Politik 11.03.2012

Tsunami-Überlebende: "Welle riss Kinder mit"

© Bild: REUTERS

Yuko Sugimoto, die junge Frau mit der Decke inmitten der Trümmer, wurde zur tragischen Ikone der Naturkatastrophe.

Mit Trauerzeremonien und einer Schweigeminute haben am Sonntag die Japaner ihrer Opfer der Tsunami-Katastrophe von vor einem Jahr gedacht. Um 14.46 Uhr Ortszeit (06.46 Uhr MEZ) senkten die Menschen in den nordöstlichen Katastrophengebieten und anderen Orten ihre Köpfe. Zu dem Zeitpunkt hatte am 11. März 2011 ein gewaltiges Erdbeben der Stärke 9,0 Japan heimgesucht. Ein dadurch ausgelöster Jahrhundert-Tsunami riss mehr als 15.800 Menschen in den Tod, mehr als 3000 weitere werden noch vermisst. Im Kernkraftwerk Fukushima Daiichi kam es zum GAU.

Das Bild mit der Frau in der Decke ging um die Welt: Es erschien in so vielen internationalen Medien, dass die junge Frau zur tragischen Ikone der Naturkatastrophe wurde. Ihr Name: Yuko Sugimoto.

Zum Jahrestag des Tsunami ist die 29-Jährige an den Schauplatz des Schreckens in ihrer Heimatstadt Ishinomaki zurückgekehrt. Gemeinsam mit ihrem kleinen Sohn Raito, den sie damals für tot hielt, ließ sie sich fotografieren. Die Trümmer sind zum Großteil weggeräumt, und Yuko Sugimoto blickt zuversichtlicher in die Kamera, als sie eigentlich ist, während sie ihre Geschichte erzählt.

„Als ich damals hier stand, dachte ich, dass es nur eine 50-prozentige Chance gäbe, dass Raito überlebt hat“, sagt sie. „Einige Leute erzählten, dass alle Kinder gerettet wurden, als der Tsunami den Kindergarten wegspülte. Andere sagten: ,Die Welle riss die Kinder mit.‘“

In all dem Chaos und der Zerstörung gelang es Yuko erst am nächsten Tag, ihren Mann zu finden. Gemeinsam suchten sie ihr Kind. Sie klapperten die Evakuierungszentren ab. Yukos Mann konnte ein Boot auftreiben und paddelte durch das Gebiet, wo der Kindergarten gewesen war – vergebens.

"Gott sei Dank"

Nun kehrte sie an den Ort des Schreckens zurück – mit Raito.
© Bild: REUTERS

Am nächsten Tag die erlösende Nachricht: Bekannte berichten dem Ehepaar, dass Raito und viele andere Kinder von Soldaten gerettet wurden. „Als ich Raito dort in dem Raum sitzen sah, begann ich derart zu weinen, dass ich nichts mehr sah“, berichtet Yuko. Sie stürmte zu ihrem Sohn, umarmte ihn und sagte nur noch „Gott sei Dank, Gott sei Dank“.

„Ich weiß jetzt, wie wertvoll jeder Tag ist“, erklärt Yuko, obwohl die Familie seit der Katastrophe mit existenziellen Problemen kämpft. Ihr Haus wurde zerstört. Den Kredit von 310.000 Dollar müssen die Sugimotos trotzdem abstottern. Sie leben in einem Miethaus; wenn nächstes Jahr die Miete erhöht wird, werden sie es sich nicht mehr leisten können. Die Zukunft ist ungewiss.

Yukos Prioritäten haben sich durch das Unglück geändert. Früher arbeitete die 29-Jährige auch in den Ferien; nun hat sie trotz der finanziellen Probleme gekündigt, um mehr Zeit für ihre Familie zu haben. „Unsere Verbindung ist noch enger geworden“, sagt sie.

Wiederaufbau: Hilfe für die Tsunami-Opfer

Zahlreiche Hilfsorganisationen sind seit dem Tsunami im Einsatz, um die Betroffenen zu unterstützen. World Vision ist eine von ihnen: Tsunami-Opfer wurden mit Nahrung, Wasser, Decken und Kleidung versorgt. Für die Kinder wurden Kinderzentren eingerichtet. Nun liegt der Schwerpunkt auf Wiederaufbau. Haushaltsartikel werden ebenso zur Verfügung gestellt wie Schulbücher. World Vision will bis 2014 im Einsatz sein.

Das Rote Kreuz hilft Menschen in sogenannten Übergangshäusern: „126.500 Familien, die ihr Hab und Gut verloren haben, wurden vom Roten Kreuz mit den wichtigsten Einrichtungsgegenständen für ihre Übergangsquartiere ausgestattet“, sagt Wolfgang Kopetzky, Generalsekretär des Österreichischen Roten Kreuzes.

 

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Erstellt am 11.03.2012