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Politik Inland
08/03/2019

Wohin sich die Wähler derzeit wenden

Politik von innen: Die ÖVP hat ihre Gewinne zu hoch angetragen. Schwächelt sie, könnte das ausgerechnet der SPÖ schaden.

von Daniela Kittner

Ende August wird die Intensivphase des Wahlkampfes einsetzen. Die bisherigen Wochen haben gezeigt: 

Die ÖVP schlingert. Die Türkisen stolpern von Affäre zu Affäre, von verdeckten Parteispenden in anonyme Schredderaktionen. Hinzu kommen mehrere kleinere Malheurs, die das bisherige Bild einer perfekten türkisen Maschinerie trüben.

Türkis-rote Gefechte. Das wahlkampfbedingte Schlammcatchen finden vorwiegend zwischen Türkis und Rot statt.

FPÖ in Deckung. Die „Ibiza“-Partei FPÖ kann erste Reihe fußfrei zuschauen, wie sich ihre Konkurrenz gegenseitig niedermacht.

Grüne im Aufwind. Die Grünen müssen eigentlich gar nichts tun, denn sie liegen aus mehreren Gründen im Trend und legen automatisch zu: Erstens wegen des Klimawandels und der Sorge vor der Erderwärmung; zweitens wegen der reumütigen Rückkehr ihrer Wähler, die sie das letzte Mal im Stich gelassen haben.

Neos in Defensive. Die Pinken sind diesmal nicht mehr in der Rolle der hippen Trendpartei und müssen um Aufmerksamkeit kämpfen.

Auf Basis der EU-Wahl vom 26. Mai und bisherigen Umfragen für die Nationalratswahl am 29. September finden derzeit zwei große Wählerbewegungen statt.

 

Der eine Strom fließt von den Freiheitlichen zur ÖVP von Sebastian Kurz. Die Bewegung ist deutlich, aber nicht so groß, wie sie die Türkisen gerne sähen. Sie haben ihre Gewinnerwartungen nach der Abwahl von Kurz im Nationalrat und dem Erfolg bei der EU-Wahl (34,5 Prozent) zu hoch geschraubt. Die 37 bis 38 Prozent, die die meisten Umfragen den Türkisen anzeigen, dürften übertrieben sein. Die FPÖ hält sich trotz des Ibiza-Skandals bei 20 Prozent und mehr – und dabei hat sie mit ihrem Wahlkampf noch nicht einmal begonnen. Die FPÖ wird mit dem freundlichen Norbert Hofer den Fernsehwahlkampf führen, und mit der Rabiatperle Herbert Kickl ihre Hardcore-Fans in Stimmung versetzen.

Je mehr Kurz ins Schlingern gerät, umso größer sind die Chancen für die FPÖ, ihre Wähler nicht an die Türkisen zu verlieren, sondern zu behalten. Und paradoxerweise könnte gerade das der SPÖ auf den Kopf fallen.

Die SPÖ kämpft nämlich mit den Blauen um Platz 2. Sie wäre bei der Nationalratswahl 2017 bereits auf dem dritten Platz hinter der FPÖ gelandet, hätte sie nicht von den Grünen eine Menge Leihstimmen bekommen.

Die Meinungsforscher stimmen darin überein, dass rund zehn Prozent der auf die SPÖ entfallenen Stimmen eigentlich Grün-Wähler waren, die aus taktischen Gründen für einen roten Bundeskanzler votiert haben. Diese Stimmen – und das ist die zweite große Wählerbewegung, die derzeit stattfindet – fließen wieder zu den Grünen zurück.

Mathematisch ausgedrückt: Die SPÖ startet nicht von den 27 Prozent des letzten Wahlergebnisses, sondern eigentlich nur von 24 oder 24,5 Prozent. Und mit diesem Wert kommen sie den Freiheitlichen schon gefährlich nahe. Die haben 2017 26 Prozent erreicht. Je mehr die Freiheitlichen davon behalten, umso näher kommen sie der SPÖ.

 

Die Sozialdemokraten selbst haben im Moment aus keiner Ecke nennenswerte Zuflüsse.

Die Grünen hingegen sammeln von rundherum Stimmen ein. Ihre eigene Basis von 2017 beträgt 3,8 Prozent.

Die Abspalterliste Pilz erreichte damals 4,4 Prozent. Davon geht fast alles zu den Grünen zurück. Ein Meinungsforscher berichtet dem KURIER, man bekomme bei Befragungen oft den Satz zu hören: „Es war der größte Fehler meines Lebens, 2017 nicht grün gewählt zu haben“.

Auch Sebastian Kurz hat 2017 Grün-Stimmen bekommen, wenn auch bei Weitem nicht so viele wie Rot und Pilz. Das Rekordergebnis der Grünen bei einer Nationalratswahl betrug 12,4 Prozent. Unter Meinungsforschern laufen bereits Wetten, ob die Ökos mit Werner Kogler an der Spitze die Marke im September überspringen werden.

Neuigkeiten gibt es auch vom Koalitionsgetuschel zu berichten. Mit Argusaugen wird bei verschiedenen Gelegenheiten beobachtet, dass Kurz Kogler auf die Seite ziehe, um mit den Grünen-Chef vertraulich zu reden. Andererseits soll durch die Neu-Aufstellung der Neos die Euphorie über eine mögliche Dreierkoalition Türkis-Grün-Pink bei den Türkisen merkbar abgenommen haben. Erstmals denken die Türkisen ernsthaft nach, vielleicht doch mit den Roten zu koalieren und überlegen neue Wege, um einen Rückfall in die alte Streit-Koalition zu vermeiden. Die Türkisen halten sich jedenfalls Optionen offen.