Politik 05.12.2011

Vor 35 Jahren stürzte die Reichsbrücke ein

Schicksalhafte Reifenpanne: Friedrich Fürst entging bei dem Unglück dem Tod nur knapp.

Es waren nicht mehr als vier Stunden, die das Leben von Friedrich Fürst für immer verändern sollten - damals, am 1. August 1976. In jener Nacht lief der junge Niederösterreicher um sein Leben. Der Grund: Die Wiener Reichsbrücke stürzte ein und Fürst erlebte das bis dahin schier undenkbare Unglück hautnah mit. "Um halb fünf Uhr in der Früh fing die Brücke plötzlich an zu vibrieren und zu zittern", erinnert sich der heute 54-Jährige an jene Nacht. "Es war wie ein Inferno. Die Straße hat begonnen, wie ein Teppich Wellen zu schlagen."

Im Gedächtnis der Stadt

Überlebt: 35 Jahre nachdem Fürst den Einsturz der Wiener Reichsbrücke überlebte, begab er sich am Freitag mit dem KURIER an die Unglücksstelle von damals.
© Bild: KURIER/Klinsky

35 Jahre später können sich noch immer Tausende Wiener an das Unglück von einst erinnern. Es war ein Ereignis, das selbst Wiens Politiker den Rücktritt erwägen ließ . Sogar die Erdbebenstation der Hohen Warte registrierte die Erschütterungen, als die Brücke in sich zusammenbrach.

In einen mit Sand und unverdichtetem Beton gefüllten Pfeiler war Wasser eingedrungen. Die Last wurde zu groß. Der Pfeiler gab nach. Zwischen 4.30 und 4.40 Uhr stürzte das Bauwerk in die dunkle Donau und riss einen Pkw und einen Bus mit sich in die Tiefe. Der Autofahrer starb. Der Buslenker überlebte. Lediglich dem Umstand, dass an diesem Tag so früh nur wenige Menschen unterwegs waren, ist es zu verdanken, dass bei dem Zusammenbruch nicht mehr Tote zu beklagen waren.

Und Fürst? Er hatte Glück im Unglück. Vier Stunden lang stand er in jener Nacht auf der Brücke mit einem platten Reifen und ohne Wagenheber. "Viele Autofahrer fragten, ob sie helfen können", erzählt der Umwelttechniker ein wenig beklommen. Unter jenen, die helfen wollten, war auch Karl Kretschmer, der in dieser Nacht als Einziger ums Leben kam. "Ich mache mir heute noch Vorwürfe - wäre er damals nicht bei mir und meinen Freunden stehen geblieben, würde er vielleicht noch leben", sagt Fürst.

Zehn Minuten im Zeitraffer

Es ist Punkt 4.30 Uhr, als der damals 19-Jährige merkt, dass etwas nicht stimmt. "Als der Träger der Tragseilbrücke herabstürzte, dachte ich nur: Jetzt ist es aus. Ich habe geglaubt, ich werde hier begraben."

Der tonnenschwere Träger landete fünf Meter neben Fürst. Der junge Niederösterreicher fiel zu Boden, stand wieder auf und spürte schließlich festen Untergrund unter seinen Füßen. "Ich dachte an nichts. Ich habe wie eine Maschine funktioniert."

Fürst wusste sofort, dass der Bus hinter ihm mit in die Tiefe gerissen wurde. "Der Chauffeur kletterte auf das Busdach und winkte." Den Namen des Lenkers kannte Fürst zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Doch in den folgenden Tagen gab auch Emmerich Volcamsek zahlreiche Interviews. Denn auch er hatte Glück im Unglück. Der Bus trieb auf einer Brückenruine in der Donau. Nur so konnte Volcamsek überleben. Den Gelenkbus gibt es übrigens noch immer. Er stand einige Tage im Wasser und wurde dann per Schwimmkran geborgen. Bis 1989 war er noch regulär auf Wiens Straßen unterwegs. Heute steht er im Museum. Die Katastrophe überstand er fast unbeschadet.

Auch der Wagen von Friedrich Fürst kam mit wenigen Schrammen davon. "Alles war kaputt, allein mein Auto stand heil auf den Resten der übriggebliebenen Reichsbrücke."
Wie geht es ihm heute, so nahe am Unglücksort von einst? "Angst habe ich keine", sagt Fürst. "Ein zweites Mal bricht die Brücke nicht unter mir zusammen."

( Kurier ) Erstellt am 05.12.2011