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22.07.2017

Die Sucht nach dem Smartphone

Ständig online zu sein, ist selbstverständlich geworden – das verändert vor allem Jugendliche. Experten fordern mehr Bewusstsein dafür.

Ein Like hier, ein Emoji da, schnell mal durch die Timeline gescrollt und noch eine Runde auf Tinder geswiped. Letzteres kennen Sie nicht? Das ist eine Technik, bei der der Daumen auf dem Display nach links oder rechts wischt. Wer swiped, bewegt auch den Finger ohne Anheben über die Tastatur. Die "Generation Daumen" schafft damit locker, 50 Wörter pro Minute zu schreiben.

Im digitalisierten Alltag ist all das längst selbstverständlich geworden. Smartphone, Tablet und Notebook gehören für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene zum Leben. Die Digital Natives kennen es nicht anders. Mehrere Stunden täglich im Internet zu verbringen, ist für sie völlig normal.

Dabei zeigt sich: Die Nutzer werden immer jünger. Eine deutsche Untersuchung ergab, dass bereits 75 Prozent der Zwei- bis Vierjährigen täglich mehr als 30 Minuten mit dem Smartphone spielen. Der Mini-Computer mit Telefonfunktion hat damit eine Sonderstellung: "Es ist das moderne Allzweckmesser, das man rund um die Uhr dabei hat und das überall einsetzbar ist", sagt Christian Montag von der Abteilung für Molekulare Psychologie an der Universität Ulm.

Langzeitfolgen

Verändert das die Menschen? Noch ist es zu kurz, um etwaige Langzeitfolgen zu sehen. Das Internet ist vor etwa 25 Jahren in den Alltag eingezogen, das Smartphone vor zehn Jahren – "das Phänomen ist noch so neu, dass größtenteils die Erfahrung fehlt", sagt Prim. Kurosch Yazdi. Der Psychiater leitet am Kepler Universitätsklinikum Linz eine Abteilung mit Schwerpunkt Suchtmedizin.

Studien zeigen diesbezüglich erste Ergebnisse, sagt der Psychologe Montag: "Es gibt erste empirische Hinweise, dass die problematische Nutzung mit Aufmerksamkeitsdefiziten und Empathie-Einschränkungen in Zusammenhang stehen." Bei kleinen Kindern verhindert der Non-stop-Blick ins Smartphone, Emotionen im Gesicht anderer zu lesen und zu deuten – auch von nahen Bezugspersonen. "Wenn diese Fähigkeit nicht ausreichend gelernt wird, könnte das zu sozial inkompetenteren Kindern führen." Fingerübungen mit technischen Geräten ersetzen häufig das Spiel im Freien – auch das könnte fatale Folgen haben, sagt Montag: "Herumtollen und mit anderen Kindern spielen ist enorm wichtig für die Entwicklung von sozialen Kompetenzen und die Grobmotorik. Es ist bedeutend für die gesunde Reifung des Gehirns."

Die Affinität beginnt bereits bei den Eltern, die ständig mit dem Smartphone hantieren. "Kinder lernen am Modell und ahmen Erwachsene nach", betont Montag. Der deutsche Kinderpsychiater Michael Hinterhof spricht in einem Interview mit "Business Insider Deutschland" von ständiger Reizüberflutung – ein Teufelskreis. Denn oft wird erst wieder das Internet gewählt, um Kinder rasch zufrieden zu stellen. So entwickle sich aber keine Frustrationstoleranz – eine wichtige Fähigkeit, um im Alltag zu bestehen. Etwa, wenn das Kind nicht sofort das bekommt, was es will. "Je jünger ein Kind ist, desto mehr müssen die Eltern Einschränkungen aussprechen ", betont Yazdi. "Das ist eine Bringschuld der Eltern und gehört zum Erziehen." Ein Dreijähriger könne nicht selbst über seinen Schokoladekonsum entscheiden, ein Elfjähriger nicht über eine vernünftige tägliche Internet-Dosis. Bei Älteren sind andere Strategien gefragt: "Da geht es weniger um Einschränkungen als ums Schaffen von Bewusstsein, indem man miteinander darüber redet."

Zwölfjährige süchtig

Wenn die Smartphone-Nutzung zwanghaft wird oder man Angst hat, etwas zu verpassen ("fomo" – Fear of missing out), besteht das Risiko einer Suchtgefährdung.

Je nach Untersuchung sind drei bist fünf Prozent aller Kinder und Jugendlichen betroffen. Sie werden immer jünger, bemerkt Yazdi. "Früher hatten wir vor allem Studenten in der Klinik, heute kommen Zwölf- und 13-Jährige, die internet- und spielsüchtig sind." So richtig darauf eingestellt hat sich das Gesundheitssystem noch nicht. "Das Angebot ist weit unter dem Bedarf." Er fordert eine flächendeckende Versorgung – zumal das Problem eher größer als kleiner werden wird.

