Politik | Inland
10.12.2017

Wendepunkte, die Österreich prägen

Ein neues Werk spannt einen historischen Bogen vom Revolutionsjahr 1848 bis 2018.

Allein das Cover eines neuen Buches des Brandstätter-Verlages weckt Lust auf die Lektüre: Hardcover mit Leineneinband und Kupferschnitt, teures Papier und Lesebändchen. Die Jahreszahlen 1848, 1918 und 2018 stechen golden hervor und sind Chiffren für Altes und Neues.

Die Autoren – allesamt bekannte Intellektuelle – reflektieren über weitere 8er-Jahre: 1908 (bosnische Annexionskrise), 1938 (der so genannte Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland), 1968 (Studentenrevolte), 1978 (Chinas Aufbruch in den Westen), 2008 (Finanz- und Wirtschaftskrise und schließlich 2018 ( "Big Bang durch Big Data und globale Digitalisierung").

Am Beginn steht 1848: Ein Ruck geht durch Europa, Bürger begehren gegen die Obrigkeit auf, Karl Marx befeuert die Bewegung durch das Kommunistische Manifest, das im Revolutionsjahr 1848 erscheint. 1918 markiert einen Epochenwechsel: Die Nationalstaaten triumphieren nach dem Ersten Weltkrieg, die Monarchie geht unter, die Erste Republik wird gegründet. 2018 begeht die Republik 100. Geburtstag.

Heinz Fischer und Hannes Androsch nehmen diese Jubiläumsfeiern zum Anlass, darauf hinzuweisen, dass Geschichte nicht nur das Erzählen von Geschichten ist, sondern dass es auf das Erkennen von "Ursache und Wirkung" (Heinz Fischer im Prolog) und die Einordnung in internationale Zusammenhänge, in die "politische Weltarchitektur" ankommt (Hannes Androsch im Epilog).

Beiden Staatsmännern geht es darum, aus der Analyse der alten Welt die neue zu finden, dabei auch auf die sozialen Veränderungen und Herausforderungen zu reagieren, sowie die Entwicklung der Europäischen Union, die Rettung des Integrationsprojektes, im Blick zu behalten. Das verlangen Fischer und Androsch gerade vom österreichischen EU-Vorsitz, der ja mitten in die Republiksfeiern hineinfällt. Man muss die Beiträge in dem mit historischen Karten und Fotos angereicherten Werk nicht chronologisch lesen, man kann gleich einmal beim Kapitel 1968, dem "unterschätzten Wendejahr", beginnen.

Herbert Lackner unternimmt einen Streifzug durch die turbulente Zeit der Studentenrevolte gegen den Vietnam-Krieg in den USA, in Paris, Berlin, Wien und auch im damaligen Ostblock. Der "Prager Frühling" ist noch in Erinnerung. Der Publizist beschreibt nicht nur die neue, antiautoritäre Lebensweise der Studenten und Schüler, sondern auch Jugendbewegungen vor dem Ersten Weltkrieg, den "Schlurfs" in der Zwischenkriegszeit (Zusammenschluss Jugendlicher aus der Arbeiterschicht, die sich gegen Institutionen des Staates auflehnten) und dem Aufbrechen der alten, starren Strukturen in den ersten Jahren nach Ende des Zweiten Weltkrieges.

Einer soziologischen Studie gleich erklärt Lackner die spät einsetzende West-Orientierung der jungen Österreicher im Bruno Kreisky- und Rolling-Stones-Zeitalter. Mit dem Slogan "Leistung, Aufstieg, Sicherheit" hat der damalige Bundeskanzler Kreisky Anfang der 1970er Jahre einen Aufbruch initiiert, von dem das Land politisch, ökonomisch und kulturell heute noch profitiert.

Spannend skizziert der Historiker Bernhard Ecker – er ist einer der Herausgeber – , den Beginn der Modernisierung Chinas, wofür ein Name steht: Deng Xiaoping. Nach dem Tod von Staatsgründer Mao Zedong im Jahr 1976 startet Deng mit der Transformation des Riesenreiches. Die Öffnung erfolgt mit dem "Eingeständnis der eigenen Rückständigkeit. Nach Jahrzehnten der Selbstblendung suchte Deng die ’Wahrheit durch Fakten’", sagt Ecker.Das Buch zu beurteilen ist einfach: Es ist absolut lesenswert , informativ – und mit wichtigen Bezügen für die Gestaltung der Zukunft.

BUCHTIPPAndrosch/Fischer/Ecker (Hg.): 1948-1918-2018. 8 Wendepunkte der Weltgeschichte, Brandstätter Verlag, Wien 2017, 248 Seiten, 34,90 Euro.