Politik | Inland
23.04.2018

Wahlen: Glamour ist out, „Ernsthaftigkeit“ wieder in

Warum Schwarz, Grün und Rot zeitgleich Siege und Niederlagen einfuhren. Bürger entscheiden primär nach Personen.

Politik kann verdammt ungerecht sein. Niemand weiß das besser als Astrid Rössler.

Mit Tränen in den Augen stand die Salzburger Grünenchefin Sonntagabend in einem Lokal unweit der Universität und versuchte zu verstehen, was nicht zu verstehen war: Wie konnte man als stellvertretende Landeshauptfrau innerhalb von nur einer Legislaturperiode die Hälfte seiner Wähler verlieren? Noch dazu als stellvertretende Landeshauptfrau und am selben Tag, an dem in einer anderen Landeshauptstadt, nämlich Innsbruck, Parteifreund Georg Willi formidable 31 Prozent und möglicherweise sogar das Amt des Bürgermeisters erobert?

Eines vorweg: Es gibt eine schlüssige Erklärung für Rösslers Abschmieren. Und sie passt ganz gut zu all den anderen „Gegensatzpaaren“, die bei den jüngsten Landtagswahlen zu beobachten waren.

Ungleiche Paare

Welche Paare sind gemeint? Etwa das in der ÖVP: Während Salzburgs Parteichef Wilfried Haslauer beim Wahlergebnis um bis zu neun Prozentpunkte zulegen konnten, blieb sein Kärntner Kollege und Landesrat Christian Benger mit 15 Prozent hinter den Hoffnungen.

Oder das Beispiel der Sozialdemokraten: Peter Kaiser legte in Kärnten mehr als zehn Prozentpunkte auf 48 Prozent zu; kurz darauf kam Walter Steidl in Salzburg mit kaum mehr als 20 Prozent auf dem historisch schlechtesten Ergebnis seiner Landespartei zu liegen.

Nun ist in allen Fällen offenkundig, dass die Landeshauptleute so etwas wie einen Amtsbonus bei sich verbuchen durften.

Doch das allein erklärt die teils stark differierenden Wahlresultate längst nicht.

„Die Ergebnisse der Landtagswahlen bestätigen zweierlei: Erstens sind die Kandidaten wichtiger als die Partei. Zweitens geht es bei den Kandidaten nicht mehr um konventionelle Image-Faktoren wie Volkstümlichkeit oder Sympathie“, sagt Wahlforscher Fritz Plasser. Während in den 70er und 80er Jahren ein junges und dynamisches Auftreten mitunter genügt habe, weil die Österreicher ohnehin entlang von Partei-Präferenzen entschieden hätten, sei diese Systematik nun der „thematischen Kandidaten-Orientierung“ gewichen.

Was meint Plasser? „Es gibt so etwas wie eine neue Ernsthaftigkeit. Die Bürger bewerten, ob und wenn ja für welches Thema ein Kandidat steht. Und ob er oder sie hier authentische und seriöse Positionen vertritt.“

Vor allem in Kärnten und Salzburg seien nach diversen Finanz-Skandalen „Verlässlichkeit“ und „Vertrauen“ zentrale Motive geworden.

Wenig Glamour

Plasser ortet eine Abkehr vom Glamour. „Ein Peter Kaiser oder ein Wilfried Haslauer sind – bei allem Respekt – keine glamourösen Erscheinungen. Aber genau das wollten die Wähler nicht. Es geht um Zurückhaltung, Reflexion. Es gibt so etwas wie eine Phase der neuen Sachlichkeit.“

Eine neue Seriosität in der Politik? Plassers Kollege Christoph Hofinger (SORA-Institut) will nicht soweit gehen. „Faktum aber ist, dass die Bürger im Jahr 2018 weniger Parteien und eher Werthaltungen wählen.“

Everest-Expedition

Hofinger vergleicht Wahl-Entscheidungen mit einer Gipfel-Tour auf den Mount Everest: „Die Wähler sind wie Expeditionsteilnehmer im Basislager, die sich für die Tour einen Bergführer aussuchen müssen. Sie werden sich nicht für den Führer entscheiden, der das beste Marketing betreibt, der also den teuersten Overall oder den neuesten Eispickel hat, sondern für den, dem sie grundsätzlich bei der Route und in schwierigen Situationen am meisten vertrauen.“

Da ist es wieder, das Vertrauen. Kaum ein Faktor ist in der Beziehung Wähler-Politik ähnlich wichtig.

Doch wenn man davon ausgeht, dass die Österreicher Politiker wählen, denen sie bei wichtigen Entscheidungen vertrauen, warum wurde Astrid Rössler dann abgewählt? Immerhin ist sie vor fünf Jahren angetreten, um nach dem Spekulationsskandal für saubere Politik zu sorgen?

„Die sachliche Grünen-Chefin wurde fürs Aufräumen gewählt, und das hat sie geschafft“, sagt Hofinger.

Das Problem: Für die Wähler war damit die „saubere Politik“ erledigt. Und weil die Grünen keine anderen Reiz-Themen besetzen, waren recht bald auch sie und Astrid Rössler erledigt.