Studie zu Häftlingen: 43 Prozent fühlen sich unmenschlich behandelt

Eine Person in Uniform öffnet mit der rechten Hand eine schwere Tür mit Metallgriff in einem Flur.
Forscherin Veronika Hofinger präsentierte Zwischenergebnisse ihrer Studie zum "Haftklima". Unterdessen liegt in der Causa Hirtenberg justizintern schon ein vorläufiger Bericht vor, die externe Kommission nimmt kommende Woche ihren Dienst auf.

Es macht einen Unterschied, ob ein Mensch mit sechs anderen für 23 Stunden am Tag in einem Haftraum eingesperrt ist, oder ob er untertags eine sinnvolle Beschäftigung hat und nachts alleine in einer Zelle schläft.

Das leuchtet ein. In der Praxis des Strafvollzugs in Österreich ist das Positiv-Szenario aber eher die Ausnahme. 

Dennoch: Veronika Hofinger, Kriminalsoziologin von der Uni Innsbruck, hofft, dass ihre Studie zum Thema „Haftklima: Monitoring des sozialen Klimas in Justizanstalten“ ein Umdenken bewirkt.

Erste Zwischenergebnisse hat sie am Donnerstag bei einer Veranstaltung des Instituts für angewandte Rechts- und Kriminalsoziologie im Justizpalast in Wien präsentiert – vor hochkarätigem Publikum: Mit dabei war etwa Friedrich Koenig, Generaldirektor für Strafvollzug im Justizministerium. 

Kommission zu Hirtenberg startet nächste Woche

In seinem Zuständigkeitsbereich hat jüngst der Tod eines 30-Jährigen in der Justizanstalt Hirtenberg für Entsetzen gesorgt: Der Mann war psychisch auffällig und starb, weil er sich gegen seine Überstellung in ein Spital gewehrt hatte. 

Der Vorfall wird strafrechtlich geprüft. Ein vorläufiger Bericht der internen Untersuchung liege laut Justizministerium bereits vor, nächste Woche werde die externe Kommission präsentiert. 

Fairness und Respekt

Zurück zu Hofinger: Ihre Untersuchungen starteten vor rund einem Jahr in fünf Justizanstalten in ganz Österreich (Hirtenberg war nicht dabei). 343 Mitarbeiter haben einen Online-Fragebogen ausgefüllt, von den Insassen kamen 845 verwertbare Fragebögen retour.

Laut der Forscherin lasse sich sehr klar ablesen: „Das soziale Klima hat eine große Bedeutung. Vor allem geht es den Insassen um einen fairen, respektvollen Umgang und ein vertrauensvolles Verhältnis zum Personal.“

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Veronika Hofinger ist Kriminalsoziologin an der Uni Innsbruck. 

Ein Detailergebnis, das aufrütteln sollte: 43 Prozent der Befragten stimmen der Aussage: „Ich fühle mich hier wie ein Mensch behandelt“ eher nicht oder gar nicht zu.

Aber, so betont Hofinger: „46 Prozent sagen, die Stimmung zwischen Inhaftierten und Personal sei gut. Sie sehen, dass es in diesem System Menschen gibt, die sich jeden Tag bemühen.“

Gutes Haftklima

Warum das den Rest Österreichs, der nicht eingesperrt ist, interessieren sollte? Hofinger nimmt die Frage vorweg, schließlich heiße es in der Bevölkerung ja häufig, Kriminelle sollen es gar nicht gut haben, Haft sei schließlich eine Strafe. 

Ihre Antwort: „Wir wissen aus internationalen Studien, dass sich das Haftklima maßgeblich darauf auswirkt, wie ein Mensch eine Perspektive für die Zeit nach der Haft entwickelt und ob er sich dann wieder gut in die Gesellschaft eingliedert oder rückfällig wird.“

Überbelag und Personalmangel, die im Strafvollzug herrschen, seien Risikofaktoren, die sich statistisch messen ließen: „Je voller die Hafträume, je länger die Einschlusszeiten, je weniger Möglichkeit auf sinnvolle Beschäftigung, desto schlechter ist das Klima.“ Und sie betont noch einmal: „Der Überbelag hat massive Konsequenzen für das gesamte Gefüge.“

In ihrer Studie möchte Hofinger auch den Zusammenhang zwischen Haftklima und der Häufigkeit von Fluchten, Suiziden und Gewalt beleuchten. Die Endergebnisse sollen Mitte des Jahres vorliegen. 

Finanziert wird die Studie vom Finanzministerium, das Justizministerium ist Projektpartner.

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