Politik
21.01.2012

Protokoll: Bizarres Rating der Mächtigen

Nichts ist bei offiziellen Anlässen heikler als die Frage, wer wo sitzt und wer wann begrüßt wird. Eine Anleitung ohne Gewähr.

Othmar Karas ist aufgestiegen. Seit vergangenen Mittwoch ist er Vizepräsident des EU-Parlaments (einer von 14); kein Österreicher hat je ein so hohes Amt in der EU-Institution bekleidet. Damit hat er auch einige Plätze im österreichischen Protokoll gutgemacht. Laut einer inoffiziellen protokollarischen Rangliste, die in der Präsidentschaftskanzlei Verwendung findet, liegt Karas im Mittelfeld. Sein Problem: das „Vize“ und die Tatsache, dass er kein nationaler Politiker ist. Denn die EU-Vertreter haben im Rating bei offiziellen Veranstaltungen im Land immer das Nachsehen. Damit rangiert Karas direkt hinter dem zweiten Nationalratspräsidenten. Vor ihm liegen noch die Bischöfe.

Dabei ist gerade in der heiklen Frage, wer wo sitzt, wer wann begrüßt wird, nicht alles in Stein gemeißelt. Besonders kompliziert wird es, wenn ausländische Politiker im Spiel sind. Das Außenamt verfügt über mehrere solcher Protokoll-Listen – es kommt immer auf den Anlass und den Ort des Geschehens an. So kommt es oft vor, dass der Landeshauptmann protokollwidrig zuerst begrüßt wird, obwohl ein (ranghöherer) Minister anwesend ist.

Mit Humor

„Nur nicht alles so ernst nehmen“, sagt einer, der es wissen muss. Meinhard Rauchensteiner arbeitet seit elf Jahren in der Präsidentschaftskanzlei als Berater für Wissenschaft, Kunst und Kultur. Seine Erfahrungen hat er im „Kleinen ABC des Staatsbesuches“ zusammengefasst. Es ist ein humoristischerer Blick in die Welt des Protokolls und der Diplomatie, samt „nützlichen Anweisungen für das Überleben im Staatsdienst“. Unter M etwa findet sich das Stichwort „Mohn“ und die Empfehlung, mit solchem bestreutes Gebäck bei Empfängen lieber selbst nicht zu essen, sondern Personen anzubieten, die man diskreditieren möchte (weil der Mohn zwischen den Zähnen hängen bleibt). Außerdem enthält das Buch einige Hoppalas – etwa von Begrüßungsworten in einer fremden Sprache, die Rudolf Kirchschläger im Hutband notiert hatte, die aber dem Regen zum Opfer fielen.

Trotz aller „Blödelei“ ist Rauchensteiner überzeugt, dass das oft bizarr wirkende Protokoll Sinn macht: „Bei offiziellen Veranstaltungen, vor allem, wenn zwei Staaten aufeinandertreffen, braucht es Regeln. Damit vermeidet man Irritationen und Peinlichkeiten.“

Die Anwendung dieser Regeln ist allerdings oft schwierig: So schlägt sich das Außenamt dem Vernehmen nach derzeit mit der Frage herum, ob Karas, wie von ihm angefragt, beim Opernball in der Mittelloge mit Bundespräsident, Kanzler und Ministern sitzen darf.

BUCHTIPP: Das Kleine ABC des Staatsbesuchers, Czernin Verlag, 176 Seiten, 16,80 €.