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Interview
06/01/2014

Lunacek: "Das Wort Lesbe kannte ich nicht"

Die EU-Wahlsiegerin der Grünen über ihren Erfolg und ihre Liebe zu Rebeca Sevilla.

von Ida Metzger

KURIER: Frau Lunacek, eine Woche nach der EU-Wahl: Überwiegt die Freude über Ihren Wahlerfolg oder der Ärger über das beschämende Verhalten der Regierungschefs bei der Bestellung von Jean-Claude Juncker?

Ulrike Lunacek:Die Freude wird noch eine Weile andauern, weil für mich mit dem dritten Mandat ein Traum in Erfüllung gegangen ist. Aber es stimmt, der Ärger über das Verhalten der Regierungschefs ist groß. Wie kann man nach einer Wahl, bei der die Rechten so zugelegt haben, sich so völlig danebenverhalten? Ausgerechnet Angela Merkel, die einflussreichste Stimme in der Europäischen Volkspartei, ließ sich mehrere Tage Zeit, bis sie sich eindeutig hinter Juncker gestellt hat. Andere konservative Regierungschefs zieren sich immer noch. Dieses Herumlavieren spielt allein der unheiligen Allianz zwischen James Cameron und Victor Orban in die Hände.

Was wollen Sie nun aus Ihrem Wahlerfolg machen? Peilen Sie die Fraktionsführung der Grünen im EU-Parlament nun an?

Schauen wir einmal (lacht), aber ich schließe es nicht aus. Innerhalb der Europäischen Grünen sind wir eines von drei Ländern, die dazu gewonnen haben, das stärkt uns natürlich. Ein Ziel habe ich auf jeden Fall: Die nächste Kommission muss den von mir gegen massiven Widerstand durchs Parlament gebrachten "EU-Fahrplan gegen Homophobie" endlich umsetzen – damit Europa tatsächlich frei von Angst und Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung oder der Geschlechtsidentität wird.

Sie hatten einige Kritiker innerhalb der Partei. Sind die nun verstummt?

Momentan ja (lacht). Einen Wahlabend zu haben, wo sich alle freuen, hatten wir Grünen sehr selten. Der Wahlsieg wird, vor allem aufgrund der TV-Debatten in den letzten Wochen, auch mir zugeschrieben – auch wenn ich das alleine, ohne die Grünen, nie hätte schaffen können. Durch mein Auftreten und meine sachlichen Argumentation habe ich viele positive Energien für Europa wecken können.

Sie waren die erste Politikerin, die sich als lesbisch outete. Ein schwerer Schritt für Sie?

Es war gar nicht schwer (lacht). Ich habe nie ein Geheimnis daraus gemacht und mich auch gewundert, warum ich das soll? Denn man sucht es sich nicht aus, in wen man sich verliebt. Vielleicht war es mein Vorteil, dass ich keine negativen Bilder hatte. Ich kannte auch das Wort Lesbe oder lesbisch in meiner Schulzeit nicht. Insofern war es selbstverständlich – unter dem Motto: Ja, warum denn nicht? Manchmal gab es Männer, die meinten, irgendwann wird der Richtige schon kommen, der dich wieder umdreht (lacht).

Wie alt waren Sie, als Ihnen bewusst wurde, dass Sie Frauen lieben?

Da war ich ungefähr 20, als es mir klar wurde, dass ich in eine Frau verliebt bin, wo ich mehr will, als nur mit meiner besten Freundin ins Kino zu gehen.

Wie reagierten Ihre Eltern, als sie erfuhren, dass Sie lesbisch sind?

Die Entscheidung, wann erzähle ich es meinen Eltern, hat schon gedauert, denn ich komme aus einem konservativen Elternhaus. Das erledigte ich erst mit 26. Mein Vater, der Raiffeisen-Ware-Generaldirektor war, nahm es gelassen und meinte: Er hat es sich schon gedacht, und wenn ich glücklich bin, ist es okay. Als ich meiner Mutter erzählte, dass ich verliebt bin, sah ich zuerst Freude. Doch als ich ihr sagte, dass es eine Frau ist, merkte ich, dass sie mehr damit kämpfen musste. Letztendlich haben mich aber beide unterstützt.

Wie haben Ihre Eltern Ihr Outing kommentiert?

