Dompfarrer Toni Faber

© Kurier / Juerg Christandl

Interview
09/27/2020

Kirche in Corona-Zeiten: "Bin fassungslos, dass Gott es zulässt"

Dompfarrer Toni Faber über die „Todsünde“ auf einer Beerdigung, Kaffeehäferl bei Video-Gottesdiensten und das ambivalente Verhältnis zum Tod bei Covid und Sterbehilfe

von Johanna Hager

KURIER: Wie kann Gott diese Pandemie zulassen?

Toni Faber: Ich bin fassungslos, dass Gott es zulässt, und suche als gläubiger Christ und Priester den Strohhalm in der Flut der Pandemie, der mir Hoffnung gibt. Die Hoffnung, dass sich der Mensch durch Corona total verändert und von der Bestie zum Lamm wird, erfüllt mich nicht so groß. Nicht alles wird so sein können, wie es früher war, doch es liegt an jedem Einzelnen, damit gut umzugehen. Der eine hat nur mehr Angst, der nächste ist nur mehr fatalistisch und der dritte neigt zu Verschwörungen. Mit jenen, die Leben gestalten wollen, wird uns Alltag gelingen. Der Strohhalm ist, mich eben nicht einzuigeln und den „Augen zu und durch“- Weg zu gehen.

Viele Menschen, insbesondere Ältere, sehen oder haben diesen Strohhalm nicht.

Wollen wir alle 100 Jahre alt werden, oder wollen wir eine Qualität von Leben, solange wir noch leben dürfen? Wir wissen nicht, wann es zu Ende geht, denn es gibt immer das Restrisiko, dass es heute oder morgen schon mit Ihnen oder mir vorbei sein kann. Wir können mit all unserer menschlichen Mühe nicht alle Risiken des Lebens minimieren oder verdrängen, denn dann bleibt kein Leben übrig. Da sind wir in der politischen Frage, ob all das mit Wahlen zu tun hat.

Haben die Restriktionen mit Wahlen zu tun?

Das weiß ich nicht. Ich stelle nur Fragen, höre Thesen, mache mir Gedanken. Es geht doch vielmehr darum, nicht immer auf die „bösen anderen“ zu zeigen, auf die Jugendlichen am Donaukanal, sondern zuallererst auf sich selbst zu achten und achtsam zu sein. Ich vergönne Jugendlichen ihr Feiern, aber wenn das das Virus bringt, dann werden sie darauf für eine Zeit verzichten müssen. Um ihrer selbst willen und der Gemeinschaft wegen. Wenn ich bei Innenstadtlokalen in Wien vorbeigehe nach einer Hochzeit, auf der weder getanzt noch sich geherzt wurde, dann wird mir schlecht. Die Zurückhaltung im sozialen Umgang muss selbstverständlich sein.

Knapp fünf Millionen Menschen gehören der Kirche an, rund 60.000 treten jährlich aus. Hat die Pandemie die Zahl der Gläubigen verändert?

Was die Aus- und Wiedereintritte betrifft, so gehen wir von relativ unveränderten Zahlen aus. Die Wiedereintrittszahl bei mir ist seit vielen Jahren erfreulich hoch und liegt bei 100 Gläubigen jährlich. Zwei Drittel davon treten ein, weil sie Tauf- oder Firmpaten werden wollen. Die Zahl derer, die den Gottesdienst regelmäßig besuchen, hat sich aber dramatisch geändert. Sonntagabend hatte ich früher 600 bis 700 Menschen im Dom, und jetzt sehe ich 200.

Dompfarrer Toni Faber

Keine Angst, dass eine Kirche zum Cluster wird?

Das Leben ist risikoreich. Wir sind nicht unvorsichtig, sondern respektvoll und: manches hat sich im Nachhinein als übertrieben herausgestellt.

Meinen Sie damit auch Video-Streams von Predigten?

Jeder hat Sehnsucht nach echten Begegnungen. Wir können Kirche nicht völlig in den digitalen Bereich verlagern. Viele sagen, ich kann in der Kirche anders beten als in meinem Wohnzimmer mit dem Bildschirm vor mir und dem Kaffeehäferl daneben. Wenn es die Situation erfordert, werden wir das Angebot ausweiten. Wir haben im Dom als eine der guten Früchte von Corona vier Kameras digitalisiert und können jederzeit einen TV-Gottesdienst machen.

Was sind die schlechten Früchte von Corona?

