Politik
22.01.2012

Psychose: Vater getötet, Sohn wieder frei

Ein an Schizophrenie erkrankter Student tötet im Wahn seinen Vater, wird für schuldunfähig erklärt und kommt nach knapp vier Jahren wieder frei. Wie lebt er?

Wir treffen einander im Kaffeehaus. Mathias Illigen antwortet auf alle Fragen – mit ruhiger Stimme, sparsamer Mimik, noch sparsamerer Gestik. Nach einer halben Stunde lacht er das erste Mal vorsichtig. Ein Mann, der sich selbst in jedem Moment kontrolliert, um nie wieder dorthin zurück zu müssen, wo er die Jahre 2007 bis 2010 verbracht hat: in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher. Das Café ist voll, niemand ahnt, dass der Mann in einem psychotischen Schub seinen Vater mit dem Bügeleisen erschlagen hat. Am Sonntag erscheint das Buch „Ich oder Ich“, darin erzählt er seine Geschichte.

KURIER: Wie geht es Ihnen?

Mathias Illigen: Etwas angestrengt, es war ein langer Tag.

Die Frage „Wie geht es Ihnen?“ hat Ihnen der Gerichtspsychiater Reinhard Haller nach Ihrer Tat gestellt – zu einem Zeitpunkt, als alle anderen andere Fragen stellten ...

Die Frage, wie’s MIR geht, war in der Situation völlig unüblich. Ich hab’ mich gefragt: Wieso interessiert ihn das? Mir ging’s nicht gut, mir ging’s miserabel, katastrophal. Aber dass das irgendeine Relevanz hätte, hat mich in dem Augenblick überrascht.

Die scheinbar unbedeutende Frage hat etwas in Gang gesetzt?

Ja, es war eine extrem bedeutende Frage für mich.

Sie mussten Richtern, Ärzten, Gutachter tausend Mal dieselben Fragen beantworten. Jetzt, bei den Interviews zu Ihrem Buch, werden Sie Journalisten tausend Mal dieselben Fragen beantworten. Haben Sie sich das vorher gut überlegt?

Ja. Es gibt bedeutende Gründe, warum ich es tue. Im Maßnahmenvollzug haben viele andere meine Geschichte erzählt: Psychologen, Juristen, Polizisten, Ärzte. Jetzt erzähl’ ich sie selbst.

Um was zu erreichen?

Um die Fremdbestimmung wieder in eine Selbstbestimmung umzuwandeln. Der entscheidende Grund aber ist, dass Menschen mit psychischen Erkrankungen stigmatisiert sind. Es ist wichtig für eine Gesellschaft, dass man sich nicht schämen braucht, wenn man psychische Probleme hat. Das ist mein Anliegen.

Haben Sie Angst vor der Öffentlichkeit?

O ja, natürlich. Aber man hat meist Angst vor Vorstellungen, nicht vor dem, was wirklich ist.

Was für Vorstellungen machen Ihnen Angst?

Dass ich (denkt nach), dass ich dämonisiert oder verteufelt würde, aufgrund der Tat.

Ein Magazin äußert Bedenken, Ihre Medienauftritte könnten eingesetzt werden, um beim Publikum „wohlige Schauer“ zu provozieren. Fühlen Sie sich als Darsteller einer Freak-Show?

Wenn das so gesehen wird, nehme ich es in Kauf. Ich glaube aber, dass nicht das Voyeuristische im Vordergrund steht, sondern dass eher die Frage ausgelöst wird: „Was wäre, wenn mir das passiert?“ Schizophrenie und Psychose können jeden treffen, dazu braucht es nur gewisse Voraussetzungen und eine gewisse Veranlagung.

Sie sagen „gewisse Voraussetzungen“. Spielte die Philosophie da hinein? Hätte Ihr Krankheitsverlauf womöglich eine andere Richtung genommen, wenn Sie nicht im Dissertantenseminar für Philosophie, sondern etwa für Chemie gesessen wären?

Ich glaube, dass jede Stresssituation ein Auslöser sein kann. Aber in der Philosophie werden die großen Fragen der Menschheit geklärt, umso existenzieller ist die Reflexion, die man hat. Das ist natürlich eine Verleitung zu großen Themen, wie Religion, wie Mythologie.

Haben Sie im Wahn tatsächlich geglaubt, der Papst erwarte Sie?

Ich hatte die Überzeugung, dass der Papst von mir benachrichtigt werden muss.

Und es für realistisch gehalten, dass Sie vordringen?

Dass ich es versuchen muss, auf jeden Fall.

Haben Sie Drogen genommen, die eine Psychose begünstigt haben könnten?

Ja, ich habe hin und wieder Marihuana geraucht. Es heißt, dass das bei anfälligen Menschen die schlimmste Droge ist. Aber das weiß ich erst rückblickend.

