Politik
05.12.2011

Kraftwerk mitten in der Murstadt

8000 Bäume sollen in Graz einem Wasserkraftwerk weichen. Stadtvize will Volksbefragung durchsetzen.

I m Mai 1991 stimmten die Wiener bei einer Volksbefragung gegen eine Weltausstellung und für ein Donaukraftwerk. Das daraufhin gebaute Kraftwerk Freudenau ist bis dato das letzte Wasserkraft-Großprojekt inmitten einer österreichischen Metropole. Jetzt erregt Graz mit seinen Plänen Aufsehen, mitten in der Stadt ein Murkraftwerk installieren zu wollen.

Der Fluss hat Graz immer schon in die Nobel- und Geschäftsviertel links der Mur und der bemühten Vorstadt rechts davon geteilt. Die schwarz-grüne Rathauskoalition entzweit sich derzeit auch. Eine geplante Staustufe würde den Fluss nicht nur um etliche Meter heben, sondern die derzeit teils verwachsene Uferlandschaft völlig neu gestalten.

"Die Stadt wird nachhaltig verändert", ist ÖVP-Stadtchef Siegfried Nagl Feuer und Flamme für ein modernes urbanes Leben am Fluss. Mit Geschäften, Cafés und Promenaden. Vergleichen will er dieses Wohlbefinden am Wasser mit Linz oder Salzburg. "Wir könnten dann endlich auch eine Murschifffahrt aufnehmen."

Volksbegehren

Die oberste Murschützerin Lisa Rücker, die grüne Vizestadtchefin, strebt die Einleitung eines Volksbegehrens an. Schafft sie zunächst 10.000 Unterschriften, würde das die Pro-Kraftwerksparteien ÖVP, SPÖ und FPÖ unter Druck setzen.

Vor 111 Jahren war die Murlandschaft kaum begrünt. Nagl nimmt das historische Stadtbild zum Anlass, nach vorne zu blicken. "Graz braucht neue Visionen." In der Stadt verkehrten jetzt schon 420.000 Menschen täglich. "Wir üben wirtschaftlich und kulturell eine enorme Anziehungskraft aus. In zehn Jahren werden wir 30.000 Hauptwohnsitze mehr haben." Zu den bisher 263.411 echten Grazern.

"Schluss mit der Provinz", lautet Nagls Ansage. So ein Wasserkraftwerk könne da schon sehr hilfreich sein. "Wir haben zwar rechtlich fast nichts mitzureden. Das ist ein Projekt von Verbund und Energie Steiermark. Aber im Gemeinderat steht jetzt schon eine 70 Prozent-Mehrheit dafür."

Kritik

Zum Gestaltungswillen des ÖVP-Politikers kommt die Energiefrage. "20.000 Haushalte können über diese Staustufe mit grüner Energie versorgt werden, das betrifft mindestens 40.000 Menschen." Er versteht den Koalitionspartner nicht: "Auf der alternativen Energieschiene fahren die Schwarzen, nicht die Grünen." Bagger im Naturraum einer Stadt müssten dafür wohl erlaubt sein.

Ganz anders sieht das Lisa Rücker: "Wir wissen noch nicht, wie sich die Hochwassersituation auswirken wird. Der Baumbestand entlang der Mur ist für die Grazer eine Sauerstoffquelle." Bis neu gepflanzte Bäume diese Wirkung entfalteten, würden bis zu 20 Jahre vergehen. Die wilde ursprüngliche Mur würde Rücker fehlen. Mit Steinen zum Abhängen und Stromschnellen für Wassersportler. Bei den Kraftwerken Gössendorf und Kalsdorf im Süden von Graz seien die Murauen unwiederbringlich zerstört worden. "In Graz geht es um 8000 Bäume, die gefällt werden müssten." Zur Energiegewinnung aus Wasser wirft Rücker ein, Energiesparen sei effizienter. "Nur 0,8 Prozent des steirischen Strombedarfs würde die Staustufe abdecken."

Sollte die Unterschriftenhürde geschafft werden, ist 2012 mit dem Volksbegehren zu rechnen.

Projekt - Bauen und Stauen mitten in der steirischen Hauptstadt

Das Murkraftwerk Graz, das die Energie Steiermark mit der Verbundtochter Hydro Power entwickelt, soll jährlich bis zu 74 Gigawatt-Stunden Strom erzeugen. Das Investitionsvolumen beträgt 90 Millionen Euro.

Der Baukomplex der Staustufe ist zugleich als verglastes und begehbares Schaukraftwerk konzipiert. Eine infrastukturelle Aufwertung des Kanalnetzes wird avisiert. Durch die Errichtung eines Mischwassersammlers soll sich die Wasserqualität der Mur heben, Fischaufstiegshilfen den Bestand in der Mur retten.

Die Projektbetreiber betonen: "Es werden jährlich bis zu 60.000 Tonnen eingespart." Das Kiotoziel, 34 Prozent des Gesamtenergiebedarfs aus erneuerbaren Quellen zu decken, dürfe kein Lippenbekenntnis bleiben, heißt es seitens der Projekt-Befürworter. Wasserkraft sei leistbar, wird vorgerechnet. Würde man 74 Gigawattstunden pro Jahr aus Fotovoltaik erzeugen, müssten statt 90 Millionen Euro zwischen 315 und 420 Millionen investiert werden.

Die mündlichen Verhandlungen zur Umweltverträglichkeitsprüfung durch das Land würden bis Ende 2011 laufen, erläutert Urs Harnik, Sprecher der Energie Steiermark. Da mit Einsprüchen zu rechnen sei, dürfte der Baubeginn nicht vor 2015 zu erwarten sein.