Politik | Inland
26.10.2018

Typisch österreichisch: Das sind wir –oder auch nicht?

Österreicher als Skifahrer mit Hang zum Bier: Klischees seien Teil der Volksbühne, sagt ein Soziologe.

Was ist „typisch österreichisch“? Dass wir oft Bier, Wein oder Kaffee trinken? Gerne ein Schnitzel essen? Und manchmal grantig sind? Oder sind wir gar alle „sehr große, blonde Männer und Frauen in rot-weißen Rennanzügen, die auf den Pisten wie in ihrem natürlichen Element wirken“, wie die US-Amerikanerin Rachel Myroniuk glaubt?

Klischees, was denn „typisch österreichisch“ ist, gibt es viele. Doch was stimmt, und was nicht – und was sagen die Zahlen?

Bier, zum Beispiel, trinken die Österreicher tatsächlich sehr gerne: Auf 103 Liter brachten wir es im Jahr 2016 im Schnitt pro Kopf. Hier lagen in Europa nur die Tschechen (143 Liter) und – ganz knapp – die Deutschen (104 Liter) vor uns.

Ein wenig anders sieht es beim Skifahren aus: Denn 63 Prozent der Österreicher geben an, nie Skifahren zu gehen. Vor 25 Jahren waren es „nur“ 40 Prozent. Ein oft geäußertes Argument – Skifahren sei zu kostspielig geworden – trifft übrigens nicht ganz zu: „Auch früher gingen vor allem die Wohlhabenden Skifahren. Der Hauptgrund ist vielmehr, dass sich die Teilnehmerzahlen der Skikurse seit den 1990er-Jahren halbiert haben“, erklärt Peter Zellmann, Leiter vom Institut für Freizeit- und Tourismusforschung. Fuhren damals 250.000 Schüler pro Jahr auf Skikurs, sind es mittlerweile nur 120.000.

Aufholbedarf hätten wir übrigens beim Wein: Mit 26,9 Litern pro Kopf liegt Österreich im Mittelfeld. Hier gibt es interessante Spitzenreiter, denn laut Telegraph war Andorra mit 56,9 Litern pro Kopf an der Spitze – was auf Duty-Free-Kunden in der Steueroase zurückzuführen sein könnte. Platz zwei ist übrigens der Vatikan mit 56,2 Litern (liegt es am Messwein?).

Und manche Klischees stimmen schlicht nicht, Stichwort: „Sound of Music“. In anderen Ländern ein Riesenerfolg, hat kaum ein Österreicher je den Film gesehen. Der 1965 produzierte Streifen wurde im ORF erstmals im Jahr 2000 gezeigt – ein Straßenfeger war er wohl kaum. In den USA wird „Sound of Music“ noch immer mit Österreich verknüpft.

Und was sagt die Wissenschaft? Was ist dran an den Klischees über „uns Österreicher“? „Auf der Suche nach nationalen Stereotypen muss man zwischen fremd- oder selbst zugeordneten unterscheiden. Beide entstanden beim Aufkommen der bürgerlichen Gesellschaft“, sagt Klaus Schönberger, Kulturanthropologe von der Universität Klagenfurt.

Ab dem Moment, wo ein Nationalstaat begründet wurde, sind auch Stereotype entstanden, die für Zugehörigkeit und Zusammenhalt sorgen. Kultur ist das unter anderem für Österreich. Auch in der Außensicht: Als Italiener bewundere er das reiche Erbe an Musik und Kunst, sagt etwa Massimo Marnetto aus Rom.

Einteilung

Soziale Schablonen helfen, die Welt und die Gesellschaft einzuteilen und zu erfassen. Die ersten Erkenntnisse dazu fasste der englische Philosoph Francis Bacon im Buch „Idolenlehre“ um 1620 zusammen. Bacon kategorisierte die Arten der Vorurteile und ordnete sie Ländern zu. Soziologe Reinhold Knoll: „Das Klischee ist auch Teil der Volksbühne. Sie spiegeln das wieder, was im Allgemeinen gedacht wird.“

Davon auszugehen, dass jedes Klischee gut oder schlecht ist, ist falsch. Ob jedes der Wahrheit entspricht, lässt sich wissenschaftlich nicht belegen. Unbestritten ist ihre Existenz – viele glauben etwa, dass alle Dicke gemütlich sind, kaum einer hinterfragt das. „In dem Maße, in dem ich ein Vorurteil keiner Prüfung aussetze, in dem Maße verfestige ich es. Da ich es nicht hinterfrage“, beschreibt Knoll. Die Vorurteile bleiben, wie sie sind. „Das ist gefährlich“, sagt Knoll.

Problematisch wird es, wenn auf Macht und Herrschaft begründet wird. „In der gegenwärtigen Asylpolitik werden mithilfe von stereotypen Zuschreibungen wie Kriminalität und Sexualität an Migranten Ausgrenzungen begründet. Diese Stereotype befeuern progromartiges Handeln entsprechender Gruppen sowie gewalthaftes Handeln der Exekutive (z. B. willkürliche Abschiebungen)“, sagt Schönberger. Es seien diese Stereotypen, die in ethnischen Säuberungen münden könnten, erklärt der Soziologe.

Anfällig für Vorurteile seien vor allem Länder mit geschwächter Identität. Denn: „Besonders in schwachen Momenten sehnt man sich nach Strukturen.“ Werden keine geboten – etwa ethische oder religiöse – greifen die Vorurteile am ehesten. Vorurteile, Klischees oder Stereotypen sind nicht identitätsstiftend, sie sind populäre Theorien – für Schönberger sind sie ein Untersuchungsgegenstand.

Emotionen

Ob absolute Zahlen oder wissenschaftliche Theorien – letztlich ist es eine Frage der Emotion, wie es Forscher Zellmann zur Beziehung der Österreicher zum Skifahren ausdrückt: „Ob man es nun ausübt oder nicht – eine intensive Beziehung dazu ist schon da. Es ist eine rein emotionale Identifikation im Sinne von ,Das sind wir’.“