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Interview
12/11/2019

Vitali Klitschko: "Russland setzt auf die Destabilisierung der EU"

Vitali Klitschko, Bürgermeister von Kiew und Ex-Profiboxer, spricht über den Ukraine-Konflikt, Sanktionen und die Wirtschaft.

von Thomas Pressberger

KURIER: Wie erleben Sie den Konflikt in der Ostukraine?

Vitali Klitschko: Seit 2014 ist unser Leben weitgehend vom Krieg in der Ostukraine bestimmt. Die Ukraine verteidigt ihre Unabhängigkeit und Freiheit. Die Kosten für unseren Kampf sind sehr hoch. 13.000 Ukrainer wurden getötet, rund 1,5 Millionen innerhalb des eigenen Landes vertrieben. Wir geben 60 Prozent unseres Bruttoinlandsprodukts für die Verteidigung aus. Seit fünf Jahren versucht die Ukraine, den Konflikt zu lösen und der russischen Aggression diplomatisch zu begegnen. Aber wir sehen, dass Russland versucht, die Situation in der Ukraine weiter zu destabilisieren. Russland versucht sein Imperium wiederherzustellen. Aber die Ukraine hat ihren Weg gewählt. Unsere Zukunft liegt in Europa, mit demokratischen Werten, Freiheit und europäischen Lebensstandards.

Wie könnte eine Lösung aussehen?

Nur lokale Wahlen im Donbass können eine politische Einigung des Konflikts herbeiführen. Als ersten Schritt muss Russland sein Militär abziehen und die Okkupation in den Regionen um Donezk und Luhansk beenden. Dann muss die Ukraine die Kontrolle über dieses Territorium wiedergewinnen. Erst dann kann man über Wahlen sprechen. Andernfalls würden wir die selbst ernannte Republik legalisieren und damit eine Grauzone schaffen, die ein ganzes Land destabilisieren würde. Das darf nicht passieren.

Die Wirtschaftssanktionen gegen Russland sind umstritten. Was halten Sie davon?

Die russische Expansion wird nicht von selber verschwinden. Die Sanktionen sind das effizienteste Werkzeug, um die russischen Aggressionen einzudämmen. Solange die territoriale Integrität der Ukraine nicht wiederhergestellt ist und die Ostukraine und die Krim durch russische und von Russland unterstützte Kräfte okkupiert ist, müssen die Sanktionen verstärkt werden. Uns ist bewusst, dass manche europäischen Länder ihre Beziehung zu Russland neu beginnen wollen und es eine Ermüdung bezüglich dieses Themas, den Krieg in der Ukraine, gibt. Wir sind dankbar, dass die EU trotzdem die Sanktionen gegen Russland erneut verlängert hat.

Was denken Sie über den Aufstieg populistischer und rechter Kräfte in Europa?

Aufgrund unserer eigenen schmerzhaften Erfahrungen ist es für uns augenscheinlich, dass das europäische Projekt, das auf gemeinsamen Werten basiert, von starken internen und externen Kräften bedroht ist. Russland hat die Destabilisierung der EU zu einem seiner außenpolitischen Ziele gemacht. Russland hofft auf Auseinandersetzungen in Europa und versucht die europäische Sicherheitsarchitektur mit allen Mitteln zu zerstören, damit die Sanktionen wieder aufgehoben werden.

Was sind die größten wirtschaftlichen Herausforderungen der Ukraine?

Die größte Herausforderung ist es, unsere Wettbewerbsfähigkeit in den globalen Märkten zu steigern. Das Gleiche gilt für die Hauptstadt. In Kiew werden 60 Prozent aller ausländischen Investments in der Ukraine und 35 Prozent aller lokalen Investments getätigt. Die Stadt generiert 23 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Kiew verändert sich zum Positiven, dennoch müssen wir die Lebensqualität verbessern und das Wirtschaftswachstum steigern.

Was ist konkret zu tun?

Als Bürgermeister von Kiew stehe ich täglich vor vielen Herausforderungen. Eine baufällige Infrastruktur, die sich wegen knapper finanzieller Mittel seit Jahren verschlechtert. Eine unzureichende Anzahl an Kindergärten und Schulen. Schwerbeschädigte und platzende Heizrohre während der Heizsaison. Und der Stau in der Stadt, der durch neue Autobahnen bewältigt werden muss. Die Probleme stammen nicht aus jüngster Zeit, sie haben sich seit Jahrzehnten aufgestapelt. Man kann nicht alle auf einmal lösen, aber Schritt für Schritt kommen wir voran.