Pro-Erdogan-Demonstration auf der Mariahilferstraße

© KURIER/Franz Gruber

KURIER-Faktencheck
07/24/2016

Wie unsere Türken wirklich leben

Wie stark Vereine den Ton angeben und warum die Bindung an die (alte) Heimat so groß ist.

von Raffaela Lindorfer

Den oder die Türkin gibt es nicht. Statistisch gesehen lebt der Durchschnitt der rund 300.000 Menschen mit türkischen Wurzeln in Österreich in einem Haushalt mit 3,37 Personen, hat nur einen Pflichtschulabschluss (ca. 60 Prozent); die türkische Frau bekommt 2,4 Kinder.

Die Realität ist viel differenzierter, betont Elif Öztürk von der Initiative Muslimischer Österreicher (IMÖ). "Türke ist eine ethnische Kategorie, Moslem zu sein ist etwas religiöses. Man darf das nicht vermischen. Dazu kommen auch immer individuelle Prägungen", erklärt sie. Sie selbst bezeichnet sich als "österreichisch angehauchte Deutsch-Türkin", deren Lebensstil sich an ihrer Religion orientiert. Gemeinsame Nenner seien Rituale, Gebete und Feste.

Politik im Hinterzimmer

235 türkische Vereine verschiedenster Ausrichtungen sind quer über Österreich verteilt, geballt gibt es sie in Wien und dem vergleichsweise kleinen Vorarlberg. Einige Vereine betreiben Moscheen und Cafés. "Man trifft einander dort, man tauscht sich aus. Bei Festen isst und betet man. Manche wollen die arabische Schrift lernen, andere machen Handarbeiten", schildert Öztürk.

Den Vorwurf, dass Moscheen Hinterzimmer der Politik seien, weist sie zurück: "Natürlich spricht man in den Vereinen über Dinge, die einen bewegen. Das ist momentan eben die politische Lage in der Türkei, weil viele dort Verwandte und Freunde haben."

Derlei Vorwürfe kommen etwa von Birol Kilic, Obmann der Türkischen Kulturgemeinde: "Vorne wird gebetet und hinten beim Tee politisiert. Das hat da aber nichts zu suchen." Politik und Religion gehörten strikt getrennt.

Kilic verurteilt auch den türkischen Aktivismus in Österreich. Es werde versucht, die Angst der Menschen für politische Agitation auszunutzen. "Mich zwingt auch niemand, einen Tirolerhut zu tragen. Also sollen die Türken es unterlassen, am Heldenplatz in Wien nationalistische Parolen zu rufen. Sie nennen das eine Demonstration für die Demokratie – das ist eine Scheinheiligkeit sondergleichen."

Er hält den Regierungsparteien vor, den politischen Islam über die Jahre salonfähig gemacht zu haben – "unter dem Motto: ‚Toleranz und Solidarität‘". So bekämen meist nur deren Vertreter in der Öffentlichkeit eine Stimme. Die anderen, die modernen, seien die Mehrheit, aber kaum sichtbar – sie würden sogar mundtot gemacht.

Kilic hält es für einen Fehler, dass Bundeskanzler Christian Kern am Donnerstag nur konservative Islamvertreter zum Gespräch eingeladen hat: "Man sollte bitte aufhören, die Probleme der Türken und Muslime über die Moscheevereine lösen zu wollen." Und was macht "den modernen Türken" aus? – "Er hat dieselben Sorgen wie ein Österreicher: Job, Wohnung, Bildung, die Zukunft seiner Kinder", erklärt Kilic, der nicht müde wird zu betonen: "Wir lieben die Türkei und wünschen ihr nur das Beste. Aber unsere Zukunft liegt in Österreich."

Ideologischer Einfluss

Tatsächlich stünden ein Großteil der Vereine, die in den 80er- und 90er-Jahren in Österreich gegründet worden, auf einem politischen Fundament, sagt Politologe Thomas Schmidinger. "Sie haben sehr rasch eine Infrastruktur aufgebaut – kleine Heimatorte mit eigenen Geschäften, Friseuren, Teehäusern und Gebetsräumen. Und über die läuft oft eine ideologische Beeinflussung."

Im Dachverband der Islamischen Glaubensgemeinschaft (IGGiÖ) ist die ATIB (Türkisch-Islamische Union für kulturelle und soziale Zusammenarbeit) mit 63 Moscheen am stärksten vertreten. Dahinter die Islamische Föderation der Milli-Görüs-Bewegung mit 60, die Union Islamischer Kulturzentren mit 42. Die Türkische Föderation, die der rechtsnationalistischen Partei MHP nahesteht, betreibt 23 Moscheen.

Die Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD) wird als Dependance von Präsident Erdoğans AKP bezeichnet – und zuletzt kritisiert, weil sie in sozialen Medien den Aufruf verbreitet hat, Unterstützer des Putschversuches zu melden.

"Erdoğan spielt mit dem Feindbild, das er in Europa darstellt. Das Motto vieler lautet dann: Wir gegen den Rest der Welt", sagt Politologe Schmidinger. Er warnt – jetzt mehr denn je – vor Ausgrenzung: "Wer sich hier diskriminiert fühlt, wird sich noch stärker einer idealisierten Heimat zuwenden."

Mitarbeit: N. Frisch