Politik | Inland
04/13/2019

Zentralisiert und spezialisiert: Das Spital der Zukunft

Die gemeinnützige Vinzenz Gruppe hat ihre sieben Spitäler nach modernen Erkenntnissen beispielgebend reorganisiert.

Der vergangene Freitag war für die Vinzenz Gruppe, Österreichs mit rund 2.600 Betten größten privaten Spitalsbetreiber, ein besonderer Tag. Mit der feierlichen Eröffnung des Zubaus des Krankenhauses Göttlicher Heiland im Westen Wiens schloss die gemeinnützige Gruppe ihren 2013 beschlossenen Restrukturierungsprozess ab – und agiert damit beispielhaft.

 „Wir wollten unsere Krankenhäuser spezialisieren, damit wir die entsprechenden Fallzahlen zusammenbekommen“, erklärte Geschäftsführer Michael Heinisch bei der Abschlusspräsentation des Prozesses am Freitag die wichtigste Vorgabe für die „Strategie 2020“.

Fallzahlen sagen aus, wie oft eine spezifische Behandlung in einem Spital pro Jahr durchgeführt wird. Mit anderen Worten: Je höher die Fallzahl, desto mehr Praxis und damit Expertise sind am jeweiligen Standort vorhanden. Und dadurch verringert sich die Wahrscheinlichkeit von Komplikationen.

Gemäß dieser Vorgabe wurden alle sieben Spitäler der Gruppe in Wien und Oberösterreich zu Fachkliniken und Organzentren umgebaut. Dafür mussten sowohl Abteilungen als auch 400 Mitarbeiter von einem Standort zum anderen wandern.

Internationaler Trend

Ein enormer Aufwand, der sich aber lohnt, wie Jan Böcken von der Bertelsmann Stiftung bestätigt. „Medizinische Schwerpunktsetzung steht auch im internationalen Vergleich auf der Agenda der Gesundheitsanbieter weit oben“, sagt der Gesundheitsexperte. Werde doch durch höhere Fallzahlen eine bessere Versorgungsqualität für die Patienten ermöglicht.

Das sei durch zahlreiche internationale Studien belegt. So können etwa bei komplexen Operationen viele unvorhergesehene Dinge passieren. Um in so einem Fall adäquat reagieren zu können, braucht es sowohl die entsprechende technische Ausrüstung als auch erfahrene Operateure – und ein erfahrenes Team.

Politik gefordert

Ein Auftrag für die Politik. Zwar könne der Staat privaten Betreibern nicht vorschreiben, wo sie welche medizinische Dienstleistungen anbieten, sagt Böcken. Er könne aber sehr wohl Parameter wie etwa Mindest-Fallzahlen für gewisse Eingriffe festsetzen.

Und die sind in Österreich – wie übrigens auch in Deutschland – relativ niedrig. So müssen hierzulande an einem Standort etwa nur zehn Pankreas-Eingriffe pro Jahr nachgewiesen werden. In der Schweiz sind es hingegen 20, in Frankreich schon 30 und in Dänemark und Großbritannien überhaupt 90.

In den beiden letztgenannten ist sogar pro Operateur eine höhere Fallzahl vorgeschrieben als in Österreich pro Spital. Wobei man bezüglich vorgeschriebener Mindest-Fallzahlen in Nordeuropa „generell mutiger ist“, sagt Experte Böcken, und zwar „mit dramatischen Outcome-Verbesserungen“.

Deutlich reduzierte Sterblichkeit

Modellrechnungen haben bei bestimmten Krebs-Operationen zu einer bis zu 25 Prozent niedrigeren Mortalität geführt. Doch nicht nur bei planbaren Eingriffen, sondern auch bei akuten Herzinfarkten führt die Simulation einer systematischen Zentralisierung und Spezialisierung der Spitäler zu einer signifikanten Reduzierung der Sterblichkeit.

Und die Frage der Erreichbarkeit? Spielt laut Böcken keine Rolle. In Ballungszentren ohnehin nicht, und auch im ländlichen Raum wäre auch die Akutversorgung mit etwas Planung und Kooperation gesichert. Mit dementsprechenden Strukturen, Telemedizin und „zwei, drei nachtflugfähigen Hubschraubern“ wäre das selbst im dünn besiedelten Nord-Finnland schon heute kein Thema.

Auch die Akzeptanz wäre kein Problem, meint Böcken. Bei planbaren Eingriffen mit stationärem Aufenthalt wären Patienten einer deutschen Umfrage zufolge auch gewillt, längere Fahrtzeiten ins Spital in Kauf zu nehmen. Mehr als die Hälfte würde über 30 Minuten fahren, ein Viertel sogar über eine Stunde.

Für Böcken keine Überraschung: „Wenn es ernst wird, möchte man nicht in die Klinik um die Ecke, sondern zum Spezialisten.“

Die Vinzenz Gruppe hat ihre Restrukturierung dementsprechend durchgezogen. Nicht nur im städtischen Wien, sondern auch im Flächenland Oberösterreich, wo man Kliniken in Linz und Ried im Innkreis betreibt.

Schlaganfall-Zentrum Ried

In Linz führt man im neu geschaffenen und gemeinsam mit den Elisabethinen betriebenen Ordensklinikum mittlerweile 98 Prozent aller in Oberösterreich notwendigen Nierentransplantationen durch, in Ried landen wiederum 97 Prozent aller Schlaganfälle im Innviertel – obwohl in Braunau und Schärding zwei weitere Spitäler zur Verfügung stehen.

Und im Göttlichen Heiland? Spezialisiert man sich nun unter anderem auf Altersmedizin. Die beliebte Geburtenstation wurde hingegen an das St. Josef-Krankenhaus abgegeben. Dort, in Hietzing, befindet sich jetzt die größte Geburtshilfe Wiens mit etwa 4.000 Geburten pro Jahr und angeschlossenem Eltern-Kind-Zentrum.

Eine am Wohl des Patienten ausgerichtete Restrukturierung nach Böckens Geschmack. Der angesichts moderner medizinischer Erkenntnisse auf klassische Großspitäler mit Vollversorgung zu setzen, für „einigermaßen fahrlässig“ hält.