Politik
05.12.2011

Nacktwandern: Textilfrei in den Bergen

Der KURIER ließ alle Hüllen fallen und begleitete eine Gruppe Nacktwanderer im Salzburger Pinzgau.

Ein wenig peinlich ist das schon. Ich wühle nervös im Rucksack, ziehe kurz die Hose hinunter, und sofort wieder hoch. Muss das wirklich sein? So heiß ist es heute doch gar nicht, ich könnte mich verkühlen. Aber es gibt kein Zurück. Also ziehe ich die Hose erneut hinunter, und die Unterhose gleich mit. Als ich fertig bin, stehen alle um mich herum schon längst ohne Kleidung da.

Die Nacktwanderer haben für eine Woche in Leogang im Salzburger Pinzgau Quartier bezogen. Um die Berge zu erwandern, wie Gott sie schuf. Berge wie Wanderer, wohlgemerkt. Schuhe haben trotzdem alle an, und einen Rucksack am Buckel. Mehr Stoff freilich nicht. Wir gehen heute auf den Asitz, einen nicht allzu hohen Grasberg. Zwei Dutzend Teilnehmer aus sieben Ländern, die Jüngsten Ende 30, die Ältesten haben die 80 schon deutlich überschritten. Die meisten Wanderer sind Männer. Zwei Frauen sind nackt dabei.

"Freiheit und Frieden"

"Warum nackt", frage ich, und die Frage wurde natürlich erwartet: Gewand hindert doch nur am direkten Kontakt mit Wind, Sonne und Temperatur. "Nackt, da reibt nichts. Kleidung ist doch nur unbequem", sagt Bernard, der Engländer. Und Kathrine aus Frankreich ergänzt: "Es ist wie Nacktschwimmen. Viel schöner und angenehmer als mit Badeanzug. Wenn man es einmal probiert hat, findet man Kleidung künstlich." Es sei doch ein gutes Gefühl, nicht ins Hemd zu schwitzen. Und Paul meint philosophisch: "Es ist die Verbindung von Körper und Natur. Das Gefühl der Freiheit und des Friedens."

Frieden? "Aber die Stechmücken", werfe ich ein. Die Brennnesseln und die Disteln. Die Sonne, wenn sie gnadenlos vom Himmel brennt. Und der tückische Elektrozaun am Weiderand, den ich eben so vorsichtig überwunden habe. "Man nimmt die Umgebung gleich viel intensiver wahr", lacht Chris und verweist auf Sonnencreme und Insektenspray. Und wenn es kalt wird? "Dann gehen wir einfach schneller", meint Bernard - und schiebt ein pragmatisches "Oder wir ziehen uns an" nach. "Man muss das praktisch sehen." Kleidung, das ist Schutz vor Wind und Wetter, ansonsten nur unpraktisches Accessoire.

Vorausschauend

Es ist eine seltsame Gruppe, die da langsam den Berg hochsteigt. Die Haut der Wanderer schimmert braun bis bronzen, nur die helle Journalistenbrust sticht ein wenig heraus. "Für mich ist es auch die Freiheit von der sexuellen Dimension eines nackten Körpers", ergänzt Gianni aus Genua. "Das ist ein wenig wie in der Sauna. Da regt ein nackter Frauenkörper normal auch nicht die Phantasie an."

Jerome, der Belgier, drückt mir einen Prospekt in die Hand, der über Nacktaktivitäten in seiner Heimat informiert. "Ich war als Kind schon gerne nackt", erklärt er. "Das war für mich ein Bedürfnis. Ich habe mich ohne Kleider schon immer besser gefühlt." Bei ihm geht das Nacktsein weit über das Wandern hinaus. Jerome fährt nackt Rad - und zieht sich in seiner Heimat auch gerne in Bars und Discotheken aus - vorausgesetzt niemand stößt sich daran. "Nur mein Arbeitgeber, eine Bank, hat mir das Nacktsein am Arbeitsplatz verboten."

