Politik | Inland
28.12.2017

Theologe Zulehner: "Das Christliche im Abendland retten"

Laut Theologen Paul Zulehner kennt das Evangelium keine Menschen zweiter Klasse.

Papst Franziskus fordert in seiner Weihnachtsbotschaft Mitgefühl und Hilfe für jene, die fliehen, um zu überleben.

Politiker und Parteien, die vorgeblich das christliche Abendland retten, wettern lautstark gegen Flüchtlinge.

Eine Beschwerde auf Twitter, man fühle sich in der Christmette "wie bei den Jusos", löst größere Kontroversen aus. Agnostische Jung-Sozis berufen sich bei ihrer Kritik am "unsozialen" ÖVP-Kanzler auf den Papst.

Der KURIER fragt den Theologen Paul Zulehner: Wie politisch darf, soll oder muss die Kirche sein?

Paul Zulehner: Es kommt darauf an, wie wir ,politisch‘ verstehen. Ist es parteipolitisch gemeint, muss sich die Kirche herausnehmen. Geht es aber um Politik generell – um die Würde des Menschen, um Gerechtigkeit, um die Unversehrtheit des Lebens – ist die Kirche verpflichtet, sich einzumischen. Gott selbst hat sich für die Unterdrückten eingesetzt. Es ist die Aufgabe von Christen, sich für die sozial Versehrten einzusetzen. Man müsste die Bibel verbrennen, wenn sich die Kirche da heraushalten sollte.

Wer bestimmt, was gepredigt wird? Der Papst? Oder sagt jeder Priester, was er will?

Der Papst kann als Weltpfarrer zur ganzen Menschheit reden. Der Pfarrer ist sowas wie der Papst vor Ort. Er muss selbst die Botschaften in seiner Predigt aus dem Evangelium ableiten. Diese Botschaften sind eindeutig, aus Sicht des Evangeliums gibt es keine Menschen zweiter Klasse. Es gibt kein Wellness-Christentum, sondern die Kirche ist verpflichtet, die Finger auf die Wunden der Menschen und der Umwelt zu legen. Man kann nicht für Menschenwürde eintreten und dann schweigen, wenn Menschen unter die Räder kommen. Wenn sich manche in einer Messe wie in einer Juso-Veranstaltung vorkommen, müssen sie das aushalten. Die Kirche kann nicht schweigen, wenn es um die Unversehrtheit des Lebens, um Menschenwürde, um Gerechtigkeit und Freiheit, auch um Religionsfreiheit, geht.

Wenn sich ein Politiker auf die Kirche beruft, soll er zu Weihnachten Botschaften der Menschlichkeit verbreiten?

Wenn einzelne Politiker Handlungsanleitungen im Evangelium suchen, ist es wichtig, dass die Richtung stimmt, auch wenn nur kleine Schritte gemacht werden. Beim Asylrecht geht es schon auch darum, die Bevölkerung nicht zu überfordern, denn sonst kann man das Asyl nicht gewähren. Zugleich muss man mithelfen, dass andere Länder die Flüchtlinge aufnehmen. Und um die Flüchtlinge, die hier sind, muss man sich kümmern, auch wenn das etwas kostet. Für sie muss es ein Willkommen, Integration, Deutschkurse, Wohnen und Arbeit geben. Das Evangelium kennt nur einen Gott, und dieser Gott ist Mensch geworden. Damit vertragen sich keine verschiedenen Klassen von Menschen. Und es gibt die Verpflichtung zum Aufschrei, wenn Menschen unter die Räder kommen. Wenn Parteien wie die AfD sagen, sie müssen das christliche Abendland retten, muss man antworten: Man muss das Christliche im Abendland vor Parteien wie der AfD retten.