Gab es früher Anzeichen?

Rückblickend schon. Wenn man in eine Situation gerät wie ich, wird die gesamte Vergangenheit aufgerollt, und da gab es sicher Hinweise, dass ich eine Veranlagung oder besondere Verletzlichkeit habe.

Was war so ein Punkt, von dem Sie heute sagen: „Da hätte man was merken müssen“?

Natürlich der Tod meiner Mutter und dass ich nicht bei meiner eigenen Familie aufgewachsen bin. Für ein kleines Kind, wie ich es damals war, dreieinhalb Jahre, ist es eine ungeheuer große Kränkung, von seiner Mutter sozusagen verlassen zu werden, weil sie stirbt. Man hat nicht die Möglichkeit, das in dem Alter irgendwie zu begreifen. Man braucht lange, vielleicht sein ganzes Leben, um das zu überwinden.

Darauf reagieren sicher viele Menschen mit Unverständnis und sagen: „Andere hatten auch eine schwere Kindheit und haben nicht ihren Vater umgebracht.“ Was antworten Sie denen?

Dass es okay ist, wenn man so etwas sagt. Und dass viele andere, die eine schwere Kindheit hatten, danach nicht psychisch erkrankt sind, ich aber schon.

Sie sind symptomfrei, müssen aber Medikamente nehmen – für immer?

Auf gerichtliche Anordnung noch acht Jahre, unabhängig vom Gesundheitszustand. Ich hab’ einmal in der Woche Psychotherapie und alle zwei Wochen bin ich auf der forensischen Ambulanz.

War es schwierig, sich in Freiheit zurechtzufinden?

Einfach war der Übergang nicht. Es sind viele Dinge weggefallen, die in der Anstalt da waren.

Was hat Ihnen am meisten gefehlt?

(Denkt nach) Die Spazierwege auf der Baumgartner Höhe.

Sie könnten dort hingehen, Sie sind ein freier Mann.

Selten, aber doch bin ich oben und gehe spazieren, es ist wunderschön dort.

Wollen Sie selbst eines Tages Vater werden?

Ich habe einen Sohn. Ich habe leider keinen Kontakt zu ihm, was ich aber sehr gerne hätte. Er ist 14 und lebt nicht in Österreich. Das letzte Mal hab ich ihn vor acht Jahren gesehen. Seine Mutter hat geheiratet, sie leben jetzt sozusagen als Familie. Da hab’ ich nicht zu stören. Ich respektiere das.

Können Sie ihm schreiben?

Ich probier’s. Aber ich krieg’ keine Antwort.

Erzählen Sie ihm in Ihren Briefen, was Sie getan haben?

Nein, eine Thematisierung kann nur unter vier Augen stattfinden. Aber ich kann den Kontakt nicht erzwingen.

Was wurde aus Ihrer Beziehung zu der Psychologin, die Sie in der Anstalt als Praktikantin kennengelernt haben?

Mit der Anna bin ich nach wie vor zusammen. Es geht uns gut. Wir führen eine ruhige, langweilige Beziehung.

Was sind die Highlights der „langweiligen Beziehung“ ?

(Lacht) Mit dem Hund spazieren gehen, Freunde treffen, kochen, fernschauen.

Sie beide haben es geschafft, eine Liebesbeziehung aufzubauen, obwohl am Anfang der Kontakt Psychologin-Patient stand? Fühlen Sie sich nie von Anna beobachtet, diagnostiziert?

Nein, gar nicht. Ich hab sogar manchmal das Gefühl, dass eher ich sie coache als sie mich. Wir mussten sehr lange aufeinander warten. Dadurch entstand eine Verbundenheit, die nicht selbstverständlich ist.

Hält diese besondere Verbundenheit auch im Alltag?

Ich wünsch’ es mir. Aber Hochzeitsglocken werden nicht bald läuten.

Wieso?

Da sind wir nicht die Typen dazu (lacht) . Aber es funktioniert gut.

Würden Sie es die große Liebe nennen?

O ja! Ja.

Spüren Sie, dass manche Menschen Ihnen gegenüber einen Angstabstand wahren?

Ich spür’ das schon, meist an kleinen Gesten oder dadurch, dass ein Gespräch weniger schnell in Fluss kommt.

Selbst gestandene Gerichtsreporter sind erstaunt, dass Sie nach einer so grauenhaften Tat schon nach weniger als vier Jahren wieder in Freiheit waren.

Das Erstaunen basiert darauf, dass man die Dinge miteinander verwechselt. Das war kein Strafvollzug. Denn ich bin für zurechnungsunfähig und damit schuldunfähig erklärt worden. Die Aufenthaltsdauer im Maßnahmenvollzug hängt davon ab, wie wahrscheinlich es ist, dass jemand so etwas noch einmal tut, und das wird von Gutachtern festgestellt.

