Der Ex-Hypo-Chef Wolfgang Kulterer sagte am vergangenen Donnerstag vor dem U-Ausschuss im Parlament aus.

© APA/HERBERT PFARRHOFER

Porträt der Woche
07/19/2015

Wolfgang Kulterer: "Aktien waren nie meine Welt"

Sein Auftritt war der Höhepunkt im U-Ausschuss. Wie der Ex-Hypo-Manager in Haft lebt.

von Ida Metzger

So manch einer der Abgeordneten hatte sich offenbar einen anderen Auftritt vom ehemaligen Kärntner Erfolgsbanker Wolfgang Kulterer im Hypo-U-Ausschuss erwartet. Möglicherweise einen Wuthäftling, der sich in Rage spricht. So wie es Ex-Bawag-Chef Helmut Elsner vor dem Obersten Gerichtshof tat. Oder eventuell einen gebrochenen Ex-Millionär, der sich angesichts von 6,5 Jahren Haft, Privatkonkurs und Schadenersatzklagen in der stolzen Höhe von 600 Millionen Euro nun als erbärmlicher Sündenbock darstellen will. Keine dieser Rollen erfüllte der Ex-Hypo-Chef.

Zur Halbzeit der Befragung, wo sich Kulterer nur ein Mal der Aussage entschlug, zeigten sich viele Mandatare überrascht: "Kulterer hat den richtigen Mix gefunden. Er gibt bereitwillig Auskunft, zeigt sich reflektiert."

"Er resigniert nicht"

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Ja, Wolfgang Kulterer ist ein gefallener Ex-Banker. Ja, er blähte gleichsam aus dem Nichts die Hypo auf. Und ja, er hat viele Milliarden des Debakels als Ex-Vorstand zu verantworten. Das will Kulterer gar nicht leugnen. "Aber nicht 15 Milliarden, sondern zwei oder drei", definiert er im U-Ausschuss. Es hat den Anschein, als hätte Kulterer sich mit dem Schicksal arrangiert. "Akzeptieren werde ich es aber nie, weil ich zwar Fehler, aber keine kriminelle Handlung machte", betont er.

Selbst der grüne Fraktionschef im U-Ausschuss, Werner Kogler, attestiert: "Ich verstehe, dass Kulterer über manche Verurteilung verbittert ist. Das Urteil im Konkursfall der Styrian-Spirit-Airline gegen ihn kann ich auch nicht nachvollziehen. Aber er hat ein neues Koordinatensystem in seinem Leben gefunden. Er resigniert nicht." Bevor Kulterer wieder zurück in die Haftanstalt chauffiert wird, hinterlässt er eine Mappe mit Dokumenten für die Abgeordneten, die beweisen sollen, dass die Bayern beim Kauf über alle Zahlen, Daten und Kreditrisiken der Hypo informiert waren. Auch das ist neu im U-Ausschuss – und zeigt, dass sich Kulterer nicht aufgegeben hat.

Aufenthalt im Kloster

Wie lebt Kulterer nun, der in seinen Glanzzeiten als Hypo-Manager ein passionierter Military-Reiter war, heute? Wie versucht er, die Haftzeit mental zu durchtauchen? "Man muss diszipliniert und sehr hart zu sich selbst sein, sonst fällt man in eine Depression", so Kulterer. Seine Gefängnisstrafe vergleicht er mit einem Aufenthalt im Kloster. Man ist allein, einsam, und am besten ist es, man fällt nicht auf.

Der Motor, wenn auch im negativen Sinn, in seinem Leben bleibt die Hypo. Denn die Ermittlungen sind noch lange nicht abgeschlossen. Im Haft bereitet sich Kulterer auf die Prozesse vor. Zuletzt gab es zwei Freisprüche. "Die Urteile zeigen, dass ich nicht für jeden schiefgegangenen Kredit verantwortlich bin. Kann ich auch gar nicht", so Kulterer.

