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12.07.2017

Junge in der Lehre: Schlechtes Bild, gute Erfahrung

Die Lehre hat ein schlechtes Image, noch immer. Dem KURIER haben Lehrlinge erzählt, warum das ungerecht ist, was ihre Träume sind und womit sie noch immer zu kämpfen haben.

An den blau lackierten Fingernägeln von Chiara Nedimović klebt Mörtel. Aber das macht ihr nichts aus. "Ich wollte nie einen typisch weiblichen Beruf machen", sagt die 16-jährige Niederösterreicherin. Sie absolviert eine Lehre zur Maurerin/Schalungstechnikerin. In der Bauakademie im niederösterreichischen Guntramsdorf, wo Maurer-Lehrlinge noch zusätzliche praktische Ausbildung bekommen, verputzt Chiara mit Kollegen eine Mauer.

Wer über junge Menschen in Österreich spricht, vergisst oft auf die Lehrlinge. Dabei gibt es österreichweit (Stand 31.12. 2016) 106.950 Personen, die eine Lehre machen. Maurer ist einer der beliebtesten Lehrberufe – zumindest bei den Burschen. Der Mädchenanteil ist mit 5,4 Prozent gering.

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Chiara wundert das nicht. Nicht nur, dass viele Mädchen diesen Beruf gar nicht erst für sich in Erwägung ziehen. "Ich war am Anfang vier Monate arbeitslos", erzählt Chiara. "Keiner wollte ein Mädchen haben, weil die geglaubt haben, ein Mädchen will sich bei der Arbeit nicht dreckig machen." Aus Verzweiflung habe Chiara deshalb schon überlegt, doch eine Lehrstelle als Frisörin zu suchen. Dann wurde sie aber doch am Bau fündig.

Die 16-Jährige hat sich bewusst dazu entschieden, Maurerin zu werden. "Das Angebot ist riesig, es ist ein sicherer Job und man verdient viel", sagt Chiara. Und: "Man kann sich bis zum Polier hocharbeiten", sagt Stefan Ostermann (17), der auch in der Ausbildung zum Maurer steckt. "In unserem Beruf kann man Karriere machen."

Karriere

Tatsächlich ist die Lehrlingsentschädigung für Maurer mit 940 Euro brutto im Monat im Vergleich zu anderen Lehrberufen recht hoch. Stefan und Chiara sind sich dessen auch bewusst. "Eine Freundin von mir ist Frisörin und verdient im dritten Lehrjahr 650 Euro. Sie wohnt auch noch immer zu Hause, weil sie sich keine Wohnung leisten kann", erzählt die 16-Jährige. Auch sie lebt noch zu Hause – allerdings freiwillig – deshalb legt sie jedes Monat 400 Euro zur Seite. Später brauche sie sicher eine Wohnung und auch den Führerschein will sie machen. Auch ihr Kollege Stefan spart. Zurzeit, um sich eine eigene Wohnung mieten zu können. "Mein Bruder ist Kfz-Mechaniker, dem muss ich vielleicht auch einmal finanziell unter die Arme greifen."

Zweite Wahl

Die Lehre hat noch immer ein schlechtes Image. "Aber es ist besser geworden. Beim Bau ist das noch so eine Geschichte", sagt Igor Petrenko, Ausbildner in der Bauakademie. "Beim Maurer heißt’s immer, das machen nur die, die schlecht in der Schule sind." Manche würden deshalb zu einem weiterführenden Schulbesuch gedrängt. Auch Chiara und Stefan besuchten vor Beginn ihrer Ausbildung eine HTL, die sie abbrachen.

Magdalena Halbmayr (19) ist Konditorin in der Kurkonditorei Oberlaa. Sie habe oft gehört, sie sei doch so gut in der Schule und solle Matura machen. "Aber ich wollte einfach etwas Handwerkliches lernen", erzählt sie. Mittlerweile ist sie Gesellin und will die Meisterprüfung machen. Das dürfte kein Problem werden: Halbmayr ist Konditoren-Staatsmeisterin und fährt im Oktober zur Weltmeisterschaft der Berufe nach Abu Dhabi.

Auch Stefan und Chiara haben ihre Berufswahl nicht bereut: "Wir können einmal unser eigenes Haus bauen," sagen sie. Das ist ihr großer Traum.

„Jugendliche haben das Gefühl, nicht gut genug zu sein“

Er war Schulabbrecher und Lehrer, ist als Flüchtling nach Österreich gekommen und hat sich zum Manager hochgearbeitet. Heute ist Ali Mahlodji EU-Jugendbotschafter und Inspirationskünstler. Er hat das Start-up Whatchado („What do you do?“) gegründet und mit Vorträgen bisher 50.000 Jugendlichen in sieben Ländern neue Perspektiven aufgezeigt.

KURIER: Warum haben Jugendliche heute Schwierigkeiten, sich für einen Job zu entscheiden?
Ali Mahlodji: Ich werde zu Vorträgen geholt, weil die Jugendlichen angeblich keine Perspektive haben. Aber ich habe noch nie Jugendliche gesehen, die nicht wollen oder können, sondern nur welche, die das Gefühl haben, sie sind nicht gut genug.