Ich bin eindeutig an Verrückte geraten, denke ich zu Beginn. Und muss mein Urteil doch rasch revidieren. Die Leute sind unerwartet offen, haben ganz normal Familien (die die Liebe zum Nacktwandern allerdings nicht immer teilen) und arbeiten meist in gehoben Berufen. Programmierer, Anwälte, Manager, Ingenieure. Und sie sind keineswegs unterwegs, um sich zu zeigen. "Wir wollen auch nicht, dass man uns anstarrt", betont Gianni. "Aber die Leute sollen sich durchaus an unseren Anblick gewöhnen." Ausgegrenzt werden "Textile nicht. "Wir haben kein Problem, wenn Bekleidete mitgehen", sagt Richard aus München, der die Wanderwoche organisiert hat. "Oder sich jemand nur für eine Stunde auszieht."

Im Schutz der Gruppe fällt es gar nicht so schwer, ohne Hüllen unterwegs zu sein. Tatsächlich vergesse ich irgendwann selbst fast, dass ich nackt den Berg hoch marschiere. Zumindest bis uns zum ersten Mal andere Wanderer begegnen. Vorausschauend fahren, lehrt die Fahrschule, vorausschauend gehen, das Nacktwandern. Von weitem taxiere ich, wer mir entgegenkommt. Man war ja bereits öfter in der Gegend - und hat schon an den unmöglichsten Orten Bekannte getroffen.

Gemischte Reaktionen

Doch so schlimm ist es gar nicht. Ein Mountainbiker grinst breit, als er an der Gruppe vorbei rattert. Ein Wanderer staut stur gerade aus, und meidet Blickkontakt, ein Autolenker zückt seine Kamera. Ich ziehe den Schreibblock über mein Becken. "Die übliche Reaktion ist Überraschung", erklärt Chris. "Dass sich wer beschwert, passiert so gut wie nicht." Manche lächeln, grüßen, witzeln. "Mich stört das gar nicht, meint eine bekleidete Wanderin aus Deutschland. "Wir waren früher auch viel FKK, aber nur am Strand. "Es gibt nur zu wenig Frauen hier", beklagt sich ihr Mann und grinst.

Ganz so reibungslos verlaufen die Kontakte mit den Textilen aber nicht immer. "FKK, go away", hat eine Kellnerin die Nacktwanderer am Vortrag von einem Berggasthof verscheucht. Und auch heute hat ein Anruf Mitarbeiter der Bergbahnen aufgeschreckt. Ein Pick-Up-Truck hält, drei Männer steigen aus und fordern forsch zum Anlegen der Kleider auf. Nach der nächsten Kurve kommt der Spielplatz bei der Seilbahnstation, an diesem Tag sind viele Familien mit Kindern am Berg. "Dort will ich niemanden nackt sehen", verlangt der Bergbahner und sein Kollege meint. "Ich habe das nicht geglaubt, wie wir angerufen worden sind. Seit 23 Jahren arbeite ich hier und habe so etwas noch nicht gesehen."

Bei den Naturisten gilt eine ungeschriebene, allerdings unterschiedlich streng ausgelegte Regel: "Auf Asphalt, in Gasthöfen, in Ortschaften, oder wo besonders viele Leute unterwegs sind, ziehen wir unsere Kleider an", betont Richard. Einige in der Gruppe murren trotzdem, ziehen sich aber Hemd und Hose an. "We are dressed, we don't feel good now", meint ein Teilnehmer spöttisch. Und als der Spielplatz wieder aus dem Blickfeld verschwindet, fallen sofort wieder die Hüllen.

"Es ist immer das gleiche", erklärt Bernard. "Wann immer sich wer am Nackten stört, kommt als Argument sofort die Kinder. Aber wer weiß denn, ob es die Kinder tatsächlich stört." Paul sieht das genauso: "Unsere Gesellschaft bringt den Kindern bei, sich zu schämen, wenn sie nackt sind. Das ist falsch."

Wie groß der Kreis der Nacktwanderer in Europa ist, weiß hier übrigens keiner. Chris schätzt ihn auf mehrere hunderte Leute. Untersuchungen zufolge haben zehn Prozent der Bevölkerung eine Affinität zum FKK, doch nur ein Teil davon greift nackig zum Wanderstock. "Die Dunkelziffer ist hoch", glaubt Chris. Und berichtet von unerwartet unkomplizierten Begegnungen mit Bekleideten. In einem zweiten Berggasthof durfte die Gruppe am Vortag dann problemlos auf den Bänken Platz nehmen. Der Herr des Hauses bat die Nackten gleich auf ein gemeinsames Foto. Dafür ausziehen wollte er sich allerdings nicht.