„Big Brother“ kümmert sich um die Menschen, damit sie ja nicht krank werden – dafür müssen sie in vielen Ländern allerdings schon ein großes Stück Freiheit aufgeben.

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Politik Inland
06/07/2020

Was Sie über die Stopp Corona-App wissen sollten

Nur 300.000 Österreicher nutzen die App, wem sie gehört, ab wann sie funktioniert und warum sie manch einer deinstallieren musste.

von Johanna Hager, Christian Böhmer

Es wirkte ein wenig aus der Zeit gefallen, was Rudolf Anschober am Dienstag mit Vertretern von Ärztekammer und Rotem Kreuz (RK) versuchte: Wissend, dass die Infektionszahlen niedrig und die Lust der Österreicher auf Einschränkung oder Überwachung längst überschaubar sind, bewarb der Gesundheitsminister ein Programm, das fast vergessen ist, nämlich: die „Stopp Corona“-App.

Tatsächlich will die Regierung die App nicht einschlafen lassen, sondern sogar forcieren. Wie sinnvoll ist das? Was kann die App? Und warum sollten Bürger just in der Entspannungsphase der Corona-Krise auf eine bis dahin umstrittene App setzen?

Die Infektionszahlen sinken. Macht es Sinn, die „Stopp Corona-App“ noch auf das Handy zu laden?

Auf den ersten Blick irgendwie nicht. Derzeit sind rund 300 Menschen offiziell an Covid-19 erkrankt, von der Regierung beauftragte Studien im April kamen zu ähnlich geringen Fallzahlen. Anfang April hatten 0,33 Prozent der Bevölkerung eine akute SARS-CoV-2-Infektion, Ende April waren es 0,15 Prozent. Ergebnisse einer dritten Studie sollen Mitte Juni folgen.

App-Befürworter kontern all dem mit dem „Feuermelder“-Argument: Die App ist eine Vorsorge-Maßnahme, um Ausbrüche und Infektionsketten zu verhindern bzw. diese rasch zu unterbrechen – auch einen Feuermelder installiert man nicht erst, wenn es brennt, sondern vorsorglich. Solange es keine Schutzimpfung gibt, kann niemand gänzlich ausschließen, dass es zu größeren Ausbrüchen oder einer zweiten Welle kommt.

Was genau tut die App?

Die App dokumentiert alle Kontakte des Smartphone-Besitzers – und zwar für die letzten 54 Stunden. Technisch funktioniert der „digitale Handshake“ so: Die App erkennt, wenn auf einem anderen Mobiltelefon die App installiert ist und kann automatisiert überprüfen und speichern, ob beide Handys zumindest 15 Minuten lang in einem Abstand von weniger als zwei Metern waren. Wenn ein App-User einen positiven Covid-19-Test erhält und der App meldet, kann die App alle Kontakte der vergangenen 54 Stunden benachrichtigen und so helfen, eine Ausbreitung zu verhindern. Das ist im Übrigen auch genau das, was Behörden bei einer positiven Covid-19-Testung tun. Es wird ein Bewegungsprofil erstellt und geprüft, mit wem der oder die Erkrankte Kontakt hatte. Das digitale App-Tagebuch hat einen Vorteil: Es funktioniert automatisch, lückenloser und schneller als die Erhebung durch Gesundheitsbehörden.

Ich habe die App und bin erkrankt: Was muss ich tun? Und was, wenn ich wieder gesund bin?

"Wir glauben an die Eigenverantwortung der Nutzer“, sagt Bundesrettungskommandant Gerry Foitik vom Roten Kreuz. Wer positiv getestet ist, meldet dies der App und damit automatisch den in der App gesammelten Kontakten. Wer wieder gesund ist oder irrtümlich falsche Angaben macht, der musste bis dato die App deinstallieren. Seit einem Update ist das nicht mehr notwendig.

Ist eine solche App nicht die völlige Aufgabe der Privatsphäre?

Nein. Die App funktioniert anonym. Die Kontakte der User werden nur auf dem Telefon gespeichert, sind von außen nicht zugänglich. Meldet sich ein Nutzer als krank, wird nach der Handynummer gefragt und ein TAN übermittelt, mit dem alle anderen in seinem Kontakt-Tagebuch eine anonymisierte Warnung bekommen. Die App wurde mittlerweile geprüft – Datenschützer wie Max Schrems attestieren Datenschutzfreundlichkeit. Dies heißt, dass Gesundheitsbehörden auch nachträglich nicht auf Fälle zugreifen können.

Wie viele Menschen müssen die App haben, damit sie gut funktioniert?

"Die App ist umso wirksamer, je mehr Menschen sie nutzen“, sagt Foitik. Experten rechnen damit, dass 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung die App verwenden müssten, damit sie effektiv helfen kann. Demgemäß müssten 5,3 Millionen Österreicher die App haben. Derzeit sind es 600.000, wobei nur die Hälfte der User die App nutzt bzw. die wichtigsten Funktionen auch freigeschalten hat.

Nicht jeder hat ein Handy oder will es für die App nutzen. Gibt es Alternativen?

Nein, derzeit funktioniert die App nur am Handy. „Unsere Entwickler arbeiten an einem Konzept. Wir evaluieren verschiedene Lösungen, auch Beacons als Schlüsselanhänger sind im Gespräch“, heißt auf KURIER-Nachfrage.

Wer profitiert von der App, was kostet und wem gehört sie?

Das Österreichische Rote Kreuz, die Firma Accenture und die Uniqa Privatstiftung haben die App entwickelt. Für Entwicklung, Betrieb und Weiterentwicklungen stehen zwei Millionen Euro aus einer dafür zweckgewidmeten Spende der Privatstiftung zur Verfügung. „Mitte Juli wird eine Plattform gegründet, Vertreter aus dem Gesundheitsbereich, Sozialpartner, Religionsgemeinschaften und Datenschützer sind eingeladen, die App mitzugestalten“, heißt es seitens des RK. Was die Kosten für die Werbung betrifft, wurde die Kampagne vom Roten Kreuz initiiert, die Kosten für Kampagnenentwicklung und Produktion werden vom Roten Kreuz aus dafür zweckgewidmeten Großspenden finanziert. Die Inseratenkosten für die Kampagne übernimmt das Bundeskanzleramt.

Gibt es Erfahrungswerte mit ähnlichen Apps aus anderen Ländern – beispielsweise aus Asien?

Vergleiche sind nur bedingt möglich und sinnvoll. In Europa besteht die Herausforderung darin, dass eine Anti-Corona-App zwei Dinge schaffen muss, die auf den ersten Blick schwer vereinbar sind, nämlich: der maximale Schutz von Grundrechten und Privatsphäre bei einer gleichzeitig möglichst detaillierten digitalen Dokumentation der Kontakte. In asiatischen Ländern wie China oder Taiwan ist der Schutz der Privatsphäre mit Auftreten des Virus in den Hintergrund getreten: De facto alle verfügbaren Daten (Meldedaten, GPS-Informationen, Telefonnummern, etc.) wurden innerhalb von nur wenigen Tagen miteinander verknüpft. In Europa oder den USA ist derlei aus gesetzlichen und gesellschaftspolitischen Gründen undenkbar.

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