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Integration
09/21/2015

Was Flüchtlinge jetzt rasch brauchen

Österreich setzt auf Sprache, Bildung und Arbeit. Wie können Migranten in der neuen Heimat reüssieren?

von Bernhard Gaul, Stefan Schett

Die EU-Grenzschutzagentur Frontex gab bekannt, dass im August 156.000 Migranten in die EU gekommen sind. In den ersten acht Monaten des Jahres seien es mehr als 500.000 Flüchtlinge gewesen – die Zahlen könnten aber auch weit höher liegen. Da zurzeit nicht absehbar ist, dass sich Kriegsgebiete wie in Syrien und dem Irak oder Konfliktherde wie in Afghanistan in naher Zukunft beruhigen, und damit auch nicht über eine Rückkehr der Flüchtlinge nachgedacht werden kann, müssen die EU-Staaten größtes Augenmerk auf eine sinnvolle Integration der Menschen legen. 100.000 Flüchtlinge dürften allein in Österreich um Asyl ansuchen.

Wie aber sollen die Tausenden Menschen, die voraussichtlich dauerhaft in Österreich bleiben, in die Gesellschaft und am Arbeitsmarkt integriert werden? Die Sorge in der Bevölkerung ist groß, dass einige von ihnen diesen Anschluss verpassen und in Parallelgesellschaften abdriften.

Wie integrieren?

Für Heinz Faßmann, Experte für Migration und Integration an der Uni Wien, gibt es drei Grundsäulen der Integration: Sprache, Bildung und Arbeit.

Was also macht Österreich – und wie versuchen eigentlich andere EU-Staaten, Menschen zu integrieren?

In Österreich erhalten Flüchtlinge erst mit ihrem positiven Asylbescheid eine Arbeitserlaubnis. Davor dürfen sie nur in Ausnahmefällen arbeiten. Die Grundversorgung des Bundes kann bis zu vier Monate weiter in Anspruch genommen werden, danach können anerkannte Flüchtlinge wie jeder Österreicher die Mindestsicherung beziehen – das sind rund 820 Euro pro Einzelperson, bei Ehepaaren 620 Euro pro Person und 190 Euro pro Kind und Monat, außerdem gibt es Anspruch auf Familienbeihilfe.

Um eine Integration in die Gesellschaft überhaupt erst möglich zu machen, bekommen Flüchtlinge Deutschkurse, unter anderem am AMS. Sollte jemand diesen nicht besuchen, muss er mit Sanktionen rechnen – die Mindestsicherung wird zuerst um 25, dann um 50 Prozent und schließlich komplett gestrichen, heißt es vonseiten der Stadt Wien.

In Schweden, das als Musterland für Integration gilt, ist die Politik noch kooperativer. Wer dort Asyl bekommt, hat zwei Jahre lang Anspruch auf Sprachkurse und Praktika. Damit das auch bewältigt wird, hat jeder Migrant einen persönlichen Betreuer, der berät und vermittelt. Er kann auch Anreize setzen und gelungene Integrationsschritte – etwa einen neuen Job – auch finanziell belohnen.

Dennoch ist auch in Schweden nicht alles rosig. Mehr als sieben Jahre dauert es im Durchschnitt von der Ankunft im Land bis zum ersten Job, belegt der unter Experten umstrittene "Migrant Integration Policy Index 2015". Und nach zehn Jahren verdienen Migranten in Schweden immer noch nur die Hälfte eines durchschnittlichen Schweden. Das liegt auch daran, dass der schwedische Arbeitsmarkt eher Hochqualifizierte sucht.

In Deutschland ist der Lohnunterschied zwischen Migranten und Einheimischen so niedrig wie in keinem anderen EU-Land. Das liegt auch daran, dass Flüchtlinge dort eher im Niedriglohnsektor beschäftigt sind – und auch gebraucht werden.

Dieses Wochenende tagte eine Klausur der bayrischen CSU zu dem Thema, überlegt werden Verschärfungen der Regeln. Etwa, dass teure Qualifikationskurse dem Migranten in Rechnung gestellt werden, wenn der Kurs frühzeitig abgebrochen wird.