Woher kommt das?
Am Tag deiner Geburt weißt du nicht, dass es so etwas wie eine Karriere gibt. Wir haben gelernt, aufzustehen und zu gehen. Wenn es hinfällt, macht das Kind einen Fehler, aber es weiß nicht, dass es ein Fehler ist. Für das Gehirn ist das der ganz normale Lernprozess. Aber dann passiert etwas: Du kommst in ein System – in dem Fall in die Schule –, wo du von Tag eins an lernst, gehorsam zu sein. Du lernst nicht, dir kreativ Inhalte zu erarbeiten, sondern musst Inhalte genau wiedergeben. Und du wirst benotet: Wenn du das gut machst, bist du ein braver Schüler. Wenn du das nicht gut machst, weil deine Talente das noch nicht hergeben, bist du nicht gut. Eine Bewertung kommt im Gehirn einer Verletzung gleich. Und dieses Kind wird dauernd bewertet. Erst, wenn du null Fehler machst, bist du gut.

Was ist heute anders als früher?
Wir müssen heute als Erwachsene verstehen, dass es früher zwei sichere Komponenten gab: den sicheren Arbeitgeber und den Staat, der sich später um uns kümmert. Beide dieser Systeme existieren zwar noch, aber sie geben nicht mehr dieselbe Sicherheit. Jugendliche heute sehen, dass es keine sichere Arbeit mehr gibt und das Pensionssystem auch nicht mehr stark ist – sie hören aber die ganze Zeit von den Eltern, dass sie sich für einen Job entscheiden müssen. Vor zehn Jahren wurden Kinder, die angefangen haben, auf YouTube Videos hochzuladen, von den Eltern ausgelacht. Heute gibt es den Job des YouTubers. Die haben Unternehmen gegründet, vier bis fünf Angestellte und eine größere Reichweite als der ORF und andere Fernsehsender zusammen.

Was können Erwachsene besser machen?
Sie müssen anerkennen, dass das Kind nicht weiß, was es in zehn Jahren macht. Wenn man Kindern das Vertrauen gibt, dass sie gut genug sind, wie sie sind, fangen die schlimmsten Kinder in den Brennpunktschulen plötzlich an, eigene Projekte zu entwickeln. Sie sagen, ich schaffe die Schule jetzt nicht, aber ich mache später die Abendschule. Solche Veränderungen gibt es laufend. Wenn die Eltern Druck machen, ist das, weil sie Angst haben. Dieses Wissen, dass es diese Sicherheit mit dem einen Job und der sicheren Pension nicht mehr gibt und dass die Kinder ihr eigenes Potenzial und ihre Flexibilität entdecken müssen, das ist der große Trick – auch bei der Lehrlingsausbildung.

Warum hat die Lehre ein schlechtes Image?
Die Lehre ist eine der besten Ausbildungen der Welt. Nach drei Jahren bist du im Normalfall eine wirklich gute Fachkraft. Bei der Berufsmesse vor ein paar Wochen habe ich von Großeltern gehört: Die Matura zählt, jemanden mit Lehre kann man abschreiben. Die Matura ist aber längst kein Garant mehr für einen Job. Wäre es dann nicht besser, Jugendliche dazu zu erziehen, dass sie verstehen, was sie gut können, wo ihr Potenzial liegt?

Wie sehr spielt das Geld eine Rolle bei der Entscheidung?
Je nachdem, wie sehr es die Eltern in den Mittelpunkt stellen. Ich habe Kindern erst unlängst wieder erzählt, wie es für mich war, Unternehmensberater zu sein, 5000 Euro im Monat zu verdienen. Ich hatte Aktien und einen Audi A4. Und ich habe ihnen erzählt, was für ein Gefühl das ist, wenn du nicht glücklich bist. Viele Kinder, die an Geld denken, haben das von zu Hause. Da wird Sicherheit mit Geld gleichgesetzt. Früher war es auch das wichtigste Gut. Heute suchen junge Menschen den Sinn in dem, was sie tun. Sie wissen, der Reiz nimmt ab, wenn der Job keinen Sinn ergibt oder keinen Spaß macht. Die Leute, die dem Geld hinterherrennen, sind auch die, die mit 50 meistens eine Lebenskrise haben. Wenn man die Ängste aus der eigenen Vergangenheit dem Kind weitergibt, kann man das Leben des späteren Erwachsenen ruinieren.

Was sagen Sie zu Menschen, die argumentieren, wenn jeder einen Job macht, der ihm Spaß macht, haben wir irgendwann ein Ungleichgewicht, weil jeder YouTuber werden und niemand in der Landwirtschaft arbeiten will?
Das ist einfach gelogen. Vor der Industrialisierung waren 70 Prozent der Menschen als Bauern selbstständig. Dann wurden diese Menschen von der Industrie mit Geld und Lebensstandard gelockt – und jetzt haben wir eine Gesellschaft, die Menschen am Arbeitsmarkt immer mehr unter Druck setzt. Die Zahl der Verschreibungen von Antidepressiva geht bei der Gebietskrankenkassa immer weiter nach oben – die Zahl der Krankenstandstage bleibt aber etwa gleich. Dieser Lebensstandard hat uns dazu gebracht, längst nicht mehr die Jobs zu machen, die wir wollen. Das Ungleichgewicht werden wir nicht haben, wenn alle machen, was sie wollen – das Ungleichgewicht haben wir jetzt.