Das war der zweite schwere Schritt für meine Eltern. Für mich war klar, dass ich mich bei der Kandidatur als Lesbe oute. Meine Eltern waren damals gerade in Australien. Ich schrieb ihnen ein Fax ins Hotel, erinnerte sie an die Werte ("steh’ zu den Dingen, die für dich selbstverständlich sind"), die sie mir als Kind mitgaben, und wartete nervös auf ihre Antwort. In der Früh kam der Anruf meines Vaters, der mich bestärkte und meinte: "Gut, dass du es so machst. Du musst dir den Rücken freihalten und nicht erpressbar sein." Das Ganze schickte er mir auch noch schriftlich als Fax, das ich heute noch habe. Dieser Rückhalt meiner Eltern hat mir sehr geholfen.

Waren Sie auch in Männer verliebt?

Ja, natürlich. Ich war mehrmals verliebt und hatte Affären und Beziehungen mit Männern.

Warum wollen Sie lieber eine Beziehung mit einer Frau?

Neben dem erotischen Aspekt gefällt mir, dass es in einer lesbischen Partnerschaft keine klassischen Rollenbilder gibt und keine Klischees erfüllt werden müssen. Wir haben keinen Druck der Gesellschaft, wer welchen Part in der Beziehung ausfüllen soll. Das ist alles Verhandlungssache. In einer lesbischen Beziehung begegnen wir uns auf gleicher Ebene. Da wusste ich schnell, so will ich leben.

Sie leben mit der Peruanerin Rebeca Sevilla zusammen. Wie haben Sie sich kennen- und lieben gelernt?

Rebeca habe ich vor 25 Jahren bei einer internationalen Lesben- und Schwulenkonferenz in Wien kennengelernt, sie war damals die Direktorin der ersten Schwulen-/ Lesbenorganisation in Lima zur Zeit des Bürgerkriegs. Als Aktivistin waren sie und ihre Organisation in Peru zwischen Leuchtender Pfad und Militär mit Morddrohungen konfrontiert. Ich wurde als Dolmetscherin für die Lateinamerikanerinnen engagiert.

War es Rebecas Mut, der sie faszinierte?

Sicher auch. Als ich Rebeca kennenlernte, dachte ich mir, wovor fürchte ich mich in Österreich überhaupt? Doch es war sicher auch meine Liebe für Südamerika, die mich anzog. Wir entdeckten, dass wir für die gleichen Themen brennen und uns engagieren. Aber durch unsere unterschiedlichen Wurzeln gibt es auch viele Gegensätze, die wir anziehend finden.

Rebeca übersiedelte dann aus Liebe von Peru nach Europa?

Es war 1995, als Rebeca meinte, es ist der richtige Zeitpunkt, um nach Europa zu kommen. Bis 2009 führten wir eine Fernbeziehung. Rebeca war in den Niederlanden bzw. in Belgien und ich in Österreich . Erst als ich 2009 nach Brüssel ging, nahmen wir uns eine gemeinsame Wohnung. Die Tatsache, dass wir jetzt zusammenleben, ist sehr schön. Aber gemeinsame Wochenenden gibt es sehr wenige, weil wir sehr unabhängige Frauen sind. Da wir beide sehr viel unterwegs sind, hängt in unserer Wohnung ein Plan mit unseren Reisen und Aktivitäten.

Warum gab es noch keine Verpartnerung?

Nein, weil wir schon so lange zusammenleben. Aber wir überlegen gerade, wo und wie wir eine Verpartnerung durchführen können. Aber es gibt noch kein Datum, irgendwann wird es schon kommen.

Ulrike Lunacek

Ulrike Lunacek (54) war die erste Politikerin in Österreich, die sich als Lesbe outete. Die Kremserin stammt aus einer konservativen Familie. Lunaceks Vater war Raiffeisen Ware-Generaldirektor und ein ÖVP-Wähler. 1995 kandidierte Lunacek zum ersten Mal, 1999 gelang ihr der Sprung ins Parlament. Die ausgebildete Dolmetscherin (Spanisch und Englisch) wechselte 2009 ins EU-Parlament. Seit 21 Jahren lebt Luancek mit der Peruanerin Rebeca Sevilla zusammen.