Politik
14.03.2012

...und alles ist so furchtbar anders

KURIER-Redakteur Michael Hufnagl über die Ängste von Eltern angesichts der Bus-Tragödie in der Schweiz.

Am kommenden Sonntag werde ich meinem Kind zuwinken. Und mit mir werden unzählige andere Eltern winken. Die Kinder werden strahlen, vielleicht werden Abschiedstränen zerdrückt, in jedem Fall wird die Spannung spürbar groß sein. Skikurs.

Am Beginn des großen Abenteuers aber steht die Reise. In einem Bus.

Das sorgt immer für ein mulmiges Gefühl. Wenn die vermeintliche Kontrolle über das Schicksal des geliebten Kindes in fremde Hände gelegt wird. Wenn wir jemandem vertrauen müssen, den wir noch nie zuvor in unserem Leben gesehen haben. In diesem Fall einem Busfahrer. Aber wir sind es gewohnt, mit diesen tief in uns schlummernden Ängsten umzugehen. Was soll schon passieren? Wir sind darauf programmiert, die schlimmsten Befürchtungen nicht zuzulassen, nicht zu visionieren, nicht auszusprechen. Andernfalls könnten wir Glück nicht mehr empfinden.

Dramen in unmittelbarer Nähe

Nur gelegentlich werden wir auch in unmittelbarer Nähe mit Dramen konfrontiert, die uns bestürzen. Dann nehmen wir uns wieder vor, die kleinen Sorgen nicht permanent zu großen Sorgen zu erklären. Weil: So schnell kann`s gehen, und alles ist so furchtbar anders.

Am Dienstag Abend hat eine Tragödie diese Ängste erweckt. Am Dienstag Abend hat ein Busunfall in der Schweiz die emotionale Höchststrafe verursacht.

Ich höre die Nachricht. Erst nehme ich nur die Fakten wahr. Dann verdichtet sich in Sekundenschnelle das Bild. Ich sehe Kinder, die im Bus das finale Gaudium ihres Skiausflugs zelebrieren. Unbeschwert. Fröhlich. Und ich sehe die gleichen Kinder, die Sekunden später nicht mehr atmen. Ich sehe kleine geschundene und regungslose Körper. Ich sehe Eltern, die darüber informiert werden, Entsetzen, Verzweiflung, Zusammenbrüche. Gegen diese Vorstellung bin ich machtlos. Als Mensch. Als Vater.

Mein Kind ist nicht unter den Toten. Andere Zeit, anderer Ort. Das mag die Betroffenheit relativieren. So ein Glück. Wie zynisch. Aber mein Kind könnte genau so unter den Toten sein. Das verleiht der Betroffenheit eine unglaubliche Wucht.

Was wäre, wenn?

Wir hören täglich die grauenhaftesten Nachrichten. Das Wort Opferbilanz ist ein Bestandteil unserer Sprache geworden. Aber es gibt Augenblicke wie diesen, so konkret, so nahe, so scheinbarer Alltag, in dem ein Gedanken- und Gefühlsprozess in Gang gesetzt wird, gegen den wir uns nicht wehren können. Augenblicke, in denen wir in unserer Rolle als Vater und Mutter ein Bewusstsein erlangen, das uns an die Grenzen führt. In denen unweigerlich die Frage auftaucht: Was wäre eigentlich, wenn ... ?

Wir fühlen hin, wir fühlen mit. 22 tote Kinder. Und obwohl ich mein Kind im Moment der Schicksalsverkündung im Mathematik-Unterricht und in Sicherheit weiß, baut sich Schmerz auf. Und Fassungslosigkeit. Und Wut. Ich muss das alles zulassen. Mich dem unerträglichen Pathos solcher Ereignisse stellen. Dafür sorgt die bedingungslose Liebe zu  meiner Tochter. An die immer der Glaube und die Hoffnung geknüpft ist, das Kind auf Lebenszeit vor dem Bösen schützen zu wollen.

Nur, es wird nicht funktionieren. Es wird immer eine Absichtserklärung bleiben. Es ist das Prinzip Loslassen.

Abschiedstränen

Jene Eltern, die gestern zum Unglücksort geflogen wurden, und die jetzt der Herausforderung Abgrund begegnen müssen, haben ihre Kinder vor einer Woche auch losgelassen. Aber sie bekommen ihre Lieblinge nicht wieder zurück. Ihre Abschiedstränen sind von einer anderen Dimension als vor einer Woche.

Wenn ich heute Abend meine Tochter umarme, werde ich daran denken. Und wenn ich ihr am Sonntag zuwinke, dann werde ich mich bemühen, unbeschwert zu lächeln. Wie immer werde ich "Gute Reise" rufen. Und es wird so sehr von Herzen kommen.

Michael Hufnagl ist seit 1991 beim KURIER, ist Leiter des "KURIER am Sonntag" und Kolumnist. Er ist mit Lebensart-Ressortleiterin und Kolumnistin Gabriele Kuhn verheiratet. Gemeinsam haben sie eine 12-jährige Tochter.

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