Politik | Inland
09.08.2018

Zusehends verschärfte Lage: Warum uns Fachkräfte fehlen

Gute Konjunktur und beste Auftragslage, aber man kommt mit der Ausbildung nicht nach. Karrierechancen werden unterschätzt.

Wer jung ist, kürzlich die Schule abgeschlossen hat und eine Karriere in einem technischen oder handwerklichen Beruf anstrebt, kann sich glücklich schätzen: Er bzw. sie ist begehrt wie nie. „In dem Moment, wo so jemand aus der HTL kommt, hauen sofort fünf Firmen ihre Krallen hinein“, beschreibt es Andreas Wimmer, Chef der Jungen Industrie (JI), bildlich.

Wieso wir seit Jahren über Fachkräftemangel reden, sich die Lage aber zusehends verschärft, hat der KURIER mit Experten besprochen.

Gute Konjunktur verschärft aktuelle Situation

Die Wirtschaft floriert – und setzt viele Unternehmen unter Zugzwang. Eigentlich ein „schönes“ Problem, meint Martin Gleitsmann, Leiter der Abteilung Sozialpolitik bei der WKO: „Große Unternehmen wie Magna oder Infineon, aber auch kleine und mittlere Unternehmen, schaffen gerade Tausende Arbeitsplätze, man kommt aber mit der Ausbildung nicht mehr nach.“

Der Lehrberuf wurde zu lange unter Wert gehandelt

Gleitsmann: „Wir müssen massiv gegensteuern und aufklären, dass eine Lehre erstaunliche Karrierechancen und sichere Arbeitsplätze bietet. Das wird unterschätzt.“ Derzeit sind rund 16.000 Lehrstellen offen. Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck hat sieben neue Lehrberufe eingeführt, etwa den E-Commerce-Kaufmann. Selbst wenn die Regierung jetzt den Turbo einlegt und die Lehre attraktiviert, greifen die Maßnahmen erst Jahre später – bis dahin fehlen die Kräfte. Dazu kommt der demografische Wandel: Es gibt schlicht zu wenig junge Menschen.

Qualifizierte können sich ihre Stelle aussuchen

Im Personalbereich, etwa in Handwerksunternehmen, sind die Rollen vertauscht, bestätigt Wimmer, selbst Chef eines Familienbetriebs: „Wir müssen uns bei den Qualifizierten bewerben und ihnen auch langfristig ein attraktives Arbeitsumfeld bieten, damit sie bei uns bleiben.“ Es sei (Un-)Sitte geworden, dass ein Betrieb beim anderen Mitarbeiter abwirbt. Die Entlohnung sei nicht der wichtigste Anreiz – es gehe oft um flexible Arbeitszeiten oder Prestige.

In Pflege und Tourismus ist die Fluktuation hoch

Pflegeberufe sind nur körperlich, sondern auch psychisch auf Dauer zehrend, zudem sind je nach Anbieter Bezahlung und Job-Sicherheit sehr unterschiedlich – und die Aufstiegschancen überschaubar, weiß AMS-Experte Marius Wilk. Auch im Tourismus gilt: „Ein Betrieb muss seinen Mitarbeitern etwas bieten, dann kommen sie in der nächsten Saison wieder.“

Rund um Österreich hat sich die Lage verbessert

Der Klassiker im Ski-Gebiet war lange der ostdeutsche Kellner – der hat es jetzt, da sich die deutsche Wirtschaft erholt hat, nicht mehr nötig, nach Österreich auf Saison zu gehen. „Viele Nachbarländer haben uns überholt, wir sind beim Arbeitsmarkt auf Platz neun gerutscht. Tschechien hat derzeit die niedrigste Arbeitslosenquote in der EU“, erklärt Gleitsmann.

Wenige wollen für Job den Wohnort wechseln

Es ist das viel zitierte Ost-West-Gefälle: Im Osten gibt es viele Arbeitslose, im Westen viele Jobs. Die WKO hat eine Initiative gestartet, um Asylberechtigte aus den Ballungsräumen in die Peripherie zu holen. Gleitsmann: „Es beginnt ein Umdenken, aber wir müssen noch viel tun.“

Zuwanderer alleine lösen das Problem nicht

Für die Rot-Weiß-Rot-Karte, mit der qualifizierte Drittstaatsangehörige nach Österreich geholt werden, sollen die bürokratischen Hürden gesenkt werden – das befürworten WKO und Industrielle. Es ist aber nicht der Weisheit letzter Schluss. „In erster Linie sollten wir die, die schon hier sind, bestmöglich ausbilden“, betont JI-Chef Wimmer.