In Frankreich sorgt der streng laizistische Kurs (strikte Trennung von Kirche und Staat) für massive Probleme. Besonders nach den Unruhen in den Pariser Vororten versuchte die Regierung mit Gesetzen zur "Gleichheit der Bürger" gegenzusteuern. Zentrale Maßnahmen sind Programme zur Bildungs- und Arbeitsmarktförderung. Eingeführt wurde zudem der anonyme Lebenslauf bei der Rekrutierung neuer Mitarbeiter für Unternehmen ab 50 Mitarbeitern. Bewerbungsunterlagen dürfen künftig kein Foto, keinen Namen und keine Informationen zu Herkunft, Geschlecht und Adresse beinhalten.

Experte Heinz Faßmann ist dagegen, mit Strafbestimmungen zu drohen. Österreichs Mindestsicherung sei Anreiz genug, um anzunehmen, dass Flüchtlinge selbstverständlich auch Deutschkurse absolvieren. Für Faßmann sind Integrationsmaßnahmen immer auch "eine Frage der Finanzierbarkeit".

Als Beispiel für eine schnell machbare Aufgabe nennt Faßmann die baldige Anerkennung von Bildungsabschlüssen, was die Bundesregierung auch machen will. Konkret können diese durch Kompetenzchecks, wenn nötig auch durch kommissionelle Prüfungen, umgesetzt werden. Die kurzfristigen Kosten solcher Maßnahmen würden die langfristigen mehr als decken. Zudem seien Flüchtlinge auch wachstumsfördernd – durch mehr Steuerzahler, was auch mehr Geld für den Staat bedeute.

Wie Migranten unsere Sprachen lernen

Es sieht aus wie eine ganz normale Schule: Ein junger Mann bietet einen Stuhl an und sagt höflich "Grüß Gott". Die Lehrerin gibt ihm einen Würfel, auf dem die deutschen Artikel "der", "die" und "das" stehen. Nachdem er würfelt, nimmt er sich ein Bild von einem Wort, das dazupasst. Dann gibt er den Würfel weiter.

Die Schüler sind Flüchtlinge, allesamt junge Erwachsene aus Syrien, dem Irak und Somalia. Im Kursraum von Interface Wien können sie Deutsch lernen und bekommen Hilfe zur Existenzsicherung in der neuen Heimat. Der junge Somali, Abdi, würfelt ein "die". Zuerst will er die Banane nehmen, aber er ist sich nicht sicher. Dann entscheidet er sich für das Bild einer Kirsche und sagt stolz: "die Kirsche". Er freut sich über seine richtige Antwort. Das Thema im Unterricht ist "Essen" – der Kurs behandelt Themen des täglichen Lebens. "Wir wollen Lust auf die deutsche Sprache wecken", erzählt Geschäftsführerin Margit Wolf. Kursarbeit und Tests erfüllen internationale Standards, das Sprachdiplom ist ein wichtiger Schritt für ein selbstständiges Leben. Wolf: "Pflichtschulabschluss ist das Minimum, oberstes Ziel ist Arbeit."

"Zur Not unterhalten wir uns mit Händen und Füßen", sagt Sozialarbeiter Martin Lacroix. Unterrichtet wird von Muttersprachlern – ehemalige Flüchtlinge, die jetzt eine Ausbildung zum Betreuer haben. "Für Arabisch haben wir sechs oder sieben Muttersprachler im Haus", so der Sozial- und Lebensberater.

Das Geld dafür kommt aus Europa (Europäischen Sozialfonds (ESF), vom Bildungsministerium und der Stadt Wien. Gelehrt wird Praktisches: Eine Wohnung suchen, ein Bewerbungsgespräch führen und sich in Wien orientieren. Besonders Wert wird auch auf Themen für Junge gelegt – Verhütung, Suchtprävention, und Konfliktlösung ohne Gewalt.

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