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Politik
09/15/2012

Welttag Stimmenhören

Sie wollen nicht geheilt werden, sondern lernen, ihre Halluzinationen zu kontrollieren. Stimmenhörende trafen sich in Linz.

von Raffaela Lindorfer

Im Halbdunkeln sitzt ein Mann mit geschlossenen Augen, doch seine Lider zucken unruhig, während er sich rhythmisch das Knie krault und geräuschvoll durch die Nase atmet. Ansonsten ist es still im Festsaal des Linzer Wissensturms, in dem am Donnerstagabend fast 100 Gäste Platz genommen haben – zumindest objektiv gesehen. In den Köpfen vieler dürfte es umso lauter zugehen. "Ich höre Stimmen. Sie sind heute hier bei mir und wir vertragen uns gut", sagt eine Frau in gelber Warnweste, die sich aus dem Publikum erhebt. "Recovery", also Genesung, ist das Thema der diesjährigen Tagung stimmenhörender Menschen in Linz.

"Der Hörvorgang funktioniert über einen äußeren Reiz, der im Gehirn interpretiert wird. Bei Stimmenhörern wird dieser Reiz übersprungen und es kommt zu einer akustischen Halluzination. Schuld kann ein Überschuss an Dopamin sein – wie es auch beim Konsum von gewissen Drogen passieren kann", erklärt Psychiater Hans Rittmannsberger.

 

Phänomen

Dass das Stimmenhören eine Krankheit ist, dem widersprechen Betroffene vehement. "Hör auf deine innere Stimme", sagen sie, denn leugnen sei ohnehin zwecklos. "Es ist ein Phänomen", meint Christian Lang vom Verein EXIT-sozial. Fünf Prozent der Menschen sollen schon mindestens einmal akustische Halluzinationen gehabt haben, sagt er. Auslöser seien oft traumatische Erlebnisse wie der Tod einer geliebten Person oder sexueller Missbrauch.

Mit Psychopharmaka vollgepumpt und als "Freak" abgestempelt zu werden, kennt Suzanne Engelen nur zu gut. Früher machten ihr die Stimmen Angst, mittlerweile hat sie sich damit arrangiert. Die 36-jährige Holländerin trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift: "Do the voices in my head bother you???"

Alleine ist sie nie, sagt sie, denn ihre Freunde – darunter ein kleines Mädchen und ein Mann, der nur in Filmzitaten spricht – begleiten sie in jeder Lebenslage. Den Ansatz, das Stimmenhören heilen zu wollen, lehnt sie ab. "Kontrolle" sei das Stichwort. "Ich setze mich täglich eine Stunde hin, höre bewusst zu und stelle Fragen. Die restlichen 23 Stunden ignoriere ich ihre Zwischenrufe. Sie haben nur so viel Macht über mich, wie ich ihnen gebe."

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