Angst, die Leben verunmöglicht, die jeden Menschen als potenzielle Gefahrenquelle sieht. Das ist fürchterlich. Von April bis Oktober waren 50 Hochzeiten geplant, 20 davon musste ich verschieben. Ich hatte eine Beisetzung eines Vaters von fünf Kindern. Ich hätte nur die fünf Kinder teilnehmen lassen dürfen. Wir haben uns damals mit der Bestattung darauf geeinigt, dass ich die Beschränkung nicht gelten lassen kann. Ich gab der Witwe damals auch die Hand. Habe ich eine Todsünde begangen? Nein, ich bin dieser Frau in ihrer fassungslosen Trauer beigestanden und habe danach die Hände desinfiziert.

Die wirtschaftliche Krise bringt viele in eine emotionale Krise, für einige ist der letzte Ausweg der Freitod. Gehen Sie von einer erhöhten Suizidrate aus?

Kirche besteht aus Menschen, die sich zusammengerufen wissen. „Ekklesia“ bedeutet: Wir, die wir den Ruf Gottes erfahren haben, wollen Gemeinschaft bilden. Jede Kirche, selbst Katakomben, sind dafür gebaut, um Gemeinschaft zu ermöglichen. Das Eremitendasein, das Einzelgängertum ist für mystisch hochbegabte, spirituelle Meister, aber nicht für uns Normalmenschen. Es ist eine große Gefahrenquelle, dass Menschen in Zeiten der Pandemie psychisch austrocknen, depressiv werden und sich von ihren Lebensquellen entfernen. Da wird noch vieles auf uns zukommen.

Wenn wir als Gesellschaft darum wissen, warum handeln wir dann jetzt nicht?

Vielfach sehe ich Not erst, wenn ich Bilder davon habe. Wir wissen, dass oft erst Bilder, die uns die Medien bringen, aufrütteln. Aber auch der Obdachlose, der am Stephansplatz schläft, fordert mich heraus und überfordert mich. Ich kann nur hoffen und sagen: Hoffentlich übersehen wir niemanden. Keinen Alten, keinen Obdachlosen, keinen Wirtschaftsleidenden, keinen Arbeitslosen. Und: Wir müssen auch die hässliche Not behandeln, nicht nur die Kinderaugen.

Sie spielen auf die minderjährigen Flüchtlinge in Moria an?

Ich kann die politischen Folgen nicht abschätzen, das überlasse ich den Politikern. Mich hat die Nachricht, dass 47 Flüchtlinge, in einen Kastenwagen gesperrt, auf einer niederösterreichischen Straße entdeckt wurden, mindestens ebenso sehr beunruhigt. Es geht um die unmittelbare, konkrete Not vor der eigenen Türe, und es geht um die Frage, was würde Jesus jetzt an meiner Stelle tun.

Noch ein Themenwechsel zum Schluss. Derzeit läuft die VfGH-Herbstsession, bei der es auch um die Möglichkeit der Sterbehilfe geht. Warum ist die Kirche so strikt dagegen? Ich bin der Meinung von Kardinal König: „Jeder Mensch hat das Recht, an der Hand eines Menschen zu sterben und nicht durch die Hand eines anderen Menschen.“ Die einzige Gewissheit, die ich als Mensch habe, ist die Gewissheit, dass ich sterben werde. Ich schrecke mich vor einer Gesellschaft, die sagt: „Ich investiere in Sterbehilfe anstatt in die Hospizbewegung.“ Sterbehilfe zu ermöglichen, das wäre ein Dammbruch und ein ganz schlechtes Signal für ältere Menschen, die glauben, sie fallen ihren Angehörigen nur mehr zur Last. Wir sind bei diesem Thema sonderbar ambivalent. Wir müssen jedes Leben gegen Covid-19 retten, koste es, was es wolle, und am selben Ende des Lebens gibt es einige, die sagen: Na ja, wenn er oder sie es sich selbst wünscht, dann lassen wir sie. Dem widerspreche ich.

Dompfarrer Toni Faber

Der gebürtige Wiener (59) wurde 1988 zum Priester geweiht, ein Jahr später Erzbischöflicher Zeremoniär (erst  bei Kardinal Hans Hermann Groër, ab 1995 bei Erzbischof Christoph Schönborn). 1999 wurde er Dompfarrer der Dompfarre St. Stephan und Dechant für das Stadtdekanat 1, seit 2000 ist er Domkapitular auf Amtszeit. Faber publiziert unter anderem wöchentlich im Sonntags-KURIER
 

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