Das heißt, auf der gesetzlichen Seite ging es rein um Wiederholungsgefahr, nicht um Sühne. Aber wie schaut es in Ihnen drinnen aus?

Ich hab immer noch Schuldgefühle und ein unglaublich schlechtes Gewissen. Ich komm’ da auf keinen grünen Zweig. Die Umstände, die Krankheit – all diese Erklärungsversuche fruchten nicht, schlussendlich hab’ ich es getan.

Das heißt, die Zurechnungsunfähigkeit zum Zeitpunkt der Tat nimmt nicht die innere Schuld?

Nein, das nimmt nicht die innere Schuld. Der Terminus schuldunfähig gilt nicht vor mir selber. So einfach kann ich es mir nicht machen. Es ist ein langer Weg. Aber das Buch hat bewirkt, dass ich die Gefühle jetzt fühlen kann.

Was für Gefühle?

Trauer, Verlust, Schuld. Auch positive: Optimismus, Zuversicht, den Glauben daran, dass sich Arbeit an sich selber rentiert.

Inwiefern?

Ich glaube, dass es wichtig ist, sich Fehler und Defizite einzugestehen und diese zu ändern. Es ist eine große Stärke, wenn Menschen das können. Schwäche ist eigentlich – wenn man sie erkennt – eine unglaubliche Stärke.

Könnten Sie heute mit Ihrem Vater Kontakt aufnehmen, welche zwei Sätze würden Sie ihm sagen?

„Es tut mir leid. Das hätte nie passieren dürfen.“

Können Sie einfach einen Wutanfall haben, so wie jeder andere Mensch?

Nein, das kann ich nicht. Wenn ich merke, dass Wut in mir hochkommt, versuch’ ich, mich zu regulieren oder die Wut so sanft wie möglich rauszulassen.

Heißt das, Sie haben Angst vor der eigenen Wut?

Nein, ich habe Angst vor dem System. Denn ich erinnere mich gut, was alles im Maßnahmenvollzug passiert wäre, wenn ich nur einmal die Nerven verloren hätte oder wütend geworden wäre. Ich habe das bei den anderen Insassen gesehen.

Sie schildern in Ihrem Buch drastische Fälle. Aber sie schafften es mit Konsequenz und richtiger Medikation, dauerhaft die Kontrolle zu bewahren. Wie lassen Sie Ihre Wut „sanft“ raus?

Indem ich vor mich herschimpfe, aber nie jemand anderen beschimpfe. Indem ich bei einem Freund die Wut auf wen anderen artikuliere, aber nie direkt: „Du machst mich wütend, jetzt lass ich meine Wut an dir aus!“ Das ist nicht der Weg, mit dem ich mich wohlfühle.

Welche Frage, die ich nicht gestellt habe, würden Sie noch gern beantworten?

„Wie geht’s Ihnen jetzt?“

Und wie geht’s Ihnen jetzt?

Es geht mir gut, danke für das Interview.

Buch: Die Geschichte eines Mannes, der seinen Vater getötet hat

Die Tat Der heute 34-jährige Mathias Illigen, leidet 2006 als Dissertant der Philosophie an der Akademie der bildenden Künste an immer heftiger werdenden Wahnvorstellungen, sieht sich schließlich als Auserwählter in einem globalen Machtkampf zwischen Engeln und Dämonen. Er reist nach Rom, um den Papst zu informieren. Schließlich hält er seinen Vater für den Kopf der Weltverschwörung und erschlägt ihn mit einem Bügeleisen. Illigen wurde vor Gericht für „zurechnungsunfähig“ (so der korrekte Fachterminus) und damit „schuldunfähig“ erklärt und kam in den sogenannten „Maßnahmenvollzug“, das heißt in drei Anstalten für geistig abnorme Rechtsbrecher, wo er knapp vier Jahre verbrachte, bis die Ärzte den Heilungsverlauf so einschätzten, dass er – unter Kontrolle – wieder in Freiheit leben kann. Den Großteil des Maßnahmenvollzugs verbrachte er im Pavillon 23 auf der Baumgartner Höhe, der mittlerweile geschlossen ist.

Das Buch In der edition a erscheint Illigens Tatsacheroman „Ich oder Ich“, Co-Autor ist der Wiener Schriftsteller Fabian Burstein. Darin schildert er die Zeit vor der Tat, die Tat selbst, was nachher geschah, wie seine Geschwister und andere Verwandten reagiert haben und wie er schließlich zum Grab seines Vaters reist ...

(252 Seiten, € 20,–) www.edition-a.at

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