50 Laufrunden

Das Aktenstudium ist mühsam. Er besitzt zwar einen Laptop, aber ohne Genehmigung für ein Word-Programm. "Derzeit ist der Laptop auch noch kaputt und in der Reparatur", schildert seine Anwältin Ulrike Pöchinger. Kulterers gesamte Korrespondenz erfolgt handschriftlich per Brief. Zusätzlich versucht der ehemaliger Banker fit zu bleiben. Fünf Mal pro Woche dreht er 50 bis 70 Runden im Innenhof der Haftanstalt, der ungefähr 40 mal 20 Meter groß ist. Auch ein Fußballfeld gibt es in der Justizanstalt Hirtenberg, die von einer parkähnlichen Anlage umgeben ist. Ein Mal pro Woche ist es den Häftlingen erlaubt, auf dem Fußballfeld Sport zu betreiben. Spaziergänge in der Parklandschaft sind strikt verboten. Auch ein Buchprojekt über die Hypo hat der ehemalige Erfolgsmanager im Kopf.

Die Umsetzung wird noch warten müssen, denn die Vorbereitung auf die Prozesse nimmt viel Zeit in Anspruch. Kulterer pendelt quasi zwischen der Haftanstalt Hirtenberg und Klagenfurt. In Kärnten finden alle Prozesse statt. Während der bisher letzte Prozess im Frühjahr verhandelt wurde, starb sein betagter Vater. "Um am Begräbnis teilnehmen zu können, wurde meinem Mandaten eine Haftunterbrechung gewährt", so die Anwältin.

Drei Millionen Euro

Unterm Strich hat Kulterer drei Millionen Euro für Anwaltskosten ausgegeben. "Alles, was ich mir in den letzten Jahren aufgebaut habe, musste ich verkaufen." Bei künftigen Prozessen wird er wohl um Verfahrenshilfe ansuchen. Und das könnte bald sein. Denn demnächst werden er und Ex-Vorstand Günther Striedinger wegen des Projekts Skiper in Kroatien (Feriendorf), das als Inbegriff der Hypo-Geldverbrennung in Südosteuropa gilt, auf der Anklagebank Platz nehmen. Mit 160 Mio. Euro wird der Schaden beziffert. "Als ich die Bank verließ, lag das Kreditvolumen bei 140 Millionen. Unter den Bayern steigerte es sich auf über 300 Millionen. Und jetzt soll ich alleine dafür geradestehen?", verteidigt sich Kulterer .

Bei seiner Haftentlassung – dann allerdings ist der Kärntner schon im Pensionsalter – möchte er am Land leben. "Eigentlich wollte ich mit 60 nur mehr Bauer sein. Es ist ja bekannt, dass ich nie Geld in Aktien investiert habe, weil das nie meine Welt war", so Kulterer. Klingt wie die Ironie des Schicksals.

Im Herbst sagen Schüssel, Grasser und Strasser aus

Sechs Wochen pausiert der U-Ausschuss. Doch der Herbst wird heiß im Hypo-U-Ausschuss. Einerseits weil hinter den Kulissen noch immer ein Kampf um fehlende Unterlagen und Mails aus der Notenbank und der Finanzmarktaufsicht stattfindet. „Wir bekommen immer die Antwort: Die Unterlagen sind leider nicht auffindbar. Dann wollen wir die unheilvolle Rolle der Notenbank bis zur Verstaatlichung untersuchen.“ Andererseits wird im September und Oktober eine Reihe an Polit-Prominenz im Parlament Rede und Antwort stehen müssen.

Da werden Ex-Bundeskanzler Wolfgang Schüssel (6., 7. oder 8. Oktober ) sowie Ex-Finanzminister Karl-Heinz Grasser (30. September) oder Ex-Hypo-Chef Tilo Berlin (16. September) aussagen müssen. Detto geladen sind Ex-OeNB-Gouverneur Klaus Liebscher (24. November) und Ex-Innenminister Ernst Strasser (1. Oktober). „Bis Mitte Oktober wollen wir die Kärntner Jahre abgeschlossen haben“, so der grüne Fraktionschef im U-Ausschuss, Werner Kogler.

Sicher ist jetzt schon: Auch Ex-Hypo-Chef Wolfgang Kulterer wird nochmals vor dem U-Ausschuss erscheinen müssen. „Die vier Stunden waren viel zu kurz. Aber wir werden Kulterer erst am Ende des U-Ausschusses laden, um ihn mit neuen Erkenntnissen zu konfrontieren“, meint Kogler.

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