Die Grenze zur Sucht definiert Yazdi so: "Dort, wo normales Leben deutlich beeinträchtigt ist oder wo ich es nicht mehr ohne Leistungseinbußen schaffe." Gute Schüler sacken dann in der Schule ab, Lehrlinge verbocken Arbeitsstücke. Auch die sozialen Kontakte im Familien- und Freundeskreis nehmen ab, weil der Jugendliche stunden-, tage- oder gar nächtelang vor dem Computer sitzt und spielt.

Dazu kommt, dass den Betroffenen das Bewusstsein fehlt, ein Problem zu haben. "Für sie ist das normal – das Problem haben eher die anderen, also Eltern oder Lehrer." Das sind Mitgründe, warum die Behandlung der jugendlichen Internetsucht so schwierig ist. "Anders als Erwachsene spüren sie nicht, dass sich Suchtmechanismen aufbauen", erklärt Yazdi. "Das Gehirn unterscheidet nicht zwischen einzelnen Süchten, die Mechanismen sind immer sehr ähnlich, egal ob Drogen-, Nikotin- oder eben Internetsucht. Es kommt zu klassischen Entzugserscheinungen wie massive Nervosität, Schlafstörungen, extreme innere Anspannung und Reizbarkeit."

Die Behandlung verläuft auf verschiedenen Ebenen – sofern die Betroffenen das wollen. In Gruppentherapien wird etwa erarbeitet, warum einem das Internet so wichtig ist oder wie ein Leben ohne aussehen könnte. Yazdi: "Es geht darum, einen Weg zur Internetnutzung zu finden, die nicht schadet. Es ganz aus dem Alltag zu verbannen, ist heutzutage unrealistisch." Das sieht auch Psychologe Montag so: "Abstinenz ist heute kein Ziel. Es muss Medienkompetenz erreicht werden, etwa, indem man Selbstregulationsfähigkeiten fördert."

Eltern haben nicht nur in der Vorbeugung und Erziehung, sondern auch in der Suchttherapie eine wichtige Rolle. "Je jünger das Kind, desto wichtiger der pädagogische Teil zu Hause", betont der Linzer Suchtexperte Yazdi. "Wir unterstützen die Eltern dabei, wie es funktionieren könnte." Es gibt am Uniklinikum eine Elterngruppe internetsüchtiger Kinder, die sich regelmäßig mit einem Psychotherapeuten trifft. "Es werden gemeinsam individuelle Lösungen erarbeitet. Die Eltern profitieren auch gegenseitig von Erfahrungen."

Völliger Rückzug aus der digitalen Welt ist heute kaum möglich. Beim Trendwort „Digital Detox“ – digitale Entschlackung – geht es auch gar nicht darum, dem Handy komplett zu entsagen. „Wir verlernen aktuell, die schönen, kleinen Dinge im Leben zu schätzen, weil wir durch diese Geräte permanent abgelenkt werden. Zusätzlich wird der Alltag fragmentiert“, erklärt Christian Montag, Psychologe an der Universität Ulm. Etwa, wenn wir bei einem Konzert verwackelte Handyvideos machen, statt die Bühnenshow zu genießen.

Speziell Jugendliche und junge Erwachsene können kaum mehr in den Offline-Modus wechseln. Ulrike Stöckle hat sich ganz auf „Digital Detox“ spezialisiert – nachdem sie selbst nicht mehr abschalten konnte. Heute berät sie mit ihrer Agentur Unternehmen, sowie Berufstätige und veranstaltet Seminare und Detox-Camps für Jugendliche und Studenten. Die Idee dazu kommt aus den USA, ironischerweise direkt aus dem IT-Mekka Silicon Valley. Der Bedarf ist da: „Es beginnt eine Gegenbewegung unter den jungen Menschen, die bemerken, dass sie das Smartphone zu intensiv nutzen.“

In den zweitägigen Detox-Camps müssen die Teilnehmer ihre Handys abgeben, um sich besser auf sich und ihre Umgebung konzentrieren zu können. Sie finden in Klostern ebenso statt wie im Wald, in Seebädern oder in Abenteuer-Parks. „Es geht darum, sich zu spüren und es mit sich selbst auszuhalten. Das können viele nicht mehr. Im Camp entsteht dann auch wieder direkte Interaktion untereinander.“ Vermittelt wird aber auch, dass man nichts versäumt, wenn man nicht ständig erreichbar ist.

Einen Tipp gibt sie ihren Teilnehmern mit, egal ob Camp oder Seminar: „Schaffen Sie sich wieder einen Wecker an. Das Handy dafür zu brauchen ist nur ein Alibi, es auch im Bett noch zu nutzen.“