Politik
07.01.2012

Schlepper: "Jetzt schicken sie die Kinder"

Asylproblematik: Schleppersyndikate nutzen gezielt minderjährige Flüchtlinge, um Menschen ins Land bringen zu können.

Es ist bereits die dritte Runde im Katz- und Mausspiel zwischen Innenministerin Johanna Mikl-Leitner und den weltweiten Schleppersyndikaten: Erst verfügte die Innenministerin Altersfeststellungen bei angeblich minderjährigen jugendlichen Flüchtlingen. Jetzt will sie statt Taschengeld Bezugsscheine ausgeben. Damit hat sie den Menschenhändlern bereits einige Wege blockiert. Doch diese reagieren nun mit einer neuen Strategie und schicken Kinder an die Asylfront.

Mehr als 13.000 Asylanträge im Jahr 2011 bedeuten eine Zunahme gegenüber dem Vorjahr von 30,41 Prozent. Franz Schabhüttl, Leiter des Flüchtlingslagers Traiskirchen, kennt alle Ankömmlinge. Er weiß, das viele keinen Asylanspruch haben. Er weiß, dass manchmal auch Verbrecher drunter sind. Aber sie tun ihm alle leid: „Das sind alles arme Teufel, die nur ein Stück am Leben teilhaben wollen.“

Gewalt

Die internationalen Krisen, so Schabhüttl, seien auch nicht so sehr die Auslöser von Fluchtbewegungen. Wer kommt, bestimmten vielmehr die internationalen Schleppersyndikate. Schabhüttl: „Keiner schafft den weiten Weg ohne Schlepper.“ Diese Syndikate werben Ausreisewillige. Manchmal wird auch mit Gewalt dafür gesorgt, dass die Menschen Haus und Vieh verkaufen und auf die Reise gehen. Denn die illegalen Reisebüros wollen Auslastung. Eines der Werbeargumente war bis zuletzt das Taschengeld von 40 Euro, das Flüchtlinge in Traiskirchen für Artikel des tägliches Bedarfes bekamen. Viele schickten das Geld nach Hause. 40 Euro monatlich sind in den Herkunftsländern viel Geld – und Grund genug für die Nachbarfamilien, auch ihre Söhne loszuschicken. Das dadurch entstandene Schneeballsystem soll durch die Ausgabe von Bezugsscheinen gestoppt werden.

Die Schleppersyndikate sind natürlich interessiert, dass von ihren Kunden keiner abgeschoben wird. Schabhüttl: „Ganz schlimm ist es, wenn einer in Handschellen und ohne Geld nach Hause kommt.“ Das spricht sich herum und wäre geschäftsschädigend.

Daher wurden von den Schleppern viele Flüchtlinge mit Scheinpapieren einfach jünger gemacht. Denn als Jugendliche genießen sie eine bevorzugte Behandlung. Schabhüttl: „Da hatten wir angebliche Jugendliche mit tiefen Furchen im Gesicht und Vollbart.“ Mikl-Leitner verfügte eine Altersfeststellung mit der Röntgenmethode. Jetzt schauen die Jugendlichen wieder jünger aus.

Sie sind auch tatsächlich jünger, manche sogar noch minderjährig. Denn als Reaktion auf die Altersfeststellungen nehmen die Schlepper nun Afghanen, die in den Flüchtlingslagern Griechenlands gestrandet sind, die Kinder ab und stellen sie vor das Lagertor in Traiskirchen. 230 sogenannte „unbegleitete Minderjährige“ befinden sich derzeit im Jugendzentrum des Lagers, die Tendenz ist stark steigend. Die Erwachsenen warten in Griechenland, bis das Asylverfahren des Kindes abgeschlossen ist. Das geht bei Kindern sehr rasch.

Ankerkinder

Dann kommen sie im Sinne der gesetzlichen Familienzusammenführung nach. „Ankerkinder“ werden diese Kinder im Fachjargon genannt. Nämlich in derselben Bedeutung, wie man ein Seil mit einem Anker über eine Mauer wirft, um daran hochzuklettern. Damit ist jetzt die nächste Initiative der Innenministerin gefragt. Denn diese Art der Familienzusammenführung war sicher nicht die Intention des Gesetzgebers bei der Formulierung des Asylgesetzes.

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