Stunde der Wahrheit für das neue Libyen

Stefan Galoppi
Foto: KURIER/Boroviczeny

Nach Gaddafis Ende muss der neue Übergangsrat Führungsstärke beweisen.

Es war Muammar al-Gaddafis letztes erklärtes Ziel, als Märtyrer in seinem Heimatland zu sterben. Den Tod hat der exzentrische Revolutionsführer, der Libyen 42 Jahre lang wie ein absolutistischer Monarch beherrscht hatte, tatsächlich gefunden. Doch sein angestrebtes Märtyrertum ist sehr in Zweifel zu ziehen. Aus dem letzten Versteck vertrieben und auf der Flucht getroffen zu werden - das ist nichts anderes als die Geschichte einer monströsen Niederlage.

Acht Monate nach dem Beginn des Aufstands gegen seine Herrschaft ist die Ära Gaddafi definitiv beendet. Ihr letztes Kapitel hat alles über den selbstverliebten Wüstensohn enthüllt: Seine Brutalität und Skrupellosigkeit, mit der er Elitesoldaten und Söldner gegen das eigene Volk hetzte; Raffgier und Vetternwirtschaft, die sich in den eroberten Palästen und Reichtümern des 69-Jährigen und seines Familienclans manifestierten; Machtfantasien und Realitätsverlust, die ihn bis zuletzt an einen Sieg über die "Ratten und Verräter" träumen ließen.

Die spontanen Freudenkundgebungen, die schon nach den ersten Berichten über Gaddafis Tod ausbrachen, zeigen, welche enorme Last von der libyschen Bevölkerung abfällt. Doch bis das Bürgerkriegsland zur Ruhe kommt, ist es noch ein weiter Weg.

Für den Nationalen Übergangsrat, in dem auch Männer mit fragwürdigen Biografien sitzen, ist jetzt die Stunde der Wahrheit gekommen. Der große gemeinsame Feind ist besiegt, der kriegerische Ausnahmezustand geht langsam zu Ende. Jetzt müssen die völlig inhomogenen Gruppen und Stämme unter Beweis stellen, dass sie das potenziell so reiche Land aussöhnen sowie Macht, Geld und Ressourcen fair aufteilen können.

Im Kampf gegen das alte Regime wurde der Übergangsrat international mit einem großen Vertrauensvorschuss ausgestattet. Ab jetzt muss der verdient werden.

(kurier) Erstellt am
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