Später Ehekrieg im Hause Chirac

Jacques und Bernadette Chirac: Sie stellt ihn derzeit bloß, wo sie nur kann, und sagt: „55 Jahre Ehe, das ist grauenhaft“.
Foto: APA

Frankreichs einstiger Staatschef Jacques Chirac demütigte jahrelang seine Frau Bernadette. Jetzt revanchiert sie sich.

Das Ehepaar Jacques und Bernadette Chirac, seit 55 Jahren verheiratet, liefert sich vor den Augen der Nation ein skurriles Duell, dem die fortschreitende intellektuelle Beeinträchtigung von Jacques eine tragische Note verleiht.

Dem vormaligen Staatschef haben Ärzte bescheinigt, er verfüge nicht mehr über "die volle Kapazität", um an einem Prozess teilzunehmen. Der 79-Jährige hätte sich diese Woche vor Gericht wegen "Veruntreuung öffentlicher Gelder" verantworten müssen. Zwischen 1977 und 1995 hatte Chirac als Pariser Bürgermeister für sich, seine Familie, seine Freunde und seine Partei aus dem Vollen geschöpft und obendrein sogar von einem Wahlbetrug profitiert. Als die Affären endlich gerichtsanhängig wurden, konnte sich Chirac hinter seiner Immunität als Staatschef (1995-2007) verschanzen - nur ihm untergebene Mitarbeiter wurden dafür verurteilt.

Prozess

Dass Chirac jetzt auch wieder ungeschoren davonkommen dürfte, stört nicht viele Franzosen. Die Bevölkerung hat sich ein Faible für den lebenslustigen Vollblutpolitiker bewahrt, der manchmal raue Töne anschlug, aber ein großes Herz zu haben schien: Sein Beharrungsvermögen gegen allzu scharfen Wirtschaftsliberalismus wird als
wohltuender Kontrast gegenüber seinem hektischen Nachfolger Nicolas Sarkozy empfunden.
Vor allem bestreitet niemand seine altersbedingten Schwächen, die durch das Dauergerangel mit seiner Frau publik wurden. Die Adeligentochter Bernadette Chaudron de Coursel hatte Grobheiten und Demütigungen wegstecken müssen. Der fesche Jacques hatte Seitensprünge gehäuft und sich außerdem noch über Bernadette lustig gemacht. Im Beisein seiner errötenden Frau hatte er mal den Trinkspruch zum Besten gegeben: "Auf unsere Frauen und unsere Pferde, und diejenigen, die sie besteigen." Noch in jungen Jahren bekam Bernadette das Image einer zugeknöpften Oma-Figur verpasst.

Seit Chirac einen Gehirnschlag erlitten hat, hat sich die Rollenverteilung radikal geändert. "Jetzt geht Madame aus, und Monsieur bleibt zu Hause", höhnte die um ein Jahr jüngere Bernadette. Sie häuft Auftritte in angesagten Discos und Gourmet-Restaurants, wo sie als ebenso trinkfreudig gilt wie einst ihr Mann. In TV-Sendungen redet sie frei von der Leber: "Meine Eltern haben mich sehr streng erzogen, aber ich bin ihnen dafür dankbar. Um Frau von Chirac zu sein, muss man schon gut abgerichtet sein" und: "55 Jahre Ehe, das ist grauenhaft."

Alter Draufgänger

Die seltenen Male, in denen Jacques ihrer Kontrolle entkommt, erwacht in ihm aber der alte Draufgänger. So bei einer ländlichen Feier: Erst machte er einer attraktiven sozialistischen Gemeinderätin den Hof. "Schnapp mir meine Freundin nicht weg", raunte er vor laufenden Kameras zum ebenfalls anwesenden SP-Präsidentschaftskandidaten Francois Hollande. Dann bekannte Chirac, er werde bei den Präsidentenwahlen für Hollande stimmen - ein Affront gegen Sarkozy. Chirac hasst seinen Nachfolger.

Dabei hatte Sarkozy seine Partei angewiesen 1,65 Mio. Euro an die jetzige linke Pariser Stadtverwaltung zu zahlen, damit diese ihre Schadensforderungen an Chirac (wegen seiner Veruntreuungen als vormaliger Bürgermeister) aufgibt. Nach Chiracs provokantem Auftritt musste sich Bernadette entschuldigen.

Für Lacher sorgte Chirac auch in Saint Tropez: Auf der Terrasse eines Cafés trank er alkoholschwere Cocktails und schäkerte mit jungen Passantinnen, die sich mit ihm fotografieren ließen. Bernadette eilte herbei und befahl ihrem Mann, das Lokal sofort zu verlassen - vergeblich. Sie musste Bodyguards herbeirufen, um Jacques wegzugeleiten.

(kurier / Danny Leder aus Paris) Erstellt am
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