Wahlkampf: Der Kanzler und der "Häuptling aus Ghana"

BETRIEBSBESUCH HERBA CHEMOSAN: KERN / WINDISCHBAUE
Foto: APA/HERBERT NEUBAUER Windischbauer, Kern und Mitarbeiter Mike

Bei einem Betriebsbesuch forderte Christian Kern die Verlängerung der Aktion 20.000.

Halb elf Uhr vormittags und schon bekommt Christian Kern eine Frage, bei der man als Politiker nur verlieren kann: "Was glauben Sie, wie alt ist unser Mike?", fragt der Betriebsratschef.

Ein Schätzspiel bei einem Betriebsbesuch? Ups.

Herr Mike ist ein fröhlicher Geselle, das sieht man. Er kichert und gluckst.

Aber was soll er jetzt antworten, der Kanzler? Setzt er zu hoch an, ist es beleidigend; geht er zu weit unter das richtige Alter, wirkt er anbiedernd und peinlich.

Mike löst die Sache selbst: "Ich bin ein Häuptling aus Ghana. Und ich bin 59." Das sitzt! Keine sichtbaren Stirn-Falten? Und das mit 59? "Ich fühl’ mich hier zu Hause, bin stolz auf den Job." Die Fröhlichkeit ist Mikes Jugend-Elixier, ganz klar.

Ratternde Bänder

Zurück zum Kanzler: Rund um Kern rattern Förderbänder, Mitarbeiter schlichten Medikamente in Stahl-Regale. Der SPÖ-Spitzenkandidat ist beim Simmeringer Pharma-Großhändler Herba Chemosan – aus vielen Gründen: Zum einen hat das Unternehmen ein attraktives Angebot für ältere Mitarbeiter parat: Sie können fünf Jahre vor dem Pensionsalter ihre Arbeit auf 40 Prozent reduzieren, erhalten aber weiterhin 70 Prozent des Lohns. "Ein erfolgreiches Unternehmen braucht einen guten Mix zwischen Jungen und Älteren. Ältere bringen wichtige Erfahrungen mit ein", sagt Vorstandsvorsitzender Andreas Windischbauer.

Kern – und damit sind wir bei einem weiteren Grund, warum er hier ist – will die "Aktion 20.000" (20.000 Jobs für Langzeitarbeitslose über 50-Jährige im öffentlichen Bereich) verlängern. "Unsere Aufgabe ist, dass der Erfolg bei allen ankommt", sagt Kern. Es ist momentan die zentrale Wahlkampf-Botschaft der SPÖ.

A propos Wahlkampf: Der lief zuletzt nicht ganz rund. Von einem Richtungsstreit im roten Team war die Rede; zudem kam der SPÖ ihr Wahlkampfmanager abhanden. Die Konsequenz: In Umfragen liegt man konstant und deutlich hinter der ÖVP. Da stellt sich zwangsläufig die Frage: Glaubt Kern selbst noch an den Sieg? An diesem Vormittag scheint es so zu sein. Der Kanzler verliert sich mit dem Unternehmenschef in Fach-Debatten über "Gewinne", "Margen" und "Markt-Konkurrenz". Dazwischen posiert er für Selfies mit Mitarbeitern. Kern mag solche Termine. Daran können auch irritierende Schätzspiele wenig ändern.

Kern besucht Betrieb wegen Beschäftigung für über 50 Initiative.

(kurier) Erstellt am
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