vielen verschiedenen Völker, die an seinen Ufern wohnen, ein steter, mächtiger Quell des Lebens ist.

Das endlose Land

Serengeti: Das endlose Land

1/15

serengeti

serengeti

serengeti

serengeti

serengeti

serengeti

serengeti

serengeti

serengeti

serengeti

serengeti

serengeti

serengeti

serengeti

serengeti

Wenn wir von Afrika sprechen, meinen wir dann die Krisengebiete aus den Nachrichten oder die Boomtowns in Angola, wo eine neue, zahlungskräftige Mittelschicht der alten Kolonialmacht Portugal längst den Rang abgelaufen hat? Sprechen wir vom als Mitbringsel beliebten ländlichen Kunsthandwerk oder der höfischen Kunst der jahrhundertealten Königreiche von Segu oder Ghana, deren Skulpturen denen des europäischen Mittelalters um nichts nachstehen? Und wie afrikanisch erscheint uns dann die junge, zeitgenössische Riege an Künstlern, die comicartigen Gemälde der Kongolesin Chéri Samba etwa, die perfekt komponierten Bilder und Installationen Abdoulaye Konatés – oder die noch bis Ende Februar in der Wiener Fortuna Galerie zu sehenden, kraftvollen Mixed-Media-Gemälde des Ghanaers Amoako Boafo (Berggasse 21)?
Hören wir Afrika im archaischen Klang der Antilopenhornflöten eines guineischen Fouta-Djallon-Orchesters oder im Wüstenrock der Tuareg-Band Tinariwen? Im hypnotischen Sound einer Gnawa-Gruppe in Essaouira oder dem stampfenden Tech-House-Groove in einem Club in Johannesburg, in den Songs von Miriam Makeba oder Ali Farka Toure, im polyrhythmischen Jazz Tony Allens oder doch dem Hip-Hop der senegalesischen Aktivistin Sister Fa und ihrer kenianischen Kollegen Ukoo Flani?
Vielleicht wäre es zielführender zu fragen: Wie viele Afrikas gibt es überhaupt?, wie es der französische Fotograf Pascal Maitre tut, der seine jahrzehntelange Erfahrung auf – beinahe – dem gesamten Kontinent eben in dem prachtvollen Bildband „Amazing Africa“ veröffentlicht hat. Mehr als 8.000 km liegen zwischen Algier im Norden und Kapstadt im Süden. Es gibt mehr als 50 unabhängige Staaten, 3.000 verschiedene Ethnien und etwa 2.000 unterschiedliche Sprachen. Afrika ist nicht so einfach zu fassen, wie uns ein sommerliches Afrika-Fest in Wien oder sonst einer europäischen Hauptstadt glauben lässt – so klass es vielleicht auch ist. Wir stellen uns zum Vergleich ein Europa-Fest vor: mit samischen Rentierzüchtern aus Nord-Finnland, sizilianischen Weinbauern, intellektuellen Poeten der Hamburger Schule, bayrischen Schuhplattlern und griechischen Fischern. Die Gemeinsamkeiten sind in etwa so groß wie zwischen einem Fulben, der mit seinen Rindern durch die Steppen Nigers zieht, einem Bobo aus Burkina Faso der vom traditionellen Bierbrauen lebt und einer smarten Anwältin oder einem PR-Experten in einer der modernen Millionenmetropolen wie Lagos (14 Mio.), Kinshasa (10,5 Mio.) oder Abidjan (6,5 Mio.), egal ob er/sie Dogon, Haussa, Igbo oder zufällig auch Fulbe ist.
Kurz gesagt, die Gemeinsamkeiten halten sich in Grenzen. Oder auch: Sie beschränken sich auf das Wesentliche. Man lebt lieber im Frieden als im Krieg, freut sich über eine volle Speisekammer und schöne Sonnenuntergänge, mag das beruhigende Plätschern der Wellen und das träge Dahinziehen eines Flusses, der die Sehnsüchte mit sich in die Ferne trägt, liebt gute Geschichten, Musik und Tanz, auch wenn die unterschiedlich klingen und aussehen mögen.

Was wiederum uns mit Afrika verbindet. Genau wie die überwältigende Tatsache, dass wir alle aus Afrika kommen, in diesem unbegreiflichen, weiten Land unsere Wurzeln haben – wahrscheinlich sogar die gleiche Urmutter, die dort, vor etwa 180.000 Jahren gelebt hat.

Buchtipp

AMAZING AFRICA,

Pascal Maitre (Edition Lammerhuber),

348 Seiten, 59 Euro