Anton Höslinger: "Die Kirche muss das Ganze im Blick haben"
KURIER: Wie erklären Sie jemandem, der mit Glaube und Kirche nicht viel anfangen kann, was zu Ostern gefeiert wird?
Anton Höslinger: Die Christen feiern den Tod und die Auferstehung Jesu – beides. Es ist das große Geheimnis, dass der Tod nicht das Ende gewesen ist, sondern Jesus in seiner Auferstehung den Tod besiegt hat und dadurch auch uns das ewige Leben geschenkt hat. Gott hält uns im Tod in seiner Hand.
Nun ist es ja so, dass immer weniger Menschen wissen Bescheid über die zentralen christlichen Glaubensinhalte und über kirchliches Leben, die einschlägige Sprache und Symbolik ist vielen fremd geworden – es gibt so etwas wie einen religiösen Analphabetismus, der sich ausbreitet. Wie sehen Sie das?
Diese Beobachtung ist sicherlich richtig. Das Glaubenswissen in der Gesellschaft wird immer weniger. Daher ist es umso wichtiger, auf die wesentlichen Inhalte des Glaubens, aber auch auf die großen kirchlichen Feiern im Laufe des Jahres hinzuweisen und zu versuchen, diese zu erklären.
Wie schwer tut sich die Kirche mit dem Paradigmenwechsel weg von einer Volkskirche, einem Traditionskatholizismus hin zu einer Situation, in der sie sich neu positionieren und erklären muss?
Das ist sicher eine große Herausforderung unserer Tage. Da befinden wir uns erst in einem Lernprozess. Vieles ist nicht mehr selbstverständlich, was in den vergangenen Jahrhunderten als selbstverständlich galt. Damit müssen wir erst umgehen lernen.
Ist die Kirche zumindest im deutschen Sprachraum zu sehr mit sich selbst und ihren „Reformdebatten“ beschäftigt – ich denke etwa an die Mühen des „Synodalen Wegs“ in Deutschland?
Vieles ist in den internen Diskussionen sicher zu kurz gekommen. Es spiegelt sich darin aber auch wider, dass die Botschaft der Kirche immer wieder neu erklärt werden muss. Wobei es ja auch darum geht, wie die Menschen mit dieser Botschaft überhaupt in Kontakt kommen.
Wie politisch ist diese Botschaft eigentlich? Soll sich die Kirche beispielsweise auch konkret zu einzelnen politischen Parteien äußern, wie das etwa die DBK bezüglich der AfD getan hat?
Das ist immer eine Gratwanderung. Das Evangelium geht in vielen Aspekten ins Politische hinein, teils auch ins Tagespolitische. Auf der anderen Seite ist die Kirche gerade aus ihrer Geschichte heraus zurecht sehr vorsichtig, in die Parteipolitik hineinzugeraten. Die Frage ist: Wie mische ich mich in den politischen Diskurs ein? Da gibt es sicher Themen, wo die Kirche ihre Stimme erheben muss.
„Gott hält uns im Tod in seiner Hand“: Das ist für Propst Höslinger die zentrale Osterbotschaft.
Ein Vorwurf, der der Kirche immer wieder gemacht wird, lautet, sie sei zu naiv gegenüber dem Islam, sie sehe zu wenig die vielfachen Herausforderungen, die durch einen zunehmend wachsenden muslimischen Bevölkerungsanteil entstünden.
Das ist tatsächlich ein sehr spannungsgeladenes Thema. Zum einen ist es aus unserem Glauben heraus selbstverständlich, dass ich Menschen, die in Not zu uns kommen, Hilfe anbiete. Auf der anderen Seite darf ich auch die Sorgen der Menschen, die hier leben, nicht einfach negieren. Wenn sehr viele Menschen aus anderen Kulturen zu uns kommen: Was macht das mit unserer Gesellschaft, was hat das für Auswirkungen auf diverse Bereiche des Zusammenlebens? Auch das muss man ernst nehmen. Ich denke, die Kirche versucht, diese Spannung so gut wie möglich auszutarieren.
Der Islam scheint auch für manche Menschen aus nichtmuslimischen Ländern attraktiv zu sein. Sie finden dort eine Klarheit und Entschiedenheit, die sie offenbar in der Kirche nicht mehr finden.
Der neue Erzbischof von Wien hat es so formuliert: Ihm mache nicht die steigende Anzahl der Muslime Sorgen, sondern die zurückgehende der Christen. Aber natürlich sind solche Verschiebungen auch eine Anfrage an die Kirche. Aber die Antwort kann nicht sein, sich gewissermaßen zu radikalisieren, um eine falsche Klarheit zu suggerieren.
Apropos neuer Erzbischof: Wie sehen Sie den Wechsel von Kardinal Schönborn zu Josef Grünwidl? Ist das eine Zäsur für die Erzdiözese Wien bzw. die österreichische Kirche?
Ich sehe da keine große Zäsur. Kardinal Schönborn hat aufgrund seiner Persönlichkeit und durch seine lange Amtszeit prägend gewirkt. Josef Grünwidl, der lange Zeit Pfarrer war, weiß von daher sicher sehr gut, was sich an der Basis tut, was die Menschen bewegt, wie sie denken. Daher wird es mit ihm gerade im pastoralen Bereich ein gutes Vorankommen geben.
Ein gutes halbes Jahr davor gab es auch auf weltkirchlicher Ebene einen Wechsel an der Spitze. Da gibt es doch einige Unterschiede zwischen Papst Franziskus und Papst Leo XIV., jedenfalls was die Persönlichkeit, den Stil betrifft. Wie schätzen Sie das ein?
Meine Wahrnehmung ist, dass Leo XIV. in Vielem wieder mehr Ruhe hineingebracht hat. Papst Franziskus hat es gut verstanden, Bilder zu vermitteln, auch im positiven Sinne zu provozieren. Das dürfte nicht die Art des jetzigen Papstes sein. Er versucht vielmehr, in einer sehr ausgleichenden Art und Weise das große Schiff der Kirche nach vorne zu steuern.
Bei der Debatte um kirchliche Reformen geht es seit Jahren im Wesentlichen um die Zulassungsbedingungen zum Priestertum. Aber trotz jahrzehntelanger Debatten sieht es nicht danach aus, als würde sich bei den zentralen Fragen hier etwas ändern, oder?
Ehrlich gesagt, nein. Weil die Fragen aufgrund ihrer Komplexität und Schwierigkeit nicht von Heute auf Morgen lösbar sind. Diese Fragen gibt es ja schon seit Jahrhunderten, sie haben schon in der Reformation eine Rolle gespielt. Was den Zölibat betrifft, so kann man auch fragen: Was gilt für Weltpriester, was für Ordensleute? Und wir müssen auch mitbedenken, dass die katholische Kirche den Anspruch hat, solche Fragen global zu lösen. Da gibt es doch erhebliche Unterschied zwischen Europa, dem Westen und anderen Weltgegenden. Die Kirche muss immer das Ganze im Blick haben und alle mitnehmen.
Sie sind auch Zweiter Vorsitzender der Ordenskonferenz. Die Orden leiden vielfach unter Nachwuchsmangel und Überalterung. Halten Sie diese Entwicklung für umkehrbar – und wenn ja, wie? Kann man geistliche Berufungen fördern?
Wir müssen der Tatsache ins Auge blicken, dass Konvente älter werden, dass Nachwuchs vielfach ausbleibt. Es kommt auch vor, dass Klöster aufgegeben werden müssen. Es wird manches an Aufgaben, die bestimmte Klöster über Jahrhunderte wahrgenommen haben, nicht mehr möglich sein. Aber ich bin auch überzeugt davon, dass das Ordensleben immer eine Aktualität in der Kirche und in der Gesellschaft haben wird: weil die Aktivitäten der Orden immer auch Antworten auf gesellschaftliche Herausforderungen und Nöte sind.
Sie sind Propst eines berühmten und traditionsreichen Stiftes am Rande einer Großstadt. Wie würden Sie den „Markenkern“ von Klosterneuburg beschreiben, was wäre Ihr „Mission Statement“? Auf Ihrer Website steht „Ein Ort. Tausend Geschichten.“ Können Sie das ein bisschen erklären?
Der Slogan soll zum Ausdruck bringen, dass so ein altes Kloster ein ganz spezieller Ort ist, ein geistliches Zentrum. Wenn wir uns die Entwicklung der Seelsorge ansehen, werden solche Zentren immer wichtiger werden; wenn etwa nicht mehr jede Pfarre mit einem Pfarrer versorgt werden kann. Die tausend Geschichten spielen auf unsere lange Geschichte, die aus vielen Geschichten besteht, an – und diese Geschichte soll von uns fortgeschrieben und weitererzählt werden.
In den letzten Jahren hat Klosterneuburg auch für negative Schlagzeilen gesorgt, Stichwort Missbrauch; es gab eine Apostolische Visitation, Ihr Vorgänger ist zurückgetreten. Wo steht das Stift in diesem Prozess der Aufarbeitung jetzt?
Ich glaube, wir haben daraus gelernt. Wir haben eine Präventionsstelle eingerichtet und auch einschlägige Konzepte entwickelt, womit wir durchaus eine Vorreiterrolle einnehmen – zum Schutz der Menschen, gerade auch der Kinder und Jugendlichen, mit denen wir zu tun haben. Aus all dem ist eine innere Haltung entstanden, die solche Fälle in Zukunft weitgehend unmöglich machen soll.
Anton Höslinger CanReg
Der 1970 als Wolfgang Höslinger geborene Klosterneuburger trat mit 19 Jahren ins örtliche Augustiner Chorherrenstift ein (CanReg = Canonici regulares, „regulierte Chorherren“ – eine Bezeichnung für Priester, die nach einer Ordensregel leben). 2023 wurde er zum 67. Propst des 1114 gegründeten Stifts.
Apostolische Visitation
Im Gefolge von Missbrauchsvorwürfen kam es 2020 zu einer Apostolischen Visitation (Untersuchung im Auftrag des Papstes), Kurienbischof Josef Clemens leitete als Apostolischer Delegat gemeinsam mit dem zum Administrator bestellten ehem. Herzogenburger Propst Maximilian Fürnsinn das Stift bis 2023.
Kommentare