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Politik
09/24/2012

Wo Korruption beinahe ein Fremdwort ist

Im Norden Europas wird Transparenz großgeschrieben. Politiker treten schon wegen geringer Vergehen zurück. Warum ist das so?

von Bernhard Gaul

Im Oktober 2006 erschütterte ein bizarrer Skandal die schwedische Innenpolitik. Kulturministerin Cecilia Stegö Chilò trat nach nur zehn Tagen im Amt zurück. Ihr Vergehen: Sie hatte ihren Babysitter "schwarz" bezahlt. Und ihr TV-Gerät nicht bei der schwedischen GIS angemeldet.

"In Schweden werden Dinge zu Stolpersteinen, die überall sonst auf der Welt völlig uninteressant wären", sagt Albrecht Zimburg, Österreichs Vertreter bei der Wirtschaftskammer in Stockholm. Rücktritte erfolgen nicht selten wegen "Lappalien".

Kein Wunder, dass Schweden zu den Ländern mit der geringsten wahrnehmbaren Korruption weltweit gehört. Lotta Rrydstrom von der Anti-Korruptionsagentur Transparency International in Stockholm bestätigt das. "Die Wahrnehmung von Korruption ist bei uns und in den anderen skandinavischen Ländern am niedrigsten." Die Wissenschaft, erklärt sie, versuche seit Jahren Antworten zu geben, warum das so ist: "Eine klare Antwort gibt es nicht. Es liegt teils an der Mentalität der Skandinavier, an unserer Kultur und an sehr starken öffentlichen Institutionen." Es ist wohl kein Zufall, dass auch der Ombudsmann ("Ombudsman") ein schwedische Erfindung ist: Seit Beginn des 19. Jahrhunderts geht diese Vertrauensperson den Beschwerden von Menschen gegenüber der Verwaltung nach.

Dazu kommt ein besonders hohes Maß an Transparenz in Politik und Verwaltung. Politiker legen freiwillig ihre finanziellen Interessen offen. Fehlende Ausschreibungen, und sei es nur für ein internes Firmenfest, führen unweigerlich zum Rücktritt. So geschehen erst kürzlich bei einer staatlichen Agentur, erzählt WKÖ-Mann Zimburg. Wer ein bisschen gewieft ist, kann problemlos über das Internet herausfinden, was sein Nachbar verdient. Bei Beamten ist das noch einfacher.

Wenig zu tun habe sie dennoch nicht, erklärt Anti-Korruptions-Expertin Rrydstrom. Dafür würden Korruptionsskandale fast immer zu Rücktritten führen – und zu Verurteilungen.

Allerdings ist die Sorge der Skandinavier vor Interessenskonflikten, etwa wenn neue österreichische Produkte beworben werden sollen, oft auch ein Hemmnis, sagt Wirtschaftskammer-Funktionär Zimburg. "Bei Einladungen haben die Skandinavier schnell das Gefühl, gekauft zu werden – und brechen die Gespräche ab."

Sein Wechsel nach Stockholm war diesbezüglich "extrem": Er diente zuletzt lange in Nigeria. Das afrikanische Land gilt weltweit als größter Hort der Korruption.

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