Terrorismus-Experte: "Trugschluss, dass Österreich nicht im Fokus von Terror ist"

ISIL fighter holds a flag and a weapon on a street
Foto: REUTERS/STRINGER IS-Kämpfer in Mosul, aufgenommen im Juni 2014.

Nicolas Stockhammer im Interview über die Strategie des IS und die Zukunft der Terrororganisation.

"Tötet sie, denn wahrlich ihre Tötung ist wichtiger als die Tötung der Kreuzzügler selbst!"

Mit diesen Worten hat der Islamische Staat (IS) dazu aufgerufen, Imame des Kufrs (des Unglaubens) in Deutschland und Österreich zu ermorden. Die Begründung, wie sie in einem unter anderem auf Deutsch, Englisch und Französisch erscheinenden Online-Magazin der Terrormiliz zu lesen ist: Sie seien "Abtrünnige" oder "Gelehrte des Übels", weil es "nur eine einzige richtige Religion" gebe – und wer die verlasse, wäre eben ein Kufr, auch wenn er Muslim ist (zum KURIER-Bericht).

Welches Kalkül steckt hinter solchen Mordaufrufen? Wie ernst sind sie zu nehmen und welchen Einfluss haben sie auf die Gefährdungslage in Österreich? Wir haben bei dem Terror-Experten Nicolas Stockhammer von der Universität Wien und der Landesverteidigungsakademie nachgefragt.

Kurier.at: Was ist das strategische Ziel des IS hinter diesen Mordaufrufen?

Nicolas Stockhammer: Es geht um die Interpretationshoheit der Dschihadisten über den Islam und letztlich um eine beabsichtigte Spaltung der Gesellschaft. Indem der moderate Mainstream zum Schweigen gebracht wird, soll das Bild vermittelt werden, dass es nur noch einen radikalen Islam, nur noch islamistische Tendenzen gibt. Wenn sich dann die Mehrheit der Gesellschaft in unseren Breiten gegen den Islam solidarisiert, treibt das genau jene Spirale der Polarisierung an, die es dem IS ermöglicht, wieder eigene Anhänger zu mobilisieren.

Wie ernst muss man solche Aufrufe nehmen?

Natürlich muss man das seitens der Polizei sehr ernst nehmen. Als größere Gefahr sehe ich dabei aber die Selbstradikalisierung von Einzeltätern, hinter diesen Mordaufrufen steht wahrscheinlich keine organisierte Aktion.

Ist das ein Novum? Wie häufig sind Aufrufe wie diese, mit denen es Imame in Österreich jetzt zu tun haben, in diesen IS-Publikationen?

Die Intensität dieser Mordaufrufe ist immer schon hoch gewesen. Vor allem in der letzten Zeit, einhergehend mit militärischen Misserfolgen des IS und dem Gefühl, dass das selbsternannte Kalifat sukzessive schrumpfen wird. Es geht darum, Angst und Unsicherheit zu verbreiten. Im konkreten Fall sollen Vertreter des moderaten Islam eingeschüchtert werden. Es soll verhindert werden, dass diejenigen, die hier von Mordaufrufen bedroht werden, in den Medien gegen den IS Stellung beziehen.

Es sind ja nicht nur moderate Muslime Zielscheibe solcher Aufrufe. In Deutschland ist namentlich Pierre Vogel erwähnt, der seit Jahren als Salafist bekannt ist.

Es ist eine Frage der Skala der Radikalisierung. Vielleicht sind diese Personen dem IS einfach nicht radikal genug. Konvertiten werden in der urtümlichen Auslegung als weniger islamisch betrachtet. Wobei das natürlich trügerisch ist, kämpfen doch sehr viele Konvertiten im Irak und Syrien in den Reihen des IS.

Kam es auch in der Vergangenheit schon zu Drohungen gegen Österreich?

Das gab es immer wieder. In der österreichischen Perzeption ist die Anschauung sehr weit verbreitet, dass wir gar nicht im Fokus von solchen Drohungen oder einer expliziten Terrorgefahr sind. Beides ist ein Trugschluss. Österreich ist ein Thema. Ich erinnere an Mohammed M., der in den Führungskadern des IS war. Da kann man schon davon ausgehen, dass Österreich auch im Visier etwaiger strategischer Angriffe ist. Österreich ist nicht so unbedeutend, wie das gemeinhin angenommen wird.

Muss man von einer erhöhten Terrorgefahr sprechen?

Das muss man generell. Mit den Morddrohungen hat das aber weniger zu tun. Aktuell haben wir einen Rückfluss von sogenannten „Foreign Fighters“, die in ihre europäischen Heimatländer zurückkehren. Und natürlich gibt es nach wie vor die hohe Gefahr von Personen, die sich radikalisieren – wobei das Internet hier der Hort der Radikalisierung ist - ein Blatt wie Rumiyah ist in Deutsch, Englisch, Russisch, Türkisch, Französisch frei zugänglich online erhältlich.

Der IS ist in Mossul und inzwischen auch in Al-Raqqa als letzte große verbliebene Zentren in der Defensive. Welche Auswirkungen wird eine – mögliche – militärische Niederlage auf die Propaganda-Aktivität des IS haben?

Der IS hat lange vom Narrativ des Erfolgs gegen die Ungläubigen gelebt. Wenn das jetzt sukzessive erodiert, müssen sie sich ein anderes Betätigungsfeld suchen. Und das ist der ferne Feind Europa. Das haben wir in den letzten Monaten gesehen. Wer da an Zufälle glaubt, ist naiv.

Hat der Verlust einer Machtbasis wie Al-Raqqa nicht auch Auswirkungen auf die Produktion solcher Propaganda-Publikationen?

Das ist mit Sicherheit dezentral organisiert, das glaube ich also nicht. Unabhängig vom IS, wird uns die Geißel des Islamismus auch sicher noch länger betreffen. Aber meiner Meinung nach, wird der IS – im Gegensatz zu Al-Kaida – nicht langfristig überleben. Dafür werden andere Terrororganisationen das Zepter aufgreifen.

Weshalb kann der IS nicht einfach aus dem Untergrund weiteroperieren?

Der IS hat sich auf einer Kalifats-Utopie aufgebaut. Wenn das "Kalifat" wegbricht, muss sich der IS neu definieren. Al-Kaida hat jetzt schon die langfristig strategische Ausrichtung. Und man kann davon ausgehen, dass irgendwann wieder der Moment kommen wird, wo Terror-Anschläge in Europa wieder vermehrt Al-Kaida gewidmet sein werden. Das ist in anderen Regionen der Welt ja bereits jetzt schon so.


Zur Person: Nicolas Stockhammer

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Als Fotocredit bitte  © PHOTO SIMONIS | www.phot… Foto: /Uni Wien/www.photo-simonis.com

Der Terrorismus-Experte (Forschungsaufenthalte in Berlin und an der Stanford University) ist seit 2014 wissenschaftlicher Mitarbeiter (Senior Post–Doc Researcher) an der Forschungsgruppe für Polemologie und Rechtsethik der Universität Wien und an der Landesverteidigungsakademie.

(KURIER) Erstellt am
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