Roma-Politiker: "Hilfe haben andere kassiert"

Straße
Foto: rts Slums mitten in Europa: Die einst für kommunistische Funktionäre erbaute Siedlung Lunik IV wird heute vor allem von Roma bewohnt.

Als erster Rom soll Peter Pollak ins slowakische Parlament einziehen – mit großen Zielen und schweren Vorwürfen.

Nein, dass er ein Rom ist, das kann und will Peter Pollack vor allem nicht verheimlichen. „Sieht man ja auf den ersten Blick“, lacht der Hochschullehrer: „Sonst hätten Sie mich früher nicht so oft aus der Diskothek rausgeworfen.“

Erfahrungen, wie sie in der Slowakei bis heute fast jeder Rom macht, Erfahrungen mit Vorurteilen, blankem Rassismus, Ausgrenzung in der Schule und später am Arbeitsmarkt. „Einfach dieses ständige Gefühl, anders zu sein“, erzählt der 38-Jährige.

Und genau diese Erfahrungen und seine Antworten darauf bringt Pollak jetzt selbst in die Politik ein. Als einer der Spitzenkandidaten der neuen Partei „Gewöhnliche Leute“ wird er jetzt, nach den Parlamentswahlen, voraussichtlich ins Parlament einziehen: als erster Roma-Abgeordneter der Slowakei.

Quasi im Alleingang hat der Sozialwissenschaftler für seine Partei das Konzept einer grundlegend neuen Roma-Politik entworfen. Und dass die dringend notwendig ist, macht Pollak ohne jede Zurückhaltung deutlich: „Es ist schon so viel Geld in die Förderung der Roma-Minderheit geflossen, vom Staat und viel mehr noch von der EU. Und die Ergebnisse sind gleich null. Das ganze Geld hat das Leben der Roma überhaupt nicht verbessert.“

Das aber, analysiert er mit beißender Ironie, könne doch nur zwei Gründe haben. Entweder Roma seien einfach nicht integrierbar, und all die Vorurteile von den „schmutzigen Zigeunern, die einfach nur stehlen, faulenzen und von Sozialhilfe leben“ seien schlicht und einfach wahr. Oder aber: „Die Hilfe, die eigentlich in die Roma-Dörfer fließen sollte, haben in Wahrheit andere kassiert.“

Pollak kennt dafür Dutzende Beispiele. Entsprechend viel hat er zu berichten, etwa über den Hauptplatz in der kleinen Stadt in der Ostslowakei, den man neu gepflastert hat, im Rahmen eines Roma-Förderungsprojekts. Schließlich würden da ja auch die Roma drübergehen, hätten ihm die örtlichen Politiker erklärt. Die Roma-Siedlung nebenan aber, so sein giftiger Nachsatz, habe dafür bis heute noch kein Trinkwasser. Ganz ähnlich lief es anderswo mit dem neuen Spritzenhaus für die Freiwillige Feuerwehr, oder mit der neuen Fassade für die Schule, in der gerade einmal vier Roma-Kinder drinnen gesessen seien.

Sozialhilfe-Empfänger

Mann Foto: Kramar „Das ganze Geld hat das Leben der Roma überhaupt nicht verbessert.“ Peter Pollak Politiker

Besonders beim Thema Schulen merkt man Pollak die persönliche Betroffenheit an. Immer noch würden die meisten Roma-Kinder in Sonderschulen gesteckt, würde ihnen so jeder Zugang zu guter Berufsausbildung und später zu Jobs versperrt: „Dann können sie auch nicht mehr Maurer werden, sondern nur Hilfsarbeiter.“ So produziere das System ständig nur neue Sozialhilfe-Empfänger – und das zu doppelten Kosten, zuerst für die Sonderschule, später für die Sozialhilfe.

Pollak selbst hatte Glück. Noch unter den Kommunisten eingeschult, landete er in einer normalen Schule. Das Gefühl, das ihn in diesen Jahren geprägt hat, kann er heute in einen einprägsamen Satz packen: „Ich wollte einfach genauso gut sein wie die anderen Kinder – und plötzlich war ich besser.“

Solche Vorbilder, positive Muster würden den Roma-Kindern in den Sonderschulen fehlen. Denn zu Hause, weiß er aus eigener bitterer Erfahrung, „gibt es diese Vorbilder nicht: „Von meinen Eltern habe ich keine Motivation bekommen, da gab es nichts, was mich wirklich weitergebracht hätte.“ Was aber solle das in vielen Roma-Familien auch sein, versucht er die Resignation seiner Minderheit zumindest verständlich zu machen: „Ein Rom, der Hunger hat, denkt nicht an die Schule für seine Kinder. Vor allem, wenn er weiß, dass es in der Siedlung ohnehin keine Arbeit für sie gibt.“

In einer solchen Siedlung ist auch Pollack aufgewachsen, am Rand des Städtchens Levoce in der Ostslowakei. Später ist er als Sozialarbeiter dorthin zurückgekehrt, „einfach um meinen Leuten zu zeigen, dass man nicht nur als Bettler oder Dieb dort rauskommt, sondern auch mit Schule, Arbeit und einem klaren Ziel.“

Große Minderheit: Roma in Slowakei

Slums Mit 500.000 Personen, knapp zehn Prozent der Bevölkerung, sind die Roma hinter den Ungarn die zweitgrößte Minderheit in der Slowakei. Sie leben vor allem in Siedlungen in der Osthälfte des Landes. In vielen herrschen Lebensumstände wie in Slums von Entwicklungsländern.

Diskriminierung Roma-Kinder besuchen meist Sonderschulen und sind daher später am Arbeitsmarkt benachteiligt. Viele Minderheitenrechte sind bis heute nicht umgesetzt.

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(kurier) Erstellt am
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