Politik | Inland | Wahl | Plan K
28.06.2017

Integration: Die größten Baustellen im Zuwanderungsland Österreich

Sprachbarrieren, zu wenig Identifikation mit österreichischen Werten, aber auch zu lange Asylverfahren erschweren das Zusammenleben mit Migranten.

Österreich ist ein Einwanderungsland. Allein 2016 wurde eine Nettozuwanderung von rund 113.000 Personen verzeichnet – ein Plus um 1,3 Prozent gegenüber dem Jahr davor. Laut Statistik Austria leben damit aktuell (Stand 1.1.2017) 8.722.865 Menschen in Österreich, davon sind 1.341.930 Ausländer. Und Schätzungen des Integrationsfonds zufolge sind 700.000 der 8,7 Millionen islamischen Glaubens.

Zwischen diesen und den Nicht-Muslimen wird das Zusammenleben am kritischsten bewertet, wie das Integrationsbarometer 2017 des Integrationsfonds ergab. Am zweitschlechtesten ist die Stimmung zwischen Mehrheitsbevölkerung und Flüchtlingen.

Deutsch lernen

Die Frage, ob der Islam zu Österreich gehört, wurde von den 1000 telefonisch befragten Österreichern eindeutig beantwortet: 76 Prozent stimmen dem nicht zu. Jeweils 80 Prozent waren für strengere Kontrollen in Moscheen und islamischen Kindergärten. Ebenfalls 80 Prozent sprachen sich für ein Vollverschleierungsverbot im öffentlichen Raum aus. Und auch, dass Oberösterreich die Mindestsicherung für Asyl- und Schutzberechtigte von 914 auf 560 Euro kürzte, fanden 72 Prozent der Befragten richtig.

Doch wie kann das Zusammenleben von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund besser gelingen?

Franz Wolf, Geschäftsführer des Österreichischen Integrationsfonds, sieht vor allem „erbrachte Leistung als Grundvoraussetzung“: „Menschen, die nach Österreich kommen, um hier ihr Leben zu gestalten, müssen möglichst rasch und gut Deutsch lernen; den Einstieg in die Erwerbstätigkeit schaffen, um selbsterhaltungsfähig zu werden; und Grundrechte, wie Freiheit, Demokratie, Menschenrechte oder die Gleichberechtigung von Mann und Frau respektieren und leben.“

Damit sind aber nicht nur Flüchtlinge und Zuwanderer gemeint. Auch unter bereits hier lebenden Menschen mit Migrationshintergrund sprechen viele nicht ausreichend Deutsch, um auf dem Arbeitsmarkt zu reüssieren oder ihren Kindern auf das für die Volksschule erforderliche Sprachniveau vorzubereiten.

„Missverhältnis“

„Mit Mindestsicherung, Familienbeihilfe und diversen Förderungen sehen viele keinen Bedarf, einen Beitrag zur Gesellschaft zu leisten“, meint Wolf. „Das ist ein Missverhältnis – der Staat darf das nicht länger unterstützen. Es muss eine Integrationsnotwendigkeit geschaffen werden – zum Beispiel durch einen leistungsbezogenen Bezug von Sozialleistungen.“

Zudem sei es notwendig, einen modernen und aufgeklärten Islam zu propagieren, sagt Wolf. Liberalen Muslimen müsse der Rücken gestärkt werden. Von der Islamischen Glaubensgemeinschaft würde er sich mehr Unterstützung erwarten – „diese müsste mehr Werbung für Deutsch- und Wertekurse machen“. Dies würde auch die Zustimmung, ob der Islam zu Österreich gehöre, positiv beeinflussen, so Wolf.

In dieselbe Kerbe schlägt Efgani Dönmez, Ex-Grüner und selbst liberaler Muslim: Solange es der heimischen Politik nicht gelänge, den Einfluss der Herkunftsländer auf „reaktionäre politische Islamverbände“ zu kappen, werde sich nichts ändern.

Sprachförderung nötig

Eine große Herausforderung für die Politik ist auch der Bildungsbereich: Aktuell haben etwa in Wien 50 Prozent aller Schüler nicht Deutsch als Umgangssprache. Das sagt zwar nicht unmittelbar etwas über deren Sprachkompetenz aus. Ein KURIER-Lokalaugenschein an einer Brigittenauer Volksschule mit 98 Prozent Migrantenanteil zeigt aber, dass einiger Bedarf an Sprachförderung besteht: Von 100 Kindern in der ersten Klasse nehmen 40 spezifische Unterstützungen in Anspruch, weil sie dem Unterricht sonst nicht folgen könnten. Finanziert werden die Maßnahmen vom Bund.

Die Förderangebote sind gerade in Wien breit gefächert, erklärt Patrick Wolf vom Stadtschulrat: Zusätzlich zum klassischen Unterricht und Sprachförderkursen sind „Mobile interkulturelle Teams“ aus Psychologen, Sozialarbeitern und Sozialpädagogen im Einsatz, die die Schulen bei der Kommunikation mit Eltern und Kindern unterstützen. Lehrer für Türkisch, BKS (Bosnisch, Kroatisch, Serbisch) und Arabisch festigen zudem die Sprachkenntnisse der Schüler in deren Muttersprache.

Und die Förderung wird ständig ausgebaut, sagt Bildungsstadtrat Jürgen Czernohorszky (SPÖ). Allein im Vorjahr hat die Stadt Wien 150 Personen für zusätzliche Sprachförderung finanziert. Zudem fordere man vom Finanzminister, „dass Mittel für Sprachförderung nicht weiterhin gedeckelt sein dürfen“.