Politik | Inland
06.03.2016

Verena Hofer: "Meine Eltern lehnten Norbert ab, weil er ein Blauer ist"

Norbert und Verena Hofer: Seit 14 Jahren ist der FPÖ- Bundespräsidentschaftskandidat mit einer Altenpflegerin verheiratet. Sie leben in einer Patchwork-Familie.

KURIER: Herr Hofer, Sie würden als Bundespräsident die Regierung entlassen, wenn sie nach mehrmaliger Aufforderung keine Reformen weiterbringt. Überschätzen Sie nicht die Kompetenzen eines Bundespräsidenten?

Norbert Hofer: Wenn in der Regierung gar nichts mehr weitergeht, haben wir genau aus diesem Grund diese Möglichkeit in der Verfassung niedergeschrieben. Aber ich glaube gar nicht, dass dieser Schritt notwendig sein wird. Allein die Tatsache, dass es einen aktiven Bundespräsident gibt, der sagt: "Ich kann das machen", wird viel bewirken.

Das heißt, Sie drohen der Regierung...

Norbert Hofer: Nein. Das passt nicht zu mir. Es ist ein Mittel, zu dem ich in allerletzter Konsequenz greifen würde. Der Bundespräsident muss hier sehr behutsam umgehen.

Frau Hofer, Ihr Mann verweigerte viele Wochen, in den Bundespräsidentschaftswahlkampf einzusteigen. In einem Interview meinte er, Sie haben ihm zugeredet, dass er antreten soll. Warum?

Verena Hofer: Ich habe zuerst nur einen Spaß gemacht.

Norbert Hofer: (lacht auf) Das ist aber nett. Danke. Heinz-Christian Strache meinte, frage deine Frau. Ich schicke Verena ein SMS mit den Worten: "Soll ich?". Verena antwortete: "Ja, mache es." Das war in einer Minute erledigt.

Herr Hofer, über Ihre Leidensgeschichte wurde mehrfach in den Medien berichtet. Bei der querschnittsgelähmten Kira Grünberg hat man das Gefühl, dass sie ihr Schicksal sehr schnell angenommen hat. Wie lange hat es bei Ihnen gedauert?

Norbert Hofer: Kein Mensch kann eine Ausnahmesituation wie diese innerhalb von wenigen Tagen verarbeiten. Niemand weiß, wie es Kira Grünberg abseits der Kameras geht. Der wichtigste Punkt ist, man muss zur Kenntnis nehmen: Es ist so, wie es ist. Dann muss man das Beste daraus machen. Als die Phase des Schocks nach zwei Wochen vorbei war, sind bei mir viele Gefühle hochgekommen. Ich durfte zwei Wochen nur am Rücken liegen, da hat man viel Zeit zum Nachdenken.

Welche Gedanken gehen da durch den Kopf?

Norbert Hofer: Die schlimmste Situation war für mich mein Bettnachbar in Graz. Er hatte diesen Habitus, ein ganz wichtiger Mensch zu sein. Er telefonierte dauernd, machte sich ständig wichtig. Ich hatte nur einen Wunsch: "Bitte sei endlich ruhig." Aber warum macht mich mein Zimmerkollege so wütend? Weil er genau so war wie ich vor dem Unfall. Ich habe mein Spiegelbild plötzlich aus einem anderen Blickwinkel gesehen – und fand es furchtbar. Das war eine große Erkenntnis.

Am 11. August 2003 passierte der Paragleit-Unfall. Was aus Ihren beiden Leben würden Sie gerne miteinander verknüpfen?

Norbert Hofer: Ich würde gerne alles, was ich in den letzten zwölf Jahren gelernt habe, mit einem Körper verknüpfen, der nicht behindert ist. Das wäre ein Traum. Das Leben nach dem Unfall kann man mit einer Festplattenformatierung vergleichen, wo alles neu aufgesetzt wird. Alles, was im ersten Leben wichtig war, erscheint dann unwichtig und belanglos. Man bekommt eine Gelassenheit, die ich im ersten Leben nicht hatte. Die braucht man auch. Denn mein erster großer Erfolg war, dass ich 125 Meter in zwölf Minuten geschafft habe. Früher, als Sportler, lief ich in derselben Zeit vier Kilometer. Das ändert die Perspektive.

Frau Hofer, als Sie Ihren Mann kennenlernten, war er schon erfolgreich in der FPÖ unterwegs. Wie hat das Umfeld reagiert? Gab es in der Familie Gegenwind?

Verena Hofer:Norbert und ich kennen uns schon lange. Ich war sogar bei seiner ersten Eheschließung dabei und habe ihm gratuliert. Unser Dorf ist mehrheitlich schwarz. Für meine Familie war es überraschend – und sie lehnten Norbert anfangs ab, weil er ein Blauer war.

Norbert Hofer: Wir haben uns anfangs heimlich getroffen, damit uns niemand sieht.

Verena Hofer: Jetzt haben sie dich schon gern, oder?

Nobert Hofer: Ich hoffe schon (lacht und erzählt lachend weiter). Aber ich habe meine Sympathiewerte relativ schnell gesteigert, indem ich meinem Schwiegervater die Reifen wechselte, seine Haare geschnitten habe und seine Toilette reparierte.

Frau Hofer, Sie sind Altenpflegerin, betreuen täglich Menschen, die am Rand der Gesellschaft leben. Gibt es Situationen, wo die FPÖ für Sie nicht den richtigen Ton trifft? Wird dann im Hause Hofer diskutiert?

Verena Hofer: Wir reden zu Hause bewusst nicht über Politik.

Norbert Hofer: Politisiert wird bei uns nicht. Ich will mir manchmal nicht einmal die "Zeit im Bild" anschauen, weil ich es als Arbeit empfinde. Stattdessen schaue ich dann lieber TV-Serien wie "Malcolm mittendrin" an.

Haben Sie den Unfall bei vollem Bewusstsein miterlebt?

Norbert Hofer: Ich war bis zum Abtransport mit dem Hubschrauber bei vollem Bewusstsein. Ich wollte einen Gleitflug vom Kulm am Stubenbergsee machen. Es war ein herrlicher Tag, und der Flug klappte gut. Ich war nur noch 15 Meter vom Boden entfernt, da erwischte ich plötzlich eine Turbulenz. Mein Schirm klappte zusammen und befand sich auf einmal unter mir. Da gibt es keine Chance mehr. Ich fiel aus 15 Metern Höhe wie ein Stein zu Boden. Der Fall dauert 1,5 Sekunden, aber es fühlt sich wie eine Unendlichkeit an. Es ist unglaublich, wie viele Gedanken man in dieser Zeit hat: "Jetzt geht es ums Überleben." Oder: "Ich muss alles anspannen." Dann kommt der Aufprall. Das ist ein unglaublicher Knall. Zuerst fahren die Knie in die Rippen hinein. Dann prallt das Steißbein auf den Boden auf, ein Wirbel nach dem anderen bricht. Bei mir waren es fünf. Man bekommt keine Luft und spürt seine Beine nicht mehr.

Wie haben Sie von dem Unfall erfahren?

Verena Hofer: Ich war mit dem Baby am Ufer des Stubenbergsees. Die Flugschule hat mich informiert, sie meinten aber, es sein nur eine Hand gebrochen. Erst im Spital erfuhr ich, dass es was Ernstes ist. Aber ich erhielt keine genauen Informationen. In der Früh nach der OP rief Norbert an und sagte: "Es geht mir gut." Er war vollgepumpt mit Medikamenten und schätzte die Situation falsch ein.

Bei diesem Schicksalsschlag blieb es nicht. Vor sechs Jahren hatten Sie neuerlich einen Unfall...

Norbert Hofer: Damals habe ich einen Reha-Aufenthalt in Baden verbracht und ging in einer Pause barfuß auf die Terrasse. Nach meinem Flugunfall habe ich kein Gefühl mehr in den Fußsohlen, deswegen bemerkte ich nicht, wie aufgeheizt der Boden war. Ich verbrannte mir beide Fußsohlen. Am rechten Fuß entstand eine böse chronische Wunde. Vier Jahre lang hatte ich ein Loch in der Ferse. Damals wollten mir die Ärzte den Fuß amputieren. Da weinte ich. Ich konnte es nicht fassen: Nach den vielen Jahren des Kampfes war ich endlich wieder da, und jetzt wollen sie mir das Bein amputieren. Ich war ein Häufchen Elend. Meine einzige Hoffnung war, einen Spezialisten zu finden, der mich vor der Amputation bewahrt.

Frau Hofer, wie anstrengend ist der Wahlkampf für ihren Mann?

Verena Hofer:Der Wahlkampf ist sehr anstrengend. Norbert hat manchmal Schmerzen. Steht dann um fünf Uhr auf, setzt sich in sein Privat-Büro und fängt an zu arbeiten.

Wie würden Sie die Rolle als Frau des Bundespräsidenten ausfüllen?

Verena Hofer: Ich habe es mir noch nicht überlegt. Wahrscheinlich müsste ich meinen Job als Altenpflegerin aufgeben und nach Wien ziehen. Das würde mir nicht leicht fallen, denn die Entscheidung, Altenpflegerin zu werden, war eine der besten. Ich weiß, dass viele Leute alte Menschen nicht pflegen können. Mich stört es nicht, ihnen die Fingernägel zu schneiden. Bei jedem Todesfall im Heim, egal wie gut ich den Menschen kannte, muss ich weinen. Im Altenheim haben sie schon zu mir gesagt: "Wenn es mit der Hofburg klappt und du gehen musst, wirst du eine riesige Lücke hinterlassen." Als Ausgleich würde ich mich für eine Hilfsorganisation einsetzen.

Der Präsidentschaftskandidat der FPÖ, Norbert Hofer (45), hat aus erster Ehe drei Kinder. Mit seiner zweiten Ehefrau Verena (43) hat er eine 12-jährige Tochter. Die beiden leben in Pinkafeld ( Burgenland). Hier arbeitet Verena Hofer als Altenpflegerin. Der gelernte Flugzeugtechniker war vor seiner politischen Laufbahn Luftfahrttechniker. 2003 passierte der Paragleit-Unfall. Ehefrau Verena besuchte ihn täglich am